Kunst und Erleben

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Vincent van Gogh

 

Kunst und Erleben (1880-1890)

 

 

Quelle: An Emile Bernard 1889 Saint Remy. In: Künstler über Kunst. Hrsg. Eckstein, H., Darmstadt 1954, S. 166 f. An Bruder Theo (verschiedene Briefstellen). Aus: Hess, Walter: Dokumente zum Verständnis der modernen Malerei, rde 19. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Hamburg 1956, S. 24, 27, 28.

 

Vincent van Gogh, geb. 1853 in Groot Zundert (Holland), gest. 1890 in Auvers-sur-Oise, holländischer Maler, malte zunächst (seit 1880) Bauern- und Arbeiterbilder, übersiedelte 1886 nach Paris, wo er durch Vermittlung seines Bruders Theo, eines Kunsthändlers, die Impressionisten kennenlernte. Seinen eigentlichen Stil fand er in Arles (ab 1888). 1889 begab er sich in eine Nervenheilanstalt und starb nach seiner Entlassung durch Selbstmord.

 

 

 

1

 

Ich sehe in der ganzen Natur, z. B. in den Bäumen, Ausdruck, sogar Seele. [...] Ich habe versucht, in die Landschaft dieselbe Empfindung zu legen wie in die menschliche Figur; das gleichsam krampfhafte und leidenschaftliche Sicheinwurzeln in die Erde und ein dabei doch halb Losgelöstsein durch die Stürme. Ich wollte etwas vom Kampf des Lebens darin ausdrücken. [...] Die windgepeitschten Bäume waren prachtvoll, in jedem Figur möchte ich sagen, ich meine, in jedem ein Drama. [...]

 

2

 

Die Erregung, der Ernst des Naturgefühls sind manchmal so stark; man fühlt gar nicht, daß man arbeitet. Mitunter kommen die Striche Schlag auf Schlag und folgen sich wie Worte in einem Gespräch oder in einem Brief . .. Man muß das Eisen schmieden, solange es heiß ist ... Dann spüre ich noch das Leben, wenn ich ganz wild die Arbeit herausstoße. [...] So alleine, so isoliert, rechne ich mit der Erregung gewisser Augenblicke, und dann lasse ich mich bis zum Exzeß gehen. [...] In manchen Augenblicken überkommt mich eine so schreckliche Hellseherei. [...] Die Erregungen, die mich vor der Natur ergreifen, steigern sich bei mir bis zum Ohnmächtigwerden. [...] Ich habe Augenblicke, wo die Begeisterung bis zum Wahnsinn oder zur Prophetie gestiegen ist. [...]

 

3

 

Ich weiß nicht, ob irgendwer vor mir von der suggestiven Farbe gesprochen hat. (...) Ich will Dir ein Beispiel geben. Ich will das Bild eines Freundes machen, eines Künstlers, der große Träume träumt. - Dieser Mann wird blond sein. Ich möchte in das Bild meine ganze Bewunderung malen, alle Liebe, die ich zu ihm habe. Ich werde ihn also malen, wie er ist, so getreu ich kann, um anzufangen. Aber damit ist das Bild nicht fertig. Um es zu vollenden, werde ich jetzt willkürlicher Kolorist. Ich übertreibe das Blond der Haare: ich komme zu orange Tönen, zu Chromgelb, zur hellen Zitronenfarbe. Hinter den Kopf male ich, anstelle der gewöhnlichen Mauer eines gemeinen Zimmers, das Unendliche. Ich mache einen Grund vom kräftigsten Blau, das ich herausbringe. Und so bekommt der blonde leuchtende Kopf auf dem Hintergrund von reichem Blau eine mystische Wirkung, wie der Stern im tiefen Azur. (...) Ich habe zwei neue Modelle, eine Arleserin mit einem alten Bauern. Diesmal stelle ich sie vor einen lebhaften orange Hintergrund. Wenn ich auch nicht einen Sonnenuntergang vortäuschen will, so ergibt es trotzdem die Suggestion des Gefühls eines solchen. [...] Man muß die Liebe zweier Liebenden durch die Ehe zweier Komplementärfarben, durch ihre Mischung und durch ihre Ergänzung und die geheimnisvolle Vibration der verwandten Töne ausdrücken. [...] Ich versuchte [in dem Bild ,Nachtcafe'] mit dem Rot und dem Grün die schreckliche Leidenschaft der Menschen auszudrücken. — Es ist eine Farbe, nicht wörtlich wahr vom Standpunkt des Realismus, der Augentäuscher, aber eine suggestive Farbe, welche eine Bewegung des glühenden Gefühls ausdrückt. [...] Ich versuchte auszudrücken, daß das Cafe ein Ort ist, wo man verrückt werden und Verbrechen begehen kann. Ich versuchte es durch den Gegensatz von zartem Rosa, blutroter und dunkelroter Weinfarbe, durch ein süßes Grün und Veronesergrün, das mit Gelbgrün und hartem Blaugrün kontrastiert. Dies alles drückt eine Atmosphäre von glühender Unterwelt aus, ein bleiches Leiden, die Finsternis, die über den Schlafenden Gewalt hat. [...]

 

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Saint-Remy, 1889 [. . .]

 

Hier die Beschreibung eines Bildes, das ich in diesem Augenblick vor mir habe. Eine Ansicht des Parkes des Krankenhauses, in dem ich mich befinde: rechts eine graue Terrasse, ein Stück Hausmauer, einige verblühte Rosensträucher, links der Boden des Parks - roter Ocker von der Sonne verbrannter Boden, mit herabgefallenen Fichtennadeln bedeckt. Der Parksaum ist mit hohen Pinien mit Stämmen und Ästen von rotem Ocker bepflanzt, mit grünem Laub, das durch einen Zuschuß von Schwarz etwas melancholisch wirkt. Die hohen Bäume heben sich von einem Abendhimmel ab, dessen gelber Grund violette Streifen zeigt. Oben geht das Gelb in Rosa, dann in Grün über. Eine Mauer — ebenfalls roter Ocker — versperrt die Aussicht und wird nur von einem violetten und ockergelben Hügel überragt. Der erste Baum nun ist ein ungeheurer, aber vom Blitz getroffener und dann abgesägter Stamm. Ein Seitenast indessen ragt noch sehr hoch empor und läßt eine Lawine von dunkelgrünen Nadeln herabfallen. Dieser düstere Riese - wie ein stolzer Besiegter kontrastiert, insofern man ihn als lebendes Wesen betrachtet, mit dem blassen Lächeln einer letzten Rose an dem Strauch, der ihm gegenüber hinwelkt. Unter den Bäumen leere Steinbänke, dunkler Buchs. Der Himmel spiegelt sich - gelb - nach dem Regen in einer Pfütze. Ein Sonnenstrahl, der letzte Reflex, steigert den dunklen Ocker bis zum Orange. Kleine schwarze Gestalten streichen da und dort zwischen den Stämmen umher. Du wirst verstehen, daß diese Kombination von rotem Ocker, von dem durch Grau melancholisch gemachten Grün, den schwarzen Strichen, welche den Kontur einfassen, ein wenig jenes Angstgefühl erzeugt, unter dem gewisse meiner Unglücksgenossen oft leiden und welches man „Rot-Sehen" nennt. Und das Motiv des großen, vom Blitz getroffenen Baumes, das kränkliche, grün-rote Lächeln der letzten Herbstblume bestärken übrigens diese Gedanken.

 

Ein anderes Bild stellt den Sonnenaufgang über einem Feld mit Getreide dar. Linien, die sich verjüngen, Furchen, welche stark ansteigen im Bild, bis zu einer Mauer und einer Reihe von lila Hügeln. Das Feld ist violett und gelbgrün. Die weiße Sonne ist von einer großen, gelben Aureole umgeben.

 

Hier habe ich, im Gegensatz zum andern Bild, Ruhe, tiefen Frieden auszudrücken gesucht.

Ich spreche Dir von diesen beiden Bildern, besonders aber vom ersteren, um Dich zu erinnern, daß man, um die Impression von Angst zu geben, zu dieser Wirkung gelangen kann, ohne gleich direkt auf den historischen Garten von Gethsemane loszugehen. [...]

 

 

 

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Literatur:

 

Badt, Kurt: Die Farbenlehre van Goghs. Köln 1961.
Keller, Horst: Vincent van Gogh, die Jahre der Vollendung. Köln 1969.