Der Staat

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Platon

 

Der Staat

 

(Auszüge)

 

 

 

   Nachahmende Darstellung überhaupt, kannst du mir einen allgemeinen Begriff dessen angeben, was sie eigentlich ist? Denn ich selbst finde es gar nicht recht zusammen, was sie eigentlich sein will.

 

Nun, sagte er, da soll ich es etwa zusammenfinden?

 

   Wäre gar kein Wunder, meinte ich; denn mancherlei schon haben blödere Augen früher gefunden als Leute mit schärferem Blicke!

 

Ja, sagte er, das ist der Fall; aber in deiner Gegenwart könnte ich nicht einmal das Herz fassen, eine Ansicht auszusprechen, wenn eine solche sich mir zeigt: drum richte selbst dein Auge darauf!

 

   Wollen wir also von folgendem Standpunkte aus nach unserer gewöhnlichen Methode die Betrachtung beginnen? Unser gewöhnlicher Standpunkt ist nämlich, daß wir eine ideelle Einheit allemal bei jeder Art von Vielheiten annehmen, denen wir denselben Namen geben, - oder begreifst du's nicht?

 

Ja, ich begreife.

 

   So wollen wir denn auch jetzt, wenn's gefällt, einige beliebige Vielheiten annehmen: es gibt z.B. eine Vielheit von Stühlen und Tischen.

 

Allerdings.

 

   Aber ideelle Einheiten gibt es von diesen Gerätschaften nur zwei: eine vom Stuhl, eine vom Tisch.

 

Ja.

 

   Nicht wahr, nach unserer Gewohnheit drücken wir uns aus, daß der Fabrikant jeder der beiden Gerätschaften im Hinblick auf die ideelle Einheit schafft: der eine Stühle, der andere Tische zu unserem praktischen Gebrauche; denn die abstrakte ideelle Einheit davon fabriziert uns keiner der menschlichen Werkmeister; wie wäre es denn auch möglich?

 

Auf keine Weise.

 

   Aber jetzt weiter, sieh dir einmal folgenden Fabrikanten an!

 

Welchen Namen wirst du ihm geben?

 

   Welchem denn?

 

Der alle möglichen Dinge fabriziert, die nur immer jeder einzelne der Künstler hervorbringt.

 

   Von einem außerordentlichen Manne sprichst du da, und von einem, der den Namen eines Wundermannes verdient!

 

Noch gar nicht!

 

   Du wirst ihm gleich noch einen besseren und höheren Namen geben: denn derselbe Künstler kann nicht nur alle Gerätschaften bilden, sondern er bildet auch alle Erzeugnisse der Erde, fabriziert alle lebenden Wesen, alles übrige sowohl als auch sich selbst, außerdem Erde, Himmel, Götter, alles am Himmel und im Hades unter der Erde, - alles fabriziert er!

 

Ja, sagte er, da sprichst du von einem Erzwundermann und Tausendkünstler!

 

   Es kommt dir unglaublich vor? fragte ich. Gib mir nur eine Antwort auf folgende Frage: Soll es ganz und gar nicht nach deiner Ansicht einen solchen Fabrikanten geben, oder kann er auf gewisse Weise die genannten Dinge alle machen, auf gewisse Weise aber auch nicht? Oder merkst du noch nicht, daß du selbst auf eine gewisse Weise imstande wärest, alle jene Dinge zu machen?

 

Und worin besteht denn diese Weise? fragte er.

 

   Es hat gar keine Schwierigkeit, erwiderte ich, sondern läßt sich vielfach und schnell bewerkstelligen, am schnellsten wohl, wenn du einen Spiegel zur Hand nehmen und überall herumtragen wolltest: da wirst du bald eine Sonne machen und sonstige Himmelskörper, bald dich selbst sowohl wie alle übrigen lebenden Wesen, überhaupt alle eben genannten Kunst- und Naturerzeugnisse.

 

Ja, freilich, sagte er, dem Scheine nach, aber wohl nicht in Wahrheit!

 

   Ganz gut, bemerkte ich, und recht zupasse kommst du da mit dieser Antwort unserer Untersuchung! Denn zu solchen Künstlern, meine ich, gehört auch der Maler, oder nicht?

 

Jawohl.

 

   Aber, wirst du, glaube ich, einwenden, seine Fabrikate seien keine wirklich wahren; und doch fabriziert auch auf eine gewisse Weise der Maler einen Stuhl, oder nicht?

 

Ja, freilich, sagte er, aber auch er nur einen scheinbaren.

 

   Wie sieht's dagegen mit dem eigentlichen Macher des Stuhles aus? Nicht wahr, eben stelltest du ja doch den Satz auf, nicht den allgemeinen ideellen Begriff davon, in welchem nach unserer Lehre besteht, was ein Stuhl eigentlich ist, fabriziere er, sondern diesen oder jenen individuellen Stuhl?

 

Ja, den Satz stellte ich auf.

 

   Nicht wahr, wenn er macht, was eigentlich nicht ist, so macht er auch nichts Wesenhaftes, sondern nur etwas dem Wesenhaften Ähnliches, das Wesenhafte aber nicht; daß aber das Produkt des Stuhlmachers oder das eines anderen handarbeiten den Künstlers eine vollkommene Wesenheit sei, - wenn das jemand behauptete, so würde dieser demnach keine Dinge von Grund und Wahrheit vorbringen.  

 

Freilich nein, sagte er, wenigstens nach den Grundsätzen derer, die sich mit solchen philosophischen Fragen beschäftigen.

 

   Demnach dürfen wir es nicht auffallend finden, daß ein solches Produkt im Vergleich mit dem ewig währenden Sein ein ganz schwaches Sein hat.

 

Freilich nicht.

 

   Wollen wir nun, sprach ich, an eben diesen Beispielen den vorhin erwähnten Nachahmer untersuchen, was er eigentlich ist?

 

Ja, sagte er, wenn es dir gefällig ist.

 

   Nicht wahr, dreierlei Stühle kommen da heraus? Ein ursprünglich ideell existierender, den wohl nach meiner Ansicht wenigstens ein Gott geschaffen hat, oder wer sonst?

 

Niemand anders, denke ich.

 

   Zweitens einer, den der Stuhlmacher gezimmert hat.

 

Ja, sagte er.

 

   Drittens einer, den der Maler gemalt hat, oder nicht?

 

Es ist so.

 

   Also Maler, Stuhlmacher und Gott sind drei Meister für drei Arten von Stühlen.

 

Ja, drei.

 

   Der Gott nun erstlich hat, sei es, daß es ihm so beliebte, oder daß er vermöge einer höheren Notwendigkeit nicht mehr als einen ursprünglich ideellen Urstuhl schaffen durfte, nur jenen einen eigentlichen Stuhl gemacht, der der wahre wesenhafte Stuhl ist: zwei aber oder mehrere dergleichen Stühle sind nicht geschaffen worden von dem Gotte und werden auch nicht geschaffen werden.

 

Warum denn? fragte er.

 

   Weil, erwiderte ich, wenn er auch nur zwei machen sollte, von neuem darüber eines erscheinen würde, dessen Urbild wiederum jene zwei an sich trügen, und dieses neue ideelle Urbild würde dann der wesenhafte Stuhl sein, und nicht jene zwei.

 

Richtig, sagte er.

 

   Weil nun diese Unfüglichkeiten, denke ich, der Gott natürlich wußte, so hat er nur jenes eine ideelle Urbild von Stuhl geschaffen, weil er in Wahrheit Schöpfer eines wahrhaft wesenhaften Stuhles sein wollte, aber nicht dieses oder jenes individuell bestimmten Stuhles, und auch kein individuell bestimmter Stuhlmacher.

 

Ja, offenbar.

 

   Wollen wir nun erstlich diesen Gott den Urschöpfer dieses Dinges oder mit sonst einem ähnlichen Namen benennen?

 

Ja, ganz mit Recht, sagte er, dieweil er ja von Uranfang an dieses ideelle Ding und alle übrigen geschaffen hat.

 

   Und wie nennen wir zweitens den Zimmerer des Stuhles? Nicht etwa den Werkmeister davon?

 

Ja.

 

   Und drittens der Maler, nennen wir etwa auch diesen den Meister und Schöpfer eines solchen Dinges?

 

Keineswegs.

 

   Aber was soll der denn nach deiner Erklärung vom Stuhle sein?

 

Da scheint mir, erwiderte er, wenigstens der angemessenste Name der zu sein: Nachahmer des Dinges, von dem jene die Werkmeister sind.

 

   Gut! sagte ich. Den Verteidiger des von der wahren Urschöpfung an erst den dritten Rang einnehmenden Erzeugnisses nennst du also einen Nachahmer?

 

Allerdings, war seine Antwort.

 

   Demnach wird auch der Schauspielmacher, wofern er ein Nachahmer ist, eigentlich nur ein Abbild im dritten Grade, z.B. von dem Ur- und wahren Könige geben, und so alle übrigen Nachahmer überhaupt.

 

Es scheint so.

 

   Über den eigentlichen Begriff des Nachahmers überhaupt wären wir also einmal im reinen; aber über den Maler insbesondere gib mir noch Antwort auf folgende Frage: Scheint er dir jenes ideelle Urbild von jedem Dinge in der Schöpfung nachahmen zu wollen, oder die Erzeugnisse der menschlichen Meister?

 

Die der menschlichen Meister, sagte er.

 

   So wie sie sind, oder so wie sie scheinen? Denn das ist noch bestimmter anzugeben.

 

Wie verstehst du das? fragte er.

 

   Auf folgende Weise: Ein Stuhl z.B., wenn du ihn von der Seite oder von vorn oder wie immer ansiehst, hat er da nicht jedesmal eine von der vorigen verschiedene Gestalt, oder ist eigentlich kein Unterschied vorhanden, sondern nur der Schein einer Verschiedenheit, und so hinsichtlich aller Dinge überhaupt?

 

Ich meine letzteres, sagte er: es ist nur ein Schein von Unterschied vorhanden, aber kein eigentlicher.

 

   Diesen Punkt nun halte fest im Auge! Für welchen der beiden Zwecke hinsichtlich jeden Dinges ist die Malerei vorhanden: für das Nachahmen des Wesenhaften, wie es wirklich ist, oder für das des Scheinenden, wie es sich im Scheine gibt, d.h. ist sie eine Nachahmung von Schein oder von wesenhafter Wahrheit?

 

Vom Scheine, antwortete er.

 

   Weit also von der wesenhaften Wahrheit ist offenbar die Nachahmung entfernt; deswegen macht sie auch alles mögliche nach, weil sie sich nur mit dem Oberflächlichsten eines jeden Dinges befaßt, und dazu noch mit einem Schattenbilde davon. So wird der Maler in unserem Beispiele einen Schuhmachermeister, einen Zimmermeister und überhaupt alle übrigen Meister malen, ohne das geringste von allen diesen Handwerken zu verstehen, dessenungeachtet aber wird er, wenn er ein guter Maler ist, durch das Bild eines Zimmermanns und durch Hinstellung desselben aus der Ferne Kinder sowie unvernünftige Menschen zur Verblendung verführen, als wäre es ein Zimmermann, wie er leibt und lebt.

 

Ohne Zweifel.

 

   Aber, mein Freund, dies gilt, denke ich, nicht von dem Maler allein; denn von allen dergleichen Leuten, deren Beschäftigung in die Nachahmung einschlägt, muß man folgenden Gedanken festhalten: Falls jemand von einem gewissen Manne berichtete, er habe in ihm ein Wesen menschlicher Natur kennengelernt, das nicht nur alle Künste und Handwerke, sondern auch von allen übrigen Wissenschaften, wovon jede die Aufgabe eines Einzelnen ist, jeden möglichen

Zweig so gut als irgend einer verstände, so muß man von einem solchen Berichterstatter annehmen, daß er ein einfältiger Mensch ist, daß er offenbar auf eine Art Taschenspieler und Nachahmer geraten war und von diesem zur Verblendung, jener sei ein Allwisser, verführt wurde, aus keiner anderen Ursache, als weil jener Einfaltspinsel nicht imstande ist, zu prüfen, was

wahre Wissenschaft, was Unwissenheit, was Nachahmung ist.

 

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Quelle:

 

[Platon: Der Staat. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 1797

(vgl. Platon-SW Bd. 2, S. 367 ff.)

http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]