Wassily Kandinsky - Reliefs von Sophie Tæuber-Arp 1943

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Die farbigen Reliefs von Sophie Tæuber-Arp

 

Der letzte Text, den Kandinsky schrieb, entstand im Juni 1943, unter dem  Eindruck  des Todes von  Sophie  Tæuber-Arp, über ihre farbigen  Reliefs. Es ist das erste und einzige Mal, daß sich Kandinsky, damals fast 77 Jahre alt, ausschließlich über das Werk eines anderen Künstlers schriftlich äußerte. Es ist dies nicht ganz zufällig. Der Tod von Sophie am 13. Januar 1943 hinterließ für alle in unserem Kreis eine schmerzliche Lücke. Jeder der mit ihr zu tun hatte, war berührt von ihrem lauteren Wesen. Deshalb wohl fand Kandinsky für ihr Werk Worte besonderer Anerkennung.

 

 

 

 

Sophie Tæuber-Arp wählte das «farbige Relief» als Ausdrucksmittel vor allem in den letzten Jahren ihres Lebens. Sie bediente sich dabei fast ausschließlich der einfachsten Formen, geometrischer Formen. Durch  ihre Zurückhaltung,  ihre Stille, durch  ihre Eigenschaft, selbständiger Ausdruck zu sein, laden die Formen  die geschickte Hand ein, sich der Sprache zu bedienen, die ihr eigen und die oft nur ein Flüstern ist. Aber manchmal  ist das Geflüster ausdrucksvoller, überzeugender, eindringlicher als das Laute, das sich dann und wann zu Ausbrüchen hinreißen läßt.

 

Um sich Meisterschaft über die «stummen» Formen aneignen zu können, ist Begabung mit einem feinen Sinn für Maß nötig, muß man die Formen an und für sich zu wählen wissen: je nach der Beziehung,  die zwischen ihren drei Dimensionen besteht, nach ihren Proportionen, ihrer Höhe, ihrer Tiefe, ihrer Fähigkeit, sich kombinieren zu lassen, ihrer Art, zu einem Ganzen beizutragen – in einem Wort: man muß den Sinn für Kombination haben.

 

Alle diese Anforderungen  komplizieren die Aufgabe, selbst wenn es sich nur um monochrome Plastik (Plastik aus Stein) handelt. Zur Schönheit der Volumen fügt sich bei den «kolorierten Reliefs» von Sophie Tæuber-Arp das Geheimnisvolle, die erregende Macht  der Farbe, die bald die Stimme der einfachen Form belebt, bald einen Akzent mäßigt; die das Strenge der einen Form betont, während sie einer andern Milde mitteilt; die dieses Hervorspringen unterstreicht und jenes unaussprechlich verringert. Und so bis ins Unendliche. Ein Widerhall von Stimmen, eine Fuge.

Das Arsenal der Ausdrucksmittel ist von einem unerschöpflichen Reichtum. Die größten Gegensätze sind: «laut» und «leise». Dem Donner der Pauken und Trompeten einer Ouvertüre von Wagner steht die leise, die «monotone» Fuge von Bach gegenüber.

 

Hier: der Donner und die Blitze, die den Himmel  zerfetzen, die Erde erschüttern. Dort: ein Himmel glatt und grau, in seiner ganzen Weite, und der Wind hat sich zurückgezogen in ferne Gegenden. Das kleinste, nackte Reis bleibt unbeweglich, das Wetter ist weder warm noch kalt.

 

Sprache der Ruhe.

 

Sophie Tæuber-Arp hat sich unfehlbar, ohne «Furcht und Tadel», ihrem Ziel genähert.