Wassily Kandinsky - Stabilite Animite 1938

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«Stabilité Animé»

 

1938 schrieb ich als Antwort auf unqualifizierte Angriffe auf unsere Kunst einen Aufsatz «Über konkrete Kunst» für das Werk (Zürich, No 8/1938). Ich bat verschiedene meiner älteren Kollegen um kurze Beiträge zu je einer Abbildung. Es schrieben Kandinsky, Mondrian und Vantongerloo. Kandinskys Text war begleitet von einem gezeichneten Schema zum Bild «Stabilité animé» (1935). Ich benützte den Text nicht. Weil keine Möglichkeit bestand, das Bild farbig zu reproduzieren, erschien es mir besser, dieses Bild und den Text durch etwas anderes zu ersetzen. Hier ist die damalige Analyse wiedergegeben zusammen mit der schematischen Zeichnung. Das Bild ist heute farbig zugänglich im Buch von Henry Russel Hitchcock: Painting Toward Architecture über die «Miller Company Collection of Abstract Art», 1948, New York, Duell, Sloan and Pearce.

 

 

 

Nachträgliche kurze Analyse.

 

Steifer schematischer Aufbau: zwei betonte Vertikale. Oben rechts ein Kreis – eine Form, die gleichzeitig hart und weich, steif und locker ist, kon- und exzentrische Spannungen aufweist. In diesem Fall wird die konzentrische Spannung durch die tief-violette Farbe des Kreises und die benachbarte grüne Farbe unterstrichen. Das etwas giftige Grün vergrößert die violette Vertiefung, und damit das Konzentrische.

 

Die Zusammenstellung der beiden Farben und die Zusammenstellung von Rund und Eckig bilden an dieser Stelle den stärksten Akzent des Bildes.

 

Die «Verschiebungen» sind sparsam angewandt: einige schiefgestellte viereckige und ovale Formen. Darunter das große rote Viereck links unten.

 

Die Zusammenstellung von Weiß, Schwarz und Rot bildet im roten Viereck den zweiten Akzent, wozu hauptsächlich die «schiefe» Lage des Vierecks beiträgt.

 

Die beiden Akzente weisen eine unsichtbare Spannung zwischen ihnen auf (siehe punktierte Linie auf der Skizze!). Diese Hauptspannung geht in diagonaler Richtung und lockert dadurch die größeren und kleineren horizontal-vertikalen Spannungen.

 

Die drei langen viereckigen Formen (von links nach rechts: weiß, schwarz und grün) bekommen als kleinere Gegensätze hauptsächlich dünne horizontale und sehr wenige diagonale Linien. So entstehen mehrere milde Spannungen.

 

Einige «freie» Formen und schließlich die untere scharfe Spitze erhöhen die «Lockerung», dienen zur «Bereicherung» des steifen Aufbaues und erhöhen die «Pulsierung».

 

So wird das Hartstabile «animiert».