1914 Über Lehmbruck

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ANDRÉ SALMON

 

Lehmbruck lebte von 1910 bis 1914 in Paris. In seinen Ateliers, zuerst in der rue de Vaurigard, später in der avenue du Maine, schuf er nicht weniger als 36 Skulpturen. Sein Pariser Aufenthalt markiert einen Wendepunkt in seinem Schaffen. Die Ruhe und Üppigkeit seiner Aktdarstellungen aus der Welt der Antike weichen einer expressionistischen Stilisierung, die an Minne und vielleicht auch an einige Skulpturen von Matisse erinnert. Die Körper werden länger, wirken mit ihren schlanken Gliedmaßen wie Strebebogen. Die Gesichter drücken eine beinahe schmerzhafte Introvertiertheit aus. Gemeint sind die Kniende Frau und zwei große Skulpturen, die Lehmbruck 1914 für die 'Werkbund'-Ausstellung in Köln geschaffen hat: Die Männliche Figur und die Träumerin, die beide nicht mehr erhalten sind. Ihre 'gotisierenden' Formen fielen vor allen den deutschen Besuchern Meier-Graefe, Paul Westheim und Ludwig Meidner auf. Auch den Pariser Künstlern blieb nicht verborgen, daß Lehmbruck vor allem die Werke von Brancusi mehr oder weniger gut gekannt hat. So hat man eine Art Geistesverwandtschaft zwischen einigen Werken von Brancusi, Modigliani, Derain und Lehmbruck feststellen wollen, der wiederum seine Kollegen Archipenko, Lipchitz und Zadkin interessierte. Eine Ausstellung, von der Apollinaire berichtet, fand im Juni 1914 in der Galerie Levesque statt. Im Vorwort zum Katalog beschreibt André Salmon den neuen Stil des Künstlers.

 

 

 

 

Lehmbruck in Paris

 

in: Vorwort zur Ausstellung in der Galerie Levesque & Cie, 1914

 

 

 

Die Kunst Lehmbrucks ist weitgehend für die lebhafte rheinische Lebensart bezeichnend, die alle Kunst begünstigt, die der bösen Heiterkeit eines Heinrich Heine standhalten kann und die sonst nirgendwo in Deutschland ihresgleichen findet.

 

Es ist natürlich Keinem verwehrt, sich daran zu erinnern, daß Lehmbruck sein Talent in Frankreich entwickelt hat. Zumindest ist er aber nicht einer von denen, die einen gefährlichen einheitlichen Stil anstreben, der die künstlerische Freiheit zu einer Art europäischer Kunst nivelliert: diesem Gewächs, das aus dem Zusammentreffen der intellektuellen Elite aus verschiedenen Ländern in den großen Zentren wie Paris, München oder Florenz entstanden ist.

 

Wenn ich auch darauf bestehe, daß die Kunst Lehmbrucks typisch rheinisch ist, so möchte ich doch hinzufügen, daß er zunächst nach der Klarheit des Klassizismus strebt. Unabhängig vom Standort oder von den Lichtverhältnissen - meiner Ansicht nach die beiden wichtigsten Kriterien für die Beurteilung einer Plastik - erscheint eine Skulptur von Lehmbruck immer heller als die umliegenden Dinge; sie absorbiert förmlich das meiste Licht und läßt es uns empfinden.

 

Die Handschrift des Künstlers zeigt sich in der Sparsamkeit der Bewegungen und in der architektonischen Anordnung der Linien. Ich denke insbesondere an eine der beiden Aktfiguren, die mit einer großartigen Geste die gesamte Atmosphäre eines Kasinos in Köln einfangen; an diese Frau, deren halbverlorener Blick und die ruhige Armbewegung einen ganz intensiven Traum ausdrücken. Eine Figur, bei der man sich menschliches Sehnen in einer Abendstimmung vorstellt. Denken Sie an dieses festverankerte menschliche Trugbild: Beide Figuren richten sich auf, sie drücken Kraft aus, sind aus einem wahren Streben nach oben entstanden. Das ist für seine Bildhauerkunst das wesentliche, das heißt charakteristische Merkmal. Dabei sieht es so aus, als ob die Skulptur leicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden könnte, denn ein fast zierlicher Unterbau nur trägt den schweren Körper: den wohlgeformten starken Rücken der Frau, die athletischen Schultern und den Brustkorb des Mannes. Ist ein Vergleich zu wirklicher Materie, der durch die sinnvolle Berücksichtigung eines physikalischen Gesetzes ermöglicht wird, nicht mehr wert als jene Verschwendung von sentimentaler Erfindung, die nichts systematisch erfaßt und die nur allzuoft vorgibt, sich über die gegebenen Eigenschaften der Materie hinwegzusetzen?

 


 

 

Der Bildhauer Lehmbruck

 

in: >Paris-Journal<, 26. Juni 1914

 

Dieser deutsche Bildhauer ist kein Unbekannter in Paris, wo zur Zeit seine erste eigene Ausstellung in der Galerie Levesque stattfindet. Man kannte bereits seine bei den "Indépendants" und im Herbst-Salon ausgestellten Werke. Er ist ein talentierter Mann, gewiß, und weder Herr Meier-Graefe noch André Salmon irren sich, wenn sie dies versichern. Er ist allerdings ein archaisches Talent, das sich noch weniger an die heutige Sensibilität wendet als das hellenisierende Handwerk Nadelmanns.

 

Man spricht von Lehmbruck wie von einem kleinen Jean Goujon. Das ist vortrefflich. Wird Klein- Goujon einmal groß? Ja, wenn man ihm Wolkenkratzer, Paläste in Südafrika oder Ozeanien zum Ausgestalten gibt, denn eine archaische Skulptur wäre anderswo schwer zu ertragen, vor allem nicht in Paris, dem der Louvre, die Fontaine des Innocents sowie die ausgezeichneten Artikel von Herrn Péladan genügen.