1955 Farbe und Harmonie

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Henri Matisse

 

Farbe und Harmonie

 

 

Quelle: Matisse, Henri: Farbe und Gleichnis. Zürich 1955, S. 12 ff., 20 ff., 39.

 

Henri Matisse, geb. 1869, gest. 1954, französischer Maler, zuerst hervorgetreten als führender Künstler der Gruppe der Fauves (1904/05), schuf in den folgenden Jahrzehnten ein bedeutendes malerisches Werk, das besonders auf den dekorativen und expressiven Möglichkeiten der Farbe und der Linie basiert.

 

 

 

Was ich vor allem zu erreichen suche, ist der Ausdruck. Bisweilen hat man mir gewisse Kenntnisse zugestanden, erklärte aber doch zugleich, daß mein malerischer Ehrgeiz beschränkt wäre und nicht über die Befriedigung durch eine rein anschauliche Ordnung hinausgehe, die der Anblick eines Bildes verschaffen kann. Aber die Idee eines Malers darf nicht losgelöst von seinen Ausdrucksmitteln betrachtet werden, denn sie taugt nur, soweit sie von Mitteln gestützt wird, die um so vollständiger sein müssen [und unter vollständig verstehe ich nicht kompliziert], je tiefer sein Gedanke ist. Ich kann einen Unterschied zwischen dem Gefühl, das ich vom Leben habe, und der Art und Weise, wie ich dieses Gefühl malerisch übersetze, nicht machen.

 

Der Ausdruck steckt für mich nicht etwa in der Leidenschaft, die auf einem Gesicht losbricht oder sich durch eine heftige Bewegung kundgibt. Er ist vielmehr in der ganzen Anordnung meines Bildes: der Raum, den die Körper einnehmen, die leeren Partien um sie, die Proportionen: dies alles hat seinen Teil daran. Die Komposition ist die Kunst, in dekorativer Weise die verschiedenen Elemente anzuordnen, über die der Maler verfügt, um seine Gefühle auszudrücken. In einem Bilde muß jeder Teil sichtbar sein und die Rolle spielen, die ihm zukommt, sie sei hauptsächlich oder nebensächlich. Alles, was keinen Nutzen für das Gemälde hat, ist eben dadurch schädlich. Ein Werk umschließt eine Gesamtharmonie: jedes überflüssige Detail würde im Geiste des Beschauers den Platz einnehmen, den ein andres, ein wesentliches Detail einnehmen sollte.

 

Die Komposition, die auf Ausdruck hinzielen soll, modifiziert sich je nach der Fläche, die zu füllen ist. Wenn ich ein Blatt Papier von bestimmter Größe nehme, so werde ich eine Zeichnung entwerfen, die in notwendiger Beziehung zu seinem Format steht. Ich kann nicht dieselbe Zeichnung auf einem anderen Blatte wiederholen, dessen Proportionen anders sind, das etwa rechteckig statt quadratisch ist. Aber ich werde mich auch nicht nur begnügen, sie zu vergrößern, wenn ich sie auf ein Blatt von ähnlicher Größe übertrage. Die Zeichnung muß eine Ausbreitungskraft haben, die die Dinge ihrer Umgebung belebt. Der Künstler, der eine Komposition von einer Fläche übertragen will, muß sie neu konzipieren, um ihre Ausdruckskraft zu wahren, muß sie in ihrer Erscheinung ändern und darf sie nicht einfach schematisch übertragen.

 

Man kann durch die Farben reizvolle Wirkungen erhalten, indem man sich auf ihre Verwandtschaft oder ihre Kontraste stützt. Oft, wenn ich an die Arbeit gehe, halte ich in einer ersten Sitzung die frischen und oberflächlichen Empfindungen fest. Vor einigen Jahren genügte mir bisweilen dieses Resultat. Wenn ich mich heute damit begnügen wollte, wo ich weiter zu sehen glaube, so würde etwas Vages in meinen Bildern bleiben; ich hätte die flüchtigen Empfindungen eines Augenblicks registriert, die mich nicht völlig bestimmen könnten und die ich am nächsten Tage kaum anerkennen würde.

 

Ich möchte jenen Zustand der Kondensierung von Empfindungen erreichen, der das Bild ausmacht.

 

Wenn ich auf einer weißen Leinwand Empfindungen von blau, grün, rot verstreue, so verliert, in dem Maße als ich Pinselstriche hinzusetze, jeder von denen, die ich zuvor hingesetzt habe, an Bedeutung. Ich habe ein Interieur zu malen, ich habe einen Schrank vor mir; er gibt mir eine sehr lebhafte Rotempfindung, und ich setze ein Rot hin, das mich befriedigt. Es stellt sich eine Beziehung her zwischen diesem Rot und dem Weiß der Leinwand. Ich mag nun noch daneben ein Grün setzen, oder den Fußboden durch ein Gelb wiedergeben - und es werden wieder zwischen dem Grün oder Gelb und dem Weiß der Leinwand Beziehungen herrschen, die mich befriedigen. Aber diese verschiedenen Farbtöne vermindern gegenseitig ihre Wirkung. Es ist also notwendig, daß diese verschiedenen Zeichen, die ich brauche, in solcher Weise sich einander nicht zerstören. Um dies zu erreichen, muß ich Ordnung in meine Ideen bringen: die Beziehung zwischen den Tönen wird sich in der Weise herstellen; daß sie die Töne unterstützt, statt sie zu unterdrücken. Eine neue Farbenkombination wird der ersten folgen und die Gesamtheit meiner Vorstellungen wiedergeben. Ich bin genötigt umzusetzen, und aus diesem Grunde meint man, daß mein Bild vollständig verändert ist, wenn nach einer Reihe von Veränderungen das Rot darin als Dominante das Grün ersetzt hat. Es ist mir nicht möglich, die Natur sklavisch abzubilden; ich bin gezwungen, sie zu interpretieren und dem Geist des Bildes unterzuordnen. Wenn alle meine Beziehungen der Farbentöne gefunden sind, so muß sich daraus ein lebendiger Akkord von Farben ergeben, eine Harmonie analog der einer musikalischen Komposition. [...]

 

Die vornehmste Tendenz der Farbe muß sein, soviel als möglich dem Ausdruck zu dienen. Ich gebe die Farbtöne ohne Voreingenommenheit, Wenn mich am Anfang und vielleicht ohne daß ich mir bewußt wurde, ein Ton gereizt oder gefesselt hat, so werde ich in den meisten Fällen nach beendeter Arbeit erst innewerden, daß ich diesen Ton besonders beachtet habe, dann erst, wenn ich nach der Reihe alle anderen Töne verändert und umgestaltet habe. Die Ausdruckswerte der Farben drängen sich mir in ganz instinktiver Weise auf. Um eine Herbstlandschaft wiederzugeben, werde ich nicht versuchen, mir ins Gedächtnis zu rufen, welche Färbungen zu dieser Jahreszeit gehören; ich werde mich nur durch die Empfindung inspirieren lassen, die sie mir erweckt: die eisige Klarheit des Himmels von herbem Blau wird die Jahreszeit ebensogut ausdrücken wie die Schattierungen des Laubes. Meine Empfindung selbst kann verschieden sein. Der Herbst kann milde und warm sein wie eine Verlängerung des Sommers, oder im Gegenteil kühl mit kaltem Himmel und zitronengelben Bäumen, die einen Eindruck von Frost geben und schon den Winter ankündigen.

 

Die Wahl der Farben beruht auf keiner wissenschaftlichen Theorie; sie stützt sich auf die Beobachtung, auf das Gefühl, auf die Erfahrung meiner Reizsamkeit. Inspiriert durch bestimmte Gedankenreihen bei Delacroix, beschäftigt sich ein Künstler wie Signac vor allem mit den Komplementärfarben, und die theoretische Kenntnis davon wird ihn veranlassen, hier oder dort diesen oder jenen Ton zu verwenden. Was mich betrifft, so suche ich einfach solche Farben zu geben, die meiner Empfindung entsprechen. Es gibt ein notwendiges Verhältnis von Farbtönen, das mich dazu führen kann, die Form einer Figur zu verändern oder meine Komposition umzuformen. Solange ich dieses Verhältnis noch nicht für alle Teile des Bildes erreicht habe, suche ich es noch und arbeite weiter. Dann kommt ein Zeitpunkt, wo für alle Teile die endgültigen Beziehungen gefunden sind, und von da ab wäre es mir unmöglich, irgend etwas an meinem Bilde zu verändern, ohne es ganz von neuem zu machen. In der Tat glaube ich, daß sogar die Theorie von den Komplementärfarben nicht absolut gültig ist. Wenn man die Bilder der Maler studiert, deren Kenntnis der Farbenverwendung auf Instinkt und Gefühl, auf ständiger Analogie ihrer Empfindungen beruht, so könnte man in gewissen Punkten die Gesetze der Farbe präzisieren und die Grenzen der Farbentheorie, so wie sie jetzt angenommen wird, erweitern. [...]

 

Ich träume von einer Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit und der Ruhe, ohne jede Problematik, ohne jedes aufwühlende Sujet, die jedem geistigen Arbeiter, sowohl dem Geschäftsmann als auch zum Beispiel dem Schriftsteller, geistige Beruhigung verschafft, seine Seele milde glättet, ihm eine Erholung von den Mühen des Tages und seiner Arbeit bedeutet."

 

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Literatur:

 

Guichard-Meili, Jean: Henri Matisse. Köln 1968.