Aphorismen und Miszellen

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"Die alte Kunst verkörperte das Geistige, die neue vergeistigt das Körperliche. Sie ist hier und dort, was hier und dort die Religion. Die Kunst des Heidentums war versinnlichte Kraft, Gegenwart, Genuß, die des Christentums ist übersinnliche Entsagung, Zukunft, Hoffnung. Weil Kunst die Geburt des Könnens, das Geschöpf des schöpferischen Menschen ist, die christliche Kunst aber Duldung und Ohnmacht darstellt, so ist sie keine. Das Gebilde dem Stoffe, diesen dem Urstoffe, den Urstoff dem leeren Raume, die Farben dem Lichte, die Zeit der Ewigkeit, die Gedanken dem Denken aufopfernd, ist die christliche Kunst ein Rückwärtsgebären des menschlichen Daseins, wo der Sohn zum Erzeuger des Vaters wird – sie ist keine Kunst, denn sie bildet nicht, sie zersetzt. So wenig Calderons Poesie wahre dramatische Dichtkunst, so wenig ist christliche Malerei wahre bildende Kunst. Daher ist bei den Alten Skulptur, bei den Neueren Malerei vorherrschend. Dort Umrisse und Anschauung, hier Perspektive und Berechnung. Nicht in dem was ist, in dem was dahinter ist, spricht sich die Bedeutung eines Gemäldes aus. Daher Republiken, Freiheit des Glaubens (Götter der Wahl, Vielgötterei), Protestantismus, Männer, Verstand – die Skulptur; Monarchien, alleinherrschende Religion (Katholizismus), Weiber und Gefühl aber die Malerei mehr befördern und lieben. Das mehr Plastische in der altdeutschen Malerschule, nach ihr in der niederländischen, weniger vorhanden in der französischen, gänzlich mangelnd in der italienischen, zeigt in diesem sinkenden Grade die Stärke des protestantischen Prinzips jener Völker im Staate und Einzelnleben an. Ich erfahre: Dannecker arbeite jetzt an einem Christus, und nach Versicherung der Kunstkenner sei dies Gebild das höchste, was die neuere Kunst hervorgebracht habe. Ob dieser große deutsche Künstler die rätselhafte Aufgabe befriedigend werde lösen können, mag jeder mit billigem Unglauben abwarten. Wie ein Christus plastisch dargestellt werden könne, begreift sich schwer. Entweder die Kunst des Bildes oder die Göttlichkeit des Urbildes muß untergehen. Die Götterbilder der Griechen waren vermenschlichte Götter, und das himmlische Licht ward von der irdischen Masse eingesogen; der Gottmensch der Christen aber ist ein göttlicher Mensch, das Licht muß über die Masse siegen – ein Sieg, den nur die Malerei erringen kann."

 

[Börne: Aphorismen und Miszellen.]