Erlebnis und Hieroglyphe

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Ernst Ludwig Kirchner

 

Erlebnis und Hieroglyphe

 

 

Quelle: Kirchner, Ernst Ludwig: Tagebuch. Aus: Grisebach: E. L. Kirchners Davoser Tagebuch. Köln 1968.

 

Ernst Ludwig Kirchner, 1880-1938, gründete 1905 zusammen mit Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff in Dresden die Künstlergemeinschaft „Die Brücke", der später auch Emil Nolde, Max Pechstein und Otto Müller angehörten. Neben der Malerei spielte für Kirchner der Holzschnitt als künstlerisches Medium eine große Rolle.

 

 

1

 

Wenn der Philister die Jungen angreift, glaubt er das am besten zu tun, wenn er ihr Zeichnen tadelt, und mit scheinbarem Recht. Ist es doch kein sachliches Tastbild von Formen mehr, sondern das erste intuitive Gestalten des sichtbaren Erlebnisses auf der Fläche. Eines der wichtigsten Mittel, diese erste Intuition zu fassen, ist der Holzschnitt, der aus den gezeichneten Formen durch seine mühsame Technik Hieroglyphen macht. Der Maler von heute zeichnet mit derselben Leichtigkeit wie ein [...] anderer Mensch schreibt, das hat seine großen Nachteile, die Klimt zum Beispiel dadurch zu überwinden suchte, daß er mit der linken Hand zu zeichnen anfing. Man kann ruhig sagen, daß das ein Ausweg, aber keine Lösung ist. Die Gefahr der Deutschen steckt im Kopf und nicht in den Händen. Der Mensch, der das Schöne aus dem Inneren und nicht aus der äußeren Schönheit entwickelt, müßte innen erzittern ob ihrer Vielgestaltigkeit und seine eigene Ungeschicklichkeit nicht ganz durch starkes Arbeiten zu überwinden trachten. Er wird immer neue Formen sehen, die seine Hand in ehernen Zügen in seiner Ekstase festhält. Immer wenn wieder sich 0 > —  [...] zur Hieroglyphe verbindet, die der [meister]hafte Holzschnitt zu festen Formen fixiert. Insoweit steht die Arbeit vielleicht gleich der des begabten Kindes oder Wilden, das, was uns heute und doch wohl zu allen Zeiten das Kunstwerk aus der Masse der malerischen Produktion heraushebt, ist die Verbindung, die diese Hieroglyphe mit der [Grundjfläche des Bildes zu einem Ganzen verbindet, diese Verbindung kann man dekorativ nennen. Sie ist aber mehr als das. Sie ist das eigentlich schöpferische Kunstwerk selbst. Man wird nie für das Schaffen selbst Regeln aufstellen können, man kann aber immer, wenn man es will, sie in den fertigen Werken ablesen. Jeder Meister hat [...] seine ihm allein angehörenden. Sie sind das einzig sichere Argument, diesen vom Stümper und vom raffiniertesten Eklektiker zu unterscheiden [...]

 

2

 

Die Malerei ist die Kunst, die auf der Fläche ein Erlebnis darstellt. Das Mittel der Malerei ist die Farbe in Linie und Fläche. Der Maler gestaltet die okulare Konzeption seines Erlebnisses zum Werk. Durch stete Übung weiß er seine Mittel anzuwenden. Es gibt keine festen Regeln dafür. Die Gesetze für das einzelne Werk bilden sich bei der Arbeit, aus der Aufgabe, der Art der Technik und der Persönlichkeit des Schaffenden. Man kann wohl Gesetze am fertigen Werke ablesen, aber niemals auf Vorwurf und Gesetzen ein Kunstwerk aufbauen. Die sinnliche Lust am Gesehenen ist der Ursprung aller bildenden Kunst von Anfang an. In der heutigen Zeit übernimmt die Photographie die exakte Darstellung, und die davon frei gewordene Malerei bekommt ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten. Die Art der Darstellungsweise wie der Gegenstand der Darstellung erfährt einen riesigen Umfang und Reichtum. Die instinktive Steigerung der Form im künstlerischen Erlebnis wird impulsiv auf die Fläche übertragen, und die früheren Darstellungsvorschriften wie Perspektive, Anatomie etc. werden zu gelegentlich angewandten Hilfsmitteln der Komposition unter vielen anderen. Der Weg zur restlosen Umsetzung des Erlebnisses in die Arbeit ist frei, und frei entsteht das Kunstwerk durch den Willen des Schaffenden.

 

Diese Sätze schrieb ich 1912 für eine nicht erschienene Publikation. Was ich damals voraussah, ist längst Tatsache geworden. In allen Ländern ringt sich eine neue freie Kunst ans Licht, eine freie Kunst, die aus dem modernen Leben schöpft und Schulter an Schulter mit Technik und Wissenschaft die Religion des freien modernen Menschen zu werden verspricht.

 

Während ein Trupp Künstler in mühevoller Feinarbeit im Atelier die Grundlagen einer neuen Formung theoretisch zu finden sucht (die Abstrakten), wirft sich ein anderer mit offenem Herzen und Augen in den Strom des modernen Lebens und glaubt durch leidenschaftliche, sofortige UmSetzung des Erlebten zur Gestaltung der zu uns gehörenden Form zu gelangen. Alle diese verschiedenen Strömungen in der neuen Kunst machen heute das Bild der Ausstellungen reich und vielgestaltig und ziehen auch der Kunst Fernstehende in ihren Bann. Ich selbst erlebte es oft bei Ausstellungen, daß Leute, die sich bis dahin nie für Malerei interessiert hatten, plötzlich anfingen, Bilder oder Zeichnungen zu erwerben, die sie durch ein paralleles Erlebnis mit der Darstellung irgendwie gepackt hatten.        

 

1912 / 1919 / 1926

 

 

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Literatur:

 

Grohmann, Will: E. L. Kirchner. Stuttgart 1958.
Buchheim, Lothar-Günther: Die Künstlergemeinschaft Brücke. Feldafing 1956.