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Meidner, Ludwig

(1884 - 1966)

Ludwig Meidner (* 18. April 1884 in Bernstadt an der Weide (Schlesien); † 14. Mai 1966 in Darmstadt) war ein deutscher Maler des Expressionismus, Dichter und Grafiker. Im Gegensatz zu anderen expressionistischen Künstlern, etwa den Malern der Brücke oder des Blauen Reiters wurde Meidner erst spät wiederentdeckt. Erst seit den späten 1980er Jahren, als seine Werke (auch auf dem Kunstmarkt) wieder international Beachtung fanden, gilt er als einer der Hauptvertreter des urbanen Expressionismus.

Meidner bei Wikipedia >>>

Zitate:


"Leider verwirrt heute allerlei Atavistisches die Köpfe. Das Stammeln primitiver Völker beschäftigt auch einen Teil der deutschen Maler-Jugend und nichts scheint wichtiger zu sein als Buschmannmalerei und Aztekenplastik. Auch das wichtigtuende Gerede steriler Franzosen über »absolute Malerei«, über »das Bild« u. a. findet bei uns lauten Widerhall. Aber seien wir ehrlich! Gestehen wir uns nur ein, dass wir keine Neger oder Christen des frühen Mittelalters sind! Dass wir Bewohner von Berlin sind anno 1913, in Cafehäusern sitzen und diskutieren, viel lesen, sehr viel vom Verlauf der Kunstgeschichte wissen und: dass wir alle vom Impressionismus herkamen! Wozu die Manieren und Anschauungen vergangener Zeiten nachahmen, das Unvermögen als das Richtige proklamieren?! Sind diese rohen, mesquinen Figuren, die wir jetzt in allen Ausstellungen sehen, ein Ausdruck unserer komplizierten Seele?! Malen wir das Naheliegende, unsere Stadt-Welt! die tumultuarischen Straßen, die Eleganz eiserner Hängebrücken, die Gasometer, welche in weißen Wolkengebirgen hängen, die brüllende Koloristik der Autobusse und Schnellzugslokomotiven, die wogenden Telephondrähte (sind sie nicht wie Gesang?), die Harlekinaden der Litfaß-Säulen, und dann die Nacht... die Großstadt-Nacht..." (1914)

"Würde uns nicht die Dramatik eines gut gemalten Fabrikschornsteins tiefer bewegen als alle Borgo-Brände und Konstantinsschlachten Raffaels?" (1914)

"Man muss saufen können. Immer eine Rumflasche auf dem Nachttisch. Ein Maler muss viel fressen. Dabei hat er breughelische Einfälle. Tollheiten steigen aus dem prallen Bauch. Man muss Gelächter brüllen wie ein Prolet, dröhnend sich schnäuzen, gemeine Flüche zum besten geben. Dann auch ist es gut, sich weit aus dem Fenster zu beugen, die Sterne anzuulken und den Mond mit Zoten zu beglücken. Nachher sollst du feste schuften, Maler. Schiebe dich mit gewaltigem Ruck vor die Staffelei. Kümmere dich nicht um Schulen und vorgefasste Meinungen, noch um das Gerede der Cafehäuser. Mal' deinen eignen Gram, deine ganz Verruchtheit und Heiligkeit dir vom Leibe."

"Maler, Baukünstler, Skulptoren, denen der Bourgeois hohe Löhne für eure Werke zahlt - aus Eitelkeit, Snobtum und Langeweile - höret: an diesem Gelde klebet Schweiß und Blut und Nervensaft von tausend armen, abgejagten Menschen - höret: das ist ein unreinlicher Gewinn. Ach, wir wollen ja nur leben können und unsere Werke tun zum Preise Gottes! Maler, Dichter und alle Künstler, Kameraden alle: wir müssen uns stark machen: es geht um den Sozialismus. Wir wollen keinen blutbefleckten Lohn mehr. Wollen frei sein, zu unsrer und der Menschheit Lust hinströmen." (1919)

"Für einen geschickten und bankrottierten Maler ist das Fälschen alter und neuer Gemälde immer noch das reellste Geschäft. Und ich möchte wetten, dass morgen heimlicherweise manch einer von uns zum Fälscherberuf abschwenken wird, denn die Nachfrage nach alten Klamotten dürfte dann nicht schwächer geworden sein. Der Porträtmalerei indessen scheint keine große Zukunft mehr zu blühen, denn der Photograph liefert heute billiger, bequemer und schneller, sprechend ähnliche, auf elegant retuschierte Abbilder. Wer wird sich auch künftig noch malen lassen [...] wo die Leute heutigentags sich selber kaum ausstehen können und stets angeekelt sind, wenn sie im Spiegel ihr eigenes, trauriges Ponim erblicken. Die Zahl der Selbsthasser wächst in die Puppen und die Menge derer, die sich aus Kunst nichts macht, wird morgen noch gewaltiger sein ... " (1929)

Ach, da ist die Walstatt künftigen Ruhmes. Mein letztes Bild blutet auf der Staffelei. Es ist wie offene Wunden und Schwären. Noch sieht man, wie die feuchte Farbe brünstig glänzt. Ach, und da ist die Walstatt der Arbeit, blutig und schweißbedeckt, und die Mal-Lappen kreischen herum und es stinkt nach Terpentin und die Palette liegt lang wie ein offener Leib, und meine Händchen erzittern, wenn ich dies alles erschau. Ihr da draußen, die ihr begehrlich in unsere Stuben guckt, was wißt ihr von den Geißelhieben, den Stichwunden, der Atemnot, dem Kälteschauern und der Hitzköpfigkeit alltäglicher schöpferischer Arbeit! Ach, so in ewigem Alleinsein auf eisigem Bergfirst tanzen, auf scharfen Messers Schneide balancieren, den Sternen so nahe, aber immer auch den Tränenschlund zu beiden Seiten gähnend. Ich höre, wie unten die Erwürgten winseln, die nie erlösten, verkrampften Artisten. Ich sehe meinen eignen Leib sich in Qualen sühlen, aber immer zuckt zuletzt die verschmachtende Hand nach dem Pinsel.
(aus: Ludwig Meidner, Hymne auf den hellen Tag, in: Im Nacken das Sternemeer, Leipzig 1918, S. 61-63)

Menzel, Adolf von Matisse, Henri