Leibniz - Zitate

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"Die Ordnung, das Ebenmaass, die Uebereinstimmung entzücken uns; die Malerei und die Musik sind Funken davon; aber Gott ist ganz Ordnung, er bewahrt stets die Richtigkeit der Verhältnisse und er bewirkt die allgemeine Uebereinstimmung. Alles Gute ist eine Ausbreitung seiner Strahlen."

 

(Leibniz: Die Theodicee)

 


 

   § 4. Philalethes. Ich gestehe, daß, wenn der Geist stark damit beschäftigt ist, gewisse Gegenstände zu betrachten, er sich in keiner Weise des Eindruckes bewußt wird, den gewisse Körper auf das Gehörorgan machen, obgleich dieser Eindruck ziemlich stark sein mag; er bringt aber keine Wahrnehmung hervor, wenn die Seele nicht davon Notiz nimmt.

 

   Theophilus. Ich würde vorziehen, zwischen Wahrnehmung und Bewußtsein zu unterscheiden. Die Wahrnehmung des Lichts oder der Farbe z.B., deren wir uns bewußt sind, ist aus einer Menge kleiner Wahrnehmungen zusammengesetzt, deren wir uns nicht bewußt sind, und ein Geräusch, von dem wir Wahrnehmung haben, aber auf das wir nicht achtgeben, wird durch eine kleine Zugabe oder Vermehrung fähig, ins Bewußtsein zu fallen. Denn wenn das, was vorhergeht, nicht auf die Seele wirkte, so würde diese kleine Zugabe auch nicht darauf wirken, und das Ganze auch nicht.

 

   § 8. Philalethes. Es ist hier der Ort zu bemerken, daß die Vorstellungen, welche aus der Sinnlichkeit stammen, bei Erwachsenen oft durch das Urteil des Geistes, ohne daß sie sich dessen bewußt sind, verändert werden. Die Vorstellung einer Kugel von gleichmäßiger Farbe stellt einen dachen Kreis von verschiedener Schattierung und Beleuchtung dar. Aber da wir die Bilder der Körper und die Veränderungen der Lichtreflexe nach der Gestaltung ihrer Oberfläche zu unterscheiden gewohnt sind, so setzen wir an Stelle dessen, was uns erscheint, die Ursache

des Bildes selbst und verwechseln so das Urteil mit dem Anblick.

 

   Theophilus. Dies ist vollkommen wahr, und darin besteht das Mittel der Malerei, uns durch den Kunstgriff einer richtig verstandenen Perspektive zu täuschen. Wenn die Ränder des Körpers platt sind, so kann man sie darstellen, ohne Schatten anzuwenden, indem man sich nur der Konturen bedient und die Malereien einfach nach der Weise der Chinesen, aber mit besserer Proportion, als jene, entwirft. Auf eben diese Art pflegt man Medaillen zu zeichnen, damit der Zeichner sich weniger von den genauen Zügen der Antiken entferne. Aber genau läßt sich das innere eines Kreises von dem Innern einer von diesem Kreise begrenzten sphärischen Fläche ohne Hilfe von Schatten nicht unterscheiden, da das Innere des einen wie der anderen weder hervorstehende Punkte noch unterscheidende Züge hat, obgleich zwischen ihnen freilich ein sehr großer, bemerkenswerter Unterschied besteht. Herr v. Argues hat deswegen über die Stärke der Far-

bentöne und Schatten eigene Vorschriften gegeben. Wenn uns also ein Gemälde täuscht, so irren wir auf zweifache Art in unserem Urteil. Zuerst nämlich setzen wir die Ursache für die Wirkung und glauben das, was die Ursache des Bildes ist, unmittelbar zu sehen, worin wir ein wenig jenem Bunde gleichen, welcher gegen einen Spiegel anbellt. Denn eigentlich sehen wir nichts weiter als das Bild und werden nur von den Strahlen affiziert. Da nun die Lichtstrahlen eine, wenn auch nur geringe Zeit bedürfen, so ist es möglich, daß der Gegenstand in dieser Zwischenzeit zerstört und

nicht mehr da ist, wenn der Strahl zum Auge gelangte was aber nicht mehr ist, kann auch nicht ein dem Gesichte gegenwärtiger Gegenstand sein. Zweitens täuschen wir uns auch, indem wir die eine Ursache für die andere setzen und etwa glauben, daß das, was nur von einem dachen Gemälde kommt, von einem Körper abgeleitet sei, dergestalt, daß in diesem Falle unsere Urteile zugleich eine Metonymie und eine Metapher begehen, denn auch die rhetorischen Figuren werden zu Sophismen, wenn sie uns täuschen. Diese Verwechslung der Wirkung mit der Ursache, sei sie

die wahre oder die vorgebliche kommt auch sonst noch bei unseren Urteilen vor.

 

(Leibniz: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand)