Realistik - Abstraktion

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Wassily Kandinsky

 

Die große Abstraktion - die große Realistik

 

 

Quelle: Kandinsky, Wassily: Über die Formfrage. In: „Der blaue Reiter". Neuausgabe von Klaus Lankheit. München 1965, S. 147-156.

 

Wassily Kandinsky, 1866-1944, russischer Maler, arbeitete nach ausgedehnten Reisen ab 1907 in München, wo er zusammen mit den deutschen Malern Franz Marc, August Macke, Paul Klee die Künstlervereinigung „Der blaue Reiter" gründete, malte bereits 1910 sein erstes abstraktes Bild. In den zwanziger Jahren (ab 1922) wird er Lehrer am Bauhaus, lebte ab 1933 bis zu seinem Tode in Frankreich. Wichtige theoretische Schriften begleiten sein künstlerisches Schaffen: „Über das Geistige in der Kunst", 1912, „Punkt und Linie zu Fläche", 1926.

 

 

 

 

[...] Die vom Geiste aus der Vorratskammer der Materie herausgerissenen Verkörperungsformen lassen sich leicht zwischen zwei Pole ordnen. Diese zwei Pole sind:

 

1.        die große Abstraktion,

 

2.        die große Realistik.

 

Diese zwei Pole eröffnen zwei Wege, die schließlich zu einem Ziel führen.

 

Zwischen diesen zwei Polen liegen viele Kombinationen der verschiedenen Zusammenklänge des Abstrakten mit dem Realen. Diese beiden Elemente waren in der Kunst immer vorhanden, wobei sie als das „Reinkünstlerische" und das „Gegenständliche" zu bezeichnen waren. Das erste drückte sich im zweiten aus, wobei das zweite dem ersten diente. Es war ein verschiedenartiges Balancieren, welches scheinbar im absoluten Gleichgewicht den Höhepunkt des Idealen zu erreichen suchte. Und es scheint, daß man heute in diesem Ideal kein Ziel mehr findet, daß der die Schalen der Waage haltende Hebel verschwunden ist und daß beide Schalen als selbständige, voneinander unabhängige Einheiten ihre Existenzen getrennt zu führen beabsichtigen. Und auch in diesem Zerbrechen der idealen Waage sieht man „Anarchistisches". Dem angenehmen Ergänzen des Abstrakten durch das Gegenständliche und umgekehrt hat die Kunst scheinbar ein Ende bereitet. Einerseits wird dem Abstrakten die divertierende Stütze im Gegenständlichen genommen, und der Beschauer fühlt sich in der Luft schweben. Man sagt: die Kunst verliert den Boden. Andererseits wird dem Gegenständlichen die divertierende Idealisierung im Abstrakten (das „künstlerische" Element) genommen, und der Beschauer fühlt sich an den Boden genagelt. Man sagt: die Kunst verliert das Ideal.

 

Diese Vorwürfe wachsen aus dem mangelhaft entwickelten Gefühl. Die Gewohnheit, der Form die Hauptaufmerksamkeit zu schenken, und die daraus fließende Art des Beschauers, d. h. das Hängen an der gewohnten Form des Gleichgewichtes, sind die verblendenden Kräfte, die dem freien Gefühl keine freie Bahn lassen. [...] Die erwähnte, erst keimende große Realistik ist ein Streben, aus dem Bilde das äußerliche Künstlerische zu vertreiben und den Inhalt des Werkes durch einfache („unkünstlerische") Wiedergabe des einfachen harten Gegenstandes zu verkörpern. Die in dieser Art aufgefaßte und im Bilde fixierte äußere Hülse des Gegenstandes und das gleichzeitige Streichen der gewohnten aufdringlichen Schönheit entblößen am sichersten den inneren Klang des Dinges. Gerade durch diese Hülse bei diesem Reduzieren des „Künstlerischen" auf das Minimum klingt die Seele des Gegenstandes am stärksten heraus, da die äußere wohlschmeckende Schönheit nicht mehr ablenken kann1. [.. .] Und das ist nur darum möglich, weil wir immer weiter kommen auf dem Wege, die ganze Welt so, wie sie ist, also in keiner verschönenden Interpretation hören zu können.

 

Das zum Minimum gebrachte „Künstlerische" muß hier als das am stärksten wirkende Abstrakte erkannt werden.

 

Der große Gegensatz zu dieser Realistik ist die große Abstraktion, die aus dem Bestreben, das Gegenständliche (Reale) scheinbar ganz auszuschalten, besteht und den Inhalt des Werkes in „unmateriellen" Formen zu verkörpern sucht. Das in dieser Art aufgefaßte und im Bild fixierte abstrakte Leben der auf das Minimale reduzierten gegenständlichen Formen und also das auffallende Vorwiegen der abstrakten Einheiten entblößt am sichersten den inneren Klang des Bildes. Und ebenso, wie in der Realistik durch das Streichen des Abstrakten der innere Klang verstärkt wird, so auch in der Abstraktion wird dieser Klang durch das Streichen des Realen verstärkt. Dort war es die gewohnte äußere wohlschmeckende Schönheit, die den Dämpfer bildete. Hier ist es der gewohnte äußere unterstützende Gegenstand. Zum „Verständnis" dieser Art Bilder ist auch dieselbe Befreiung wie in der Realistik nötig, d. h. auch hier muß es möglich werden, die ganze Welt, so wie sie ist, ohne gegenständliche Interpretation hören zu können. Und hier sind diese abstrahierten oder abstrakten Formen (Linien, Flächen, Flecken usw.) nicht selbst als solche wichtig, sondern nur ihr innerer Klang, ihr Leben. So wie in der Realistik nicht der Gegenstand selbst oder seine äußere Hülse, sondern sein innerer Klang, Leben wichtig sind.

 

Das zum Minimum gebrachte „Gegenständliche" muß in der Abstraktion als das am stärksten wirkende Reale erkannt werden3. So sehen wir schließlich: wenn in der großen Realistik das Reale auffallend groß erscheint und das Abstrakte auffallend klein und in der großen Abstraktion dieses Verhältnis [...] umgekehrt zu sein scheint, so sind im letzten Grunde (= Ziele) diese zwei Pole einander gleich. Zwischen diesen zwei Antipoden kann das Zeichen des Gleichnisses gestellt werden: Realistik = Abstraktion, Abstraktion = Realistik.

 

Die größte Verschiedenheit im Äußeren wird zur größten Gleichheit im Inneren. [...]

 

1  Den Inhalt des gewohnten Schönen hat der Geist schon absorbiert und findet keine neue Nahrung darin. Die Form dieses gewohnten Schönen gibt dem faulen körperlichen Auge die gewohnten Genüsse. Die Wirkung des Werkes bleibt im Bereiche des Körperlichen stecken. Das geistige Erlebnis wird unmöglich. So bildet oft dieses Schöne eine Kraft, die nicht zum Geist, sondern vom Geist führt.

 

2  Die quantitative Verminderung des Abstrakten ist also der qualitativen Vergrößerung des Abstrakten gleich. Hier berühren wir eins der wesentlichsten Gesetze: das äußere Vergrößern eines Ausdrucksmittels führt unter Umständen zum Vermindern der inneren Kraft desselben. Hier ist 2 + 1 weniger als 2 — 1. Dieses Gesetz offenbart sich natürlich auch in der kleinsten Ausdrucksform: ein Farbenfleck verliert oft an der Intensität und muß an der Wirkung verlieren -durch äußere Vergrößerung und durch die äußere Steigerung der Stärke. Eine besonders große Farbenbewegung entsteht oft durch das Hemmen derselben; ein schmerzlicher Klang kann durch direkte Süße der Farbe erzielt werden usw. Das alles sind Äußerungen des Gesetzes des Gegensatzes in seinen weiteren Folgen. Kurz gesagt: aus der Kombination des Gefühls und der Wissenschaft entsteht die wahre Form. Hier muß ich wieder an den Koch erinnern! Die gute körperliche Speise entsteht auch aus der Kombination eines guten Rezeptes (wo alles genau in Pfund und Gramm bezeichnet ist) und aus dem lenkenden Gefühl. Ein großes Merkmal unserer Zeit ist das Aufgehen des Wissens: die Kunstwissenschaft nimmt allmählich den ihr gebührenden Platz ein. Das ist der kommende „Generalbaß", welchem natürlich eine unendliche Wechsel- und Entwicklungsbahn bevorsteht!

 

3  Also am anderen Pol treffen wir dasselbe eben erwähnte Gesetz, wonach die quantitative Verminderung der qualitativen Vergrößerung gleich ist.

 

 

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Literatur:

 

Grohmann, Will: Wassily Kandinsky. Köln 1958.
Stelzer, Otto: Die Vorgeschichte der abstrakten Kunst. Denkmodelle und Vor-Bilder. München 1964.
Kandinsky, Wassily: Über das Geistige in der Kunst. Bern 1952 (Neuausgabe).