1929 Avermaete, Roger

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ROGER AVERMAETE

 

George Grosz

 

 

Quelle: Roger Avermaete, George Grosz, in: "Arts et métiers graphiques", Heft 14,15. November 1929

 

 

 

George Grosz ist gefühlsbetont und, wie alle großmütigen Menschen, ein Idealist. Die wahre Gegenwart gibt den Menschen seiner Art mehr Leid als Freuden. Daher das dumpfe Aufbäumen gegen all die Widerwärtigkeiten, deren Zeuge man wird. Doch Grosz ist nicht zum Erdulden und zum Schweigen verurteilt. Er ist nicht machtlos: Er besitzt eine rächende Waffe, die er zur Verteidigung der Gedanken einsetzt, die ihm teuer sind: seinen Zeichenstift. Vor dem Krieg entwarf er den Plan zu einem bedeutenden Werk: Die Häßlichkeit der Deutschen. Diesen Vorsatz führte er nicht aus. Seitdem haben die gesellschaftlichen Ereignisse deutlich werden lassen, in welche Richtung seine Feindschaften gehen. Er hat es nicht mit den Deutschen, sondern mit einigen deutschen Typen, die für ihn die bösen Mächte personifizieren, die es zu vernichten gilt. Sie sind Deutsche, weil Grosz selbst Deutscher ist und in Deutschland lebt. All dies wäre nur von minimaler Bedeutung, denn die Gedanken, und seien sie auch noch so großzügig, reichten zur Bewertung eines Werkes nicht aus, würden wir darin nicht den Schlüssel zu Grosz' Kunst finden. Er ist nicht in die Form verliebt, der Ausdruck verfolgt ihn. Gleich beim ersten Anlauf gibt er jedem seine hervorstechenden Züge, vereinfacht dabei bis zur linearen Zeichnung, wobei er jedoch niemals das scheinbar winzige Detail vergißt, das zur besseren Charakterisierung des individuellen Typs dient. Man überzeugt nicht durch Übertreibung. Wird ein gewisses Maß überschritten, läuft man Gefahr, den Nutzen aus seinen Bemühungen zu verlieren. Grosz' ganzes Talent liegt in der bewundernswürdigen Beachtung dieses Maßstabes. Er zeichnet karikierte Vollmondgesichter, und doch sagt man sich: »Mir scheint, den habe ich schon gesehen.« Das liegt daran, daß er, wie alle großen Künstler, die Gabe zur Synthese besitzt. Er skizziert einen Typ, und das genügt schon, um eine Kaste zu charakterisieren. Keiner hat, so wie er, die Deutschen neu geschaffen - mit solch grimmigem Schwung und solch brutaler Wahrheit. Grosz' ganze Technik liegt in der Beherrschung der Linie. In seinen ersten Zeichnungen nähern sich einige konfuse Kompositionen der allgemeinen Strömung in der deutschen Kunst, wie sie sich seinerzeit darbot. Manche Schematisierungen lassen tatsächlich an die verwischten Zeichnungen denken, die man an den Wänden von Bedürfnisanstalten eher eingeritzt als gezeichnet sieht; dies stellt den Wahrheitsgehalt der Äußerung über die Dokumentation des Künstlers unter Beweis. Schließlich bestätigt sich seine Meisterschaft in breiter angelegten Zeichnungen, die gleichzeitig so eloquent, weil sie wahr sind, und so wahr, weil sie ihre Wahrheit jenseits einer scheinbaren Wirklichkeit finden. Grosz kann sich Abweichungen bei der genauen Beobachtung der Modelle erlauben. Er kann einen Fuß unter einem Stuhl vergessen: Man darf sicher sein, das Modell selbst wird richtig sitzen, es würde sogar sitzen, auch wenn überhaupt kein Stuhl da wäre. Genauso kann Grosz sich Freiheiten mit einem Arm, einem Bein erlauben, weil der Ausdruck der Silhouette in einem solchen Maße treffend ist, daß er dieses Detail vergessen läßt. Er kann Linien zeichnen, die, streng logisch, unsichtbar sind, Gliedmaßen, die durch Körper verdeckt werden. Wie unverfälscht ist doch diese Zeichnung, die sich mit einem Strich bestätigt und ihrer Kraft so sicher ist, daß sie sich nicht gezwungen sieht, Linien zu überzeichnen, zu verbessern, auszuradieren, um schließlich jene geschickten Methoden anzuwenden, die all den Künstlern lieb und teuer sind, welche nicht zu den geborenen Zeichnern zählen! Grosz' Zeichenkunst ist eine Reaktion, wir haben es bereits gesagt. Die Reaktion eines in die Schönheit verliebten Künstlers, der inmitten von Häßlichkeit lebt. Die Reaktion eines Gefühlsmenschen, der zum Satiriker wird. Die Reaktion eines Sanftmütigen, der sich gewaltsam gibt.

 

Es wäre ungerecht, wollte man die Aquarelle von Grosz mit Stillschweigen übergehen, genau wie es übertrieben wäre, ihnen einen entscheidenden Platz einzuräumen. Diese Aquarelle sind vor allem in Aquarelltechnik kolorierte Zeichnungen und keine Aquarelle im üblichen Sinne, weil auch sie einem Zweck dienen sollen. Vom rein Malerischen her hätten wir das Recht, ein einziges Wort wie einen Keulenschlag hervorzustoßen: 'Machwerk.- Werden sie aber in das Werk von Grosz eingefügt, dessen kolorierte Verlängerung sie in gewisser Weise darstellen, so erhalten sie ihre volle Bedeutung. Es sind dichtere, klingendere Zeichnungen, Zeichnungen, deren erregende oder satirische Kraft sich verzehnfacht. Das Kunsthandwerk, das er sich zu Beginn seiner Laufbahn erwählt hatte, vergaß er nicht: Er hat Bücher illustriert. Es besteht kein Grund, diese Illustrationen besonders zu besprechen. Sie zeigen die übliche Manier seiner Zeichnungen. Erwähnt sei noch, daß er Kompositionen mit Pinsel und Schere gemacht hat. Im Malik-Verlag wurde ein Album mit sieben dieser "Materialisierungen" herausgegeben, die er auch 'Mit Pinsel und Schere- nennt. Obwohl diese recht hybriden Arbeiten ein Erfolg wurden, darf man ihre Bedeutung nicht überbewerten. Grosz ist ein zu großer Künstler, um an im Grunde genommen recht seichten Spielereien Gefallen zu finden. Sein Schicksal liegt anderswo: Als Meister des Zeichenstiftes, wie man vielleicht in jedem Jahrhundert einen einzigen findet, ist er es sich schuldig, uns die graphischen Reaktionen seiner Empfindsamkeit zu geben, zur größten Ehre der Kunst, seines wahren Vaterlandes!