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Akademisches und Anti-Akademisches

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Akademisches und Anti-Akademisches

(1920)

In den Akademien gibt es sogenannte Meisterateliers, in welchen Schüler, die die Lehrateliers überwunden haben, zu Bildermalern herangezogen werden sollen. Dies geschieht auf die Art, daß die gereiften Schüler, nunmehr angehende Künstler, sich einen der angestellten Lehrer heraussuchen, um unter seiner Leitung und Korrektur Versuche in der Bildermalerei zu machen.

Daß durch diese Art Einführung in die Kunst nur die Mittelmäßigkeit großgezogen wird, ist klar. Denn mehr oder weniger sind es immer dieselben Themata und dieselbe Art und Weise, die man verfolgt, in welcher der Lehrer so vieles erreicht hat; so ziemlich allem ins Gesicht geschlagen, was erstrebenswert sein soll, um der Kunst zu dienen und den Lehrling zu ihrem Priester zu bilden.

So sind seit drei Jahrzehnten etwa Tiroler Bilder à la Defregger in die Welt gesetzt.

Ungezählte Variationen auf den Titel »Alm« sind von Defregger-Schülern wiederholt: »Auf der Alm«, »Abschied, Ankunft von – auf der Alm«, manches Mal Sennhütte genannt; ferner Dialektisches, wie: »Grüeß Di Gott«, »Da setz Di nieder«, oder das einfache »Prost«, auf süddeutsch »G'sundheit«, oder Namen von schönen Tirolerinnen »Katerl«, »Zenzerl« etc.

Die sentimentale Theater-Dämonie des Gabriel Max fand ebenfalls Anklang, indem die Malerei um eine erkleckliche Anzahl Märtyrerinnen, die sich verbrennen oder von wilden Tieren auffressen lassen, vermehrt wurde. Von Diez gar nicht zu reden, der, selbst ein hervorragender Künstler, das Opfer seiner Komponierschüler wurde, die seine Pferde- und Strauchdiebritter in alle Epochen übersetzten und lange Zeit das Charakteristikum Münchener Malerei vertraten.

Natürlich greift diese Methode, die von den Akademien sanktioniert wird, auch in weitere Kreise über. Es gibt immer kaufmännische Talente, die den Erfolg anderer auszuschlachten wissen.

Die bewußten schwimmenden Augen mit schwarzer großer Pupille, die übergedrehten Profile Lenbachs finden sich in Porträts mancher anderen Maler genau so wieder.

Das Greulichste aber, wenn es in diesen Imitationen überhaupt Steigerungen gibt, sind die Nachahmungen Böcklinscher Bilder. In allen Schaufenstern von Kunstläden sieht man da ein aufgehäuftes Maß.

Akademisch ist auch die Rangeinteilung der Künstler in die sogenannten Historienmaler, Genremaler, Landschaftsmaler etc.

Daß natürlich auch manches Mal diese akademischen Einrichtungen dennoch Gutes fördern können, ist nicht lobend diesen anzurechnen, sondern dem fatalistischen Schicksal, das Gutes und Böses nach Laune verteilt.

Der mehrjährige Aufenthalt in den Meisterateliers mit unentgeltlicher Benützung von Modellen und anderer für Bildermalerei absolut notwendigen Möglichkeiten kann für arme Studierende von recht großem Vorteil sein; sie würden vielleicht ohne diesen Unterschlupf keine Aussicht auf die Künstlerlaufbahn haben; – aber könnten darin nicht andere Institutionen geschaffen werden?

Jedenfalls sind die meisten Meisterschüler, nachdem sie nach mehreren Jahren aus der Akademie definitiv entlassen sind, anstatt selbständig geworden zu sein, noch mehr in Banden und Fesseln von eingedrillten Regeln, die sie nun zuerst wieder verlernen müssen, um sich selbst zu finden.

Die Selbständigkeit in dem Schüler – welcher jetzt das Handwerk kennt – zu erwecken, soll die größte Hauptsache sein.

Deshalb möge er für sich selbst bleiben und nach seiner eigenen Überzeugung arbeiten, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Daß das Mißlungene nicht abschrecken soll, Neues anzugreifen, habe ich bereits des öfteren wiederholt. Den größten Schatz trägt man in sich selbst: »Seine Individualität«. Und daß diese zum Ausdruck kommen muß, sei das Streben des jungen Künstlers.

Man glaube aber nicht diese dadurch zu motivieren, daß man ganz neue Stoffe für seine Bilder sucht. Der Stoff kann hundertfach behandelt sein; wie der bestimmte Maler ihn auffaßt, das macht das Bild neu und zum Kunstwerk. Lenbach sagte einst:

»Wenn ein Maler mit all seiner Kraft, die ihm zu Gebote steht, an einem Werke arbeitet, so werden Sachen darin enthalten sein, die ein anderer nicht machen kann.«

Das ist eben sein Eigenstes; aber man muß auch nicht denken, individuell sein wollen mit Absicht. Das steckt, wie eben gesagt, in uns drin, und kommt zum Vorschein ganz ohne unser Gebet.

Die Kunstgeschichte lehrt uns, daß die italienischen Künstler von Giotto bis Rafael immer dieselben Motive aus der Bibel oder aus den Legenden zur Darstellung gebracht haben und dennoch sind einzelne, kraft ihrer Persönlichkeit, originell und im Ruhm unsterblich geworden.

In seinem Vermächtnis schreibt u.a. Anselm Feuerbach an die angehenden Kunstjünger: »Studiert die alten Meister, legt zur rechten Zeit Eure eigene Individualität in die Wagschale, dann werdet Ihr ziemlich genau erkennen, was Ihr vermögt. Andere Wege gibt es heutzutage nicht.«

»Nie aber ist das Richtige das, was Ihr macht, sondern, wie Ihr es macht, – das beherziget wohl!«

Die Malerei ist eine rein sinnliche Empfindungskunst, die mit keinen textlichen Erklärungen verquickt werden soll. Deshalb habe ich bereits am Anfang dieses Kapitels auf das Unkünstlerische jener Machwerke, die auf die schlechten Instinkte des flachen Publikums durch Ideeunterschiebungen spekulieren, hingewiesen.

Wenn ich nun hier Belehrungen niederschreibe, so will ich nicht in die Fehler der Akademien verfallen, Regeln gefrieren zu lassen, sondern nur Wahrheiten und Erfahrungen zum besten geben, die ich und andere im Laufe der Jahre gewonnen haben. Es wird noch genug des eigenen Suchens für jeden übrig bleiben.

Ehe ich die einzelnen Arten der Bildermalerei erklären werde, will ich noch einmal für sämtliche Bildwerke die Wichtigkeit der Raumverteilung ins Gedächtnis zurückrufen.

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Quelle: Corinth, Lovis: Das Erlernen der Malerei. Berlin: Bruno Cassirer, 1920, S. 129-133.