1916 Café du Dôme

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FRIEDRICH AHLERS-HESTERMANN

 

Café du Dôme

 

in: Kunst und Künstler, 16. Jg. Nr. 10, Berlin 1916, S. 37ff. (Auszug)

 

 

 

 

Aus den herumsitzenden Gestalten taucht der hohe Kopf und die hohe Figur Wilhelm Uhdes auf -eines der »Väter des Domes« -, dessen verbindliche Heiterkeit nichts von den forschenden und taxierenden Blicken der andern, der Maler hat. Seine formale Sicherheit machte ihn zum Repräsentanten, zeitweilig, bei Gelegenheiten, importanten Gästen, wohlhabenden Jünglingen gegenüber, zum Anführer bei den Ausflügen ins Lebemännische, besonders während der ersten Jahre. Der Kern des Heidelberger Korpsstudenten ist mit tiefer Einsicht in romanische Kultur umkleidet, die ganz anders schwungvolle und freie Lebenslust der Quat'z'arts-Bälle und der sachlichen Vergnügungsstätten des Montmartre sind bei ihm in jedem Sinne an die Stelle des kommentmäßigen Kommerses getreten, wo selbst das Vergnügen mittels deutscher Organisation zu einer Pflicht gemacht wird, die ordnungsmäßig zu erledigen ist. Als Referendar hatte er kurz entschlossen der Scheußlichkeit juristischer Bureaus den Rücken gekehrt und sich nach ein paar Semestern Kunstgeschichte bei Muther und einem nachdenklichen Aufenthalt in Florenz mit Kopfsprung in die schimmernden Wasser Lutetias gestürzt. Hier lebte er genießend, arbeitend, schreibend und erlag, wie jeder kunstinteressierte Mensch, der hundertfältigen Lok-kung jener Läden, vor denen écrans Louis XIII, Sessel im soliden Louis-Philippe-Stil, normännische Speiseschränke sowie Kästen mit Ölstudien unbekanntester und berühmtester Meister auf dem schmalen Trottoir stehen, von Hunden und Autobussen bespritzt. Aber rasch überwand er die Kinderkrankheit des Sammlers: den Glauben an diesen Stätten echte Chardins und Daubignys für 10fr. 50 entdecken zu können. Er verfeinerte seine Ansprüche, geriet ins Kaufen und Verkaufen, in die Kulissen des Hôtel Drouot und die romantischen Engpässe des Kunsthandels, verließ im ganzen die Vergangenheits-Brocanteure und wandte sich dem Werdenden zu. Die Generation von 1905 war der Anfang seines Programms (freilich ohne Matisse, den er nicht sonderlich liebte): Puy, der strenge und nüchterne, Camoin, Herbin, Flan-drin, Dufy, der frühe, noch nicht kubistische Picasso, Metzinger und Braque füllten die kuriosen kleinen Gelasse, die er-stets provisorisch - gemietet hatte, mit ungeheurer Buntheit. Später nahm er dann große schöne Räume, unten an der Seine, wo noch kein Chic moderne das langsam Gewachsene der Steine und Bäume stört. Hier empfing er zunächst nur den Freundeskreis (am Sonntag, dem furchtbaren, wenn der kartenspielende Bourgeois das Café füllte und uns heimatlos machte), dann aber auch Fremde ahnungslos an ihn Empfohlene, ahnungsvolle Bilderkäufer, Kunstbeflissene, meistens Damen aus München, Rußland und Skandinavien, die mit einer gewissen Gier und Angst hinter dem Aktuellsten her waren. Denn es hatte sich bei Uhde verändert, seine Liebe hatte sich mit großer Ausschließlichkeit zwei Erscheinungen zugewandt: Picasso (und dessen Nächststehendem Braque) sowie Henri Rousseau, dem Zöllner.

 

Man mag über die Ergebnisse des cubisme scientifique noch so skeptisch denken, die Erinnerung an den geschmacklichen Reiz des dreifenstrigen Eckzimmers hoch über der Seine ist unvergeßlich: die zarten Variationen in Tabakbraun mit smaragdgrünen Flächen, deren rhythmisch-kristallinischem Chaos Birnen, Noten, der Hals einer Violine enttauchten, auf verbleichender Tapete, über schönen, unaufdringlichen abgebrauchten Möbeln, deren Färbung die Skala der Bilder fortsetzte, bis zu den alten Pergament- und Ledereinbänden der Bücher, welche zwischen grünlichen Fayencen auf dem schwarzgrauen Marmor eines runden Tisches lagen. Wie unmöglich und barbarisch wirkt gegen diese Erinnerung aller Auch-Kubismus östlicher Provenienz! Seiner anderen großen Liebe, Henri Rousseau, hat Uhde ein schönes Denkmal in seinem Buche über ihn gesetzt. Menschlich und künstlerisch zeigt er den biblisch Einfältigen in einer ren von Enthusiasmus unsichtbar unterwölbten Wort-j Vorstellungsreihe, gibt er die Darstellung von dem Manne in seiner Malstube, dem Kleinbürger und seiner Welt, n der Fülle seiner Liebe zu aller Kreatur, dem Stil, der Einheit und der Einzigkeit seines Werkes und Lebens. [...]