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Kandinsky

(1913)

Wie freue ich mich, über Kandinsky schreiben zu dürfen. Wenn ich ihn mir im Geiste vorstelle, sehe ich ihn immer in einer breiten Straße, in der sich fratzenhafte schreiende Gestalten drängen; mitten durch sie geht ruhig ein kluger Mensch: das ist er. Kubin müßte ihn so zeichnen.

Kandinskys Bilder dagegen sehe ich in meiner Vorstellung ganz abseits der Straße in die blaue Himmelswand getaucht; dort leben sie in Stille ihr Feierleben. Sie sind heute noch da und werden bald ins Dunkle der Zeitenstille entweichen und strahlend wiederkommen wie Kometen.

Wenn ich an diese Bilder denke und zugleich an das, was der Europäer ›Malerei‹ zu nennen sich gewöhnt hat, so habe ich ein Bild in meiner Vorstellung, wie der ›Geist‹ die Malerei heimsucht; ja und schwer heimsucht! Sie hatte sich so wohl ohne ihn gefühlt und ist nun höchst erschrocken und schlägt verzweifelt um sich, um den ›Geist‹ nicht eindringen zu lassen. Das müßte Paul Klee zeichnen. Nur er könnte das.

Und noch etwas empfinde ich, wenn ich an Kandinskys Bilder denke: eine unsagbare Dankbarkeit, daß es wieder einmal einen Mann gibt, der Berge ver setzen kann. Und mit welch vornehmer Geste hat er dies getan. Es ist eine unaussprechliche Beruhigung, dies zu wissen.

Wie töricht sind alle Versuche, gegen Kandinskys Kunst anzugehen. Da gibt es eine besondere Art von Denkern, die heute noch ernsthaft erörtern, wieweit Kandinskys Kunst überhaupt möglich und vorstellbar ist; sie vergessen vollständig, daß diese Bilder ja längst gemalt sind, schon da sind. Jedermann kann sie sehen. Aber so ist es: alle, die ihr trockenes Herz nicht klopfen fühlen vor den großen Werken, schmähen nach gemeiner Leute Art eben diese Werke, statt an sich selbst einige einfache Fragen zu stellen. Sie holen eine verstaubte Logik aus dem Winkel ihrer Schulerinnerungen und prüfen mit ihr die Bilder. Sie messen die Flugkraft des Vogels mit dem Zollstab.

Lassen wir sie. Es ist schade um Zeit und Wort. Es gibt ganz Anderes, über das man nachdenken muß. Können Dinge, die einmal geschaffen sind, wieder vergehen? Können sie geleugnet oder auch nur von der Stelle gerückt werden? Wir Maler kennen jenen geheimnisvollen Moment in unsrer Arbeit, in dem das Werk zu atmen beginnt. Es fällt von uns ab und beginnt sein eigenes Leben. Waren wir auch zu Beginn Herr des Bildes, so werden wir in diesem Moment sein Sklave. Es sieht uns fremd, groß, mahnend, zwingend an. Das Früh oder Spät dieses wun derbaren Augenblickes gibt ein feines Kriterium der Kunst ab. Wir Maler wissen dies. Manche, Allzuviele, bleiben bis zum Ende die Herren ihrer Bilder. Je gebieterischer der Maler in der Welt auftritt, desto armseliger, sklavischer sehen gewöhnlich seine Bilder aus. Darum werden diese Maler im Leben immer mehr gefeiert als ihre Bilder, an denen nichts zu feiern ist, da sie ja nur nach Vorschrift ihrer Herren entstanden sind, – ein trauriges Symptom aus dem Lebenslauf vieler, vieler unsrer berühmten Maler; sie schufen als Jünglinge mit ehrlicher Hingabe ihre ersten schönen Sachen und enden als große Herren mit ganz dummen Erzeugnissen.

Die echten Werke lösen sich nach dem ersten Anfang schon von dem Willen des Schöpfers ab. Es scheint mir, daß heute gar nicht viel solche Werke entstehen. Zu den seltenen Ausnahmen gehören die Werke Kandinskys; sie sind nicht aus sterblichem Willen geformt; ihr Eigenleben läuterte sein Wollen und hielt ihn bei der Arbeit in Bann; ihr Sein ist unsterblich. Ich sehe sie wieder, an die Himmelswand gestellt – warum sollen wir nicht glauben, daß ein Erzengel sie dort gemalt hat, Dinge aus seinem Reich, durch die Hand unseres Freundes Kandinsky?

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›Kandinsky‹ (November 1913)
Aus: DER STURM, 4. Jahrgang 1913/14, Nr. 186/187, November 1913, S. 130
Manuskript verschollen