Wassily Kandinsky - Franz Marc 1935

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Franz Marc

 

1936: Bürgerkrieg in Spanien – mit der Legion Condor  – Aufrüstung in Deutschland – politischer Explosivstoff allenthalben – Verfolgung  des echt Künstlerischen «hüben und drüben» – Wiederkehr des 20. Todestages von Franz Marc, gefallen am 21. Februar 1916 vor Verdun. Über seinen Freund schreibt Kandinsky zwei Texte. Den einen für ein in Deutschland geplantes Gedenkbuch.  Der zweite ist nachstehend gedruckt; er erschien in No 8–10/1936 der Cahiers  d’Art.

 

 

 

 

Ich machte die Bekanntschaft von Franz Marc unter ziemlich dramatischen Umständen.

 

Einer Gruppe «avantgardistischer» Künstler aus München gelang es im Jahre 1910, nach Überwindung ungenannter  Schwierigkeiten, eine Ausstellung zu organisieren in einer der größten und schönsten Kunstgalerien dieser Stadt, die man «das moderne Athen» nannte. Die «Athener» hatten in diesem außergewöhnlichen Fall all ihr sonst sorgfältig verborgenes Temperament offenbart. Die Presse verlangte die sofortige Schließung  dieser «anarchistischen» Ausstellung (der Ausdruck «marxistisch» war damals noch nicht en vogue), welche ausländische, der alten bayrischen Kultur  gefährlich  werdende Künstler zusammengestellt hätten. Sie machte verständlich, daß die russischen Künstler besonders gefährlich wären – Dostojewskij mit seinem «alles ist erlaubt!». Tatsächlich hatte es Russen in der Gruppe, aber es hatte  auch Franzosen, Italiener, Österreicher und Nord- deutsche. Doch keinen einzigen Bayer. Der Galeriebesitzer beklagte sich, daß er nach jeder täglichen Schließung die Bilder abtrocknen  müßte, weil das Publikum  sie angespuckt hätte. Man muß sagen, daß dieses entsetzte Publikum   gut  erzogen  war; es spuckte,  aber es zerschnitt die Leinwände nicht, wie mir das einmal in einer andern Stadt während einer Ausstellung passiert ist.

 

Um den Ruf der bayrischen Bewohner Münchens zu retten, füge ich an, daß sich nicht eine Stimme erhob, um die Ausstellung zu verteidigen. Nicht eine einzige bayrische Stimme, aber eine preußische. Diese Stimme gehörte Hugo von Tschudi, Generaldirektor aller bayrischen Kunstmuseen. Er war von Berlin gekommen, wo er Direktor der Nationalgalerie  gewesen war und wo er die Abteilung für französische Kunst, mit Hilfe privater Spenden, eingerichtet hatte.

 

Er war ein Mann von reinem und freiem Geist, von unerschöpflicher Energie und starker Willenskraft – er kannte keine Konzessionen. Kurz, er hatte Berlin verlassen müssen, und der Prinzregent von Bayern hatte ihm die bayrischen Museen anvertraut. Ihm war es zu verdanken, daß es uns gelang, unsere Ausstellung zu machen und ihm war es zu verdanken, daß die von der Presse geforderte «sofortige Schließung» nicht stattfand. Und  es war ebenfalls er, der in die Ausstellung kam, um dem Besitzer der Galerie, der manchmal  vollständig den Kopf verlor, Mut zuzusprechen. Und endlich war er es, der aus der «alten Pinakothek»  ein Wunder alter Kunst machte. Ein Wunder, das bald nach seinem Tod verschwand.

 

Aber da war doch eine rein bayrische Stimme. Sie kam plötzlich  aus einem kleinen Dorf Oberbayerns. Franz Marc hatte einen Brief voller Enthusiasmus und Glückwünsche geschrieben an unsere Gruppe. Er hatte das Zartgefühl  gehabt, nicht persönlich zu erscheinen und uns zu verpflichten, persönliche Beziehungen mit ihm aufzunehmen.

 

Als ich ihn später sah, zum ersten Mal, verstand ich, daß er seiner noblen Natur nach gehandelt hatte.

 

Er stellte ein sehr seltenes Exemplar  Mensch dar. Sein Äußeres stimmte haargenau mit seinem Inneren zusammen: eine harmonische Kombination von «hart» und «weich».

 

Seine große Statur, seine breiten Schultern, sein fast hageres Gesicht, sein schwarzes Haar,  sein sicherer und langer Schritt gaben ihm das Aussehen eines Bergbewohners. Ich liebte es, ihn in den Bergen, auf den Weiden und in den Wäldern zu sehen. Dort war er «zuhause». Er war immer von seinem großen, weißen Hund begleitet.

 

«Russi» (Rußland zu Ehren) glich in seiner Größe, Kraft und Ruhe seinem Meister. Er zeigte dieselbe Verbindung von «hart» und «weich». Sie ergänzten sich sehr gut und verstanden sich vortrefflich. Der Schwarze sagte etwas zum Weißen, und der Weiße machte mit dem Kopf ein bestätigendes Zeichen.

 

Marc  hatte, allgemein, direkte Beziehungen zur Natur,  wie ein Bergbewohner oder gar wie ein Tier. Ich hatte manchmal den Eindruck, daß die Natur befriedigt war, ihn zu sehen. Alles in der Natur zog ihn an, aber vor allem die Tiere. Zwischen dem Künstler und seinen «Modellen» existierte ein gegenseitiger Kontakt,  und deshalb  hatte Marc «Zutritt» zum Leben der Tiere, und es war dieses Leben, das ihn inspirierte.

 

Aber er verlor sich nie in die Details, und das Tier war für ihn immer nur eines der Elemente des Ganzen,  oft sogar nicht einmal ein wesentliches. Er baute seine Bilder wie ein Maler, nicht wie ein «Erzähler».  Aus diesem Grund  war er nie ein «Tiermaler». Was ihn anzog, war das große Organische, das heißt die Natur im allgemeinen. Darin liegt die Erklärung  der durch Marc geschaffenen originalen Welt, deren Wiederholung versucht wurde, aber ohne Erfolg.

 

Die Zeit hat seither ihre Ansichten geändert, in einigen Richtungen sogar wesentlich. Ich denke, daß es heute ziemlich schwierig ist, jemanden  zu finden, der sich verletzt fühlt und sich erzürnt, wenn er auf einer Leinwand eine zitronengelbe Kuh sieht, ein ultramarin- blaues Pferd, einen zinnoberroten Löwen. Aber damals ging das Publikum  «an den Wänden hoch» und war bis in die Tiefen seiner Seele beunruhigt vor diesen «Grimassen» und der Tendenz, «den Bürger zu verblüffen» und ihn zu beleidigen. Man  fühlte sich angespuckt, mehr noch, man spuckte selber auf unsere Werke.

 

Man begriff nicht, daß diese auf eine «ekelhafte» Weise veränderten Farben und Formen, daß diese «Vergewaltigung der Natur» die reine künstlerische Anwendung natürlicher Mittel waren, um die besondere Schöpfungswelt Marcs auszudrücken. Eine phantastische, aber wirkliche Welt.

Man  fragte: «Haben sie blaue Pferde gesehen?» Und selten antwortete  eine wohlmeinende   Stimme,  leise und zögernd:  «Aber … manchmal, am Abend, bei untergehender Sonne, scheint ein schwarzes Pferd fast blau.» – «Welche Aufschneiderei!»

 

Die Zeit war schwierig, aber heroisch. Wir malten, das Publikum spuckte. Heute malen wir, und das Publikum  sagt: «Das ist hübsch». Dieser Wechsel will nicht heißen, daß die Zeiten leichter geworden wären für den Künstler.

 

Anstatt einen direkten und natürlichen Kontakt mit der Kunst zu suchen, erfindet man heute neue Schwierigkeiten und Hindernisse, um sie zwischen das Werk und den Betrachter zu stellen. So fragt man mit vorgefaßter Miene, ob die Kunst Marcs einer germanischen Quelle entstamme, das heißt einer «deutschen Seele», und ob seine Malerei wahrhaft deutsch sei. Ich glaube ja, denn Marc liebte sein Land. Meiner Meinung nach  wäre es wesentlich, unter der «nationalen Seele» ihre Quelle universaler Menschlichkeit zu sehen.

 

Marc und ich hatten uns in die Malerei gestürzt, aber die Malerei allein genügte uns nicht. Ich hatte dann die Idee eines «synthetischen»  Buches, welches alte, enge Vorstellungen auslöschen und die Mauern zwischen den Künsten zum Fallen bringen  sollte, zwischen der offiziellen Kunst und der nicht zugelassenen Kunst, und das endlich beweisen sollte, daß die Frage der Kunst nicht eine Frage der Form sondern des künstlerischen Gehalts ist. Die Trennung  der Künste, ihre isolierte Existenz in kleinen «Zellen» mit hohen, harten, undurchsichtigen Mauern war in meinen Augen eine der ärgerlichen und gefährlichen  Folgen der «analytischen» Methode,  welche die

«synthetische» Methode in der Wissenschaft unterdrückte und damit auch in der Kunst begann. Die Resultate folgten: die Härte, der niedrige Gesichtspunkt und das enge Gefühl,  der Verlust der Freiheit des Gefühls, vielleicht sein endgültiger Tod.

 

Meine Idee war also, an einem Beispiel zu zeigen, daß der Unterschied zwischen der «offiziellen» Kunst und der «ethnographischen» Kunst keine Lebensberechtigung hatte; daß die verderbliche Gewohnheit, unter den verschiedenen äußerlichen Formen nicht die innere organische Wurzel der Kunst im allgemeinen zu sehen, zum

 

totalen Verlust der Wechselbeziehung zwischen der Kunst und dem Leben der menschlichen Gesellschaft führen konnte. Und gleicher- weise der Unterschied zwischen der Kunst des Kindes, dem «Dilettantismus» und der «akademischen» Kunst – die Gradunterschiede der «vollendeten» und der «nicht vollendeten» Form überdeckten die Kraft des Ausdrucks und die gemeinsame Wurzel.

 

Diese Idee ist heute nicht mehr zu neu, 25 Jahre sind seither verflossen. Aber um die Wahrheit zu sagen, der Gesichtspunkt hat sich im allgemeinen nicht viel geändert, und die «Formfrage» erstickt noch jetzt den künstlerischen Gehalt (man  sehe beispielsweise die Frage der «Möglichkeit einer ungegenständlichen Kunst»).

 

Meine Idee war ferner, einen Maler, einen Musiker, einen Dichter, einen Tänzer und so weiter Seite an Seite zusammen arbeiten zu lassen, und in dieser Absicht wollte ich mich an die Künstler der isolierten «Zellen» wenden, damit sie am projektierten Buch mitwirkten.

 

Marc war begeistert von diesem Plan, und wir beschlossen, uns gleich ans Werk zu machen. Es war eine wunderbare Arbeit, und in einigen Monaten hatte Der Blaue Reiter seinen Verleger gefunden. Er erschien im Jahr 1912. Wir hatten zum ersten Mal in Deutschland die Kunst der «Wilden» in einem Kunstbuch gezeigt, die bayrische und russische «Volkskunst» (die Hinter-Glas-Malerei, die «Ex-voto», die «Lubki»), die «Kinderkunst» und die «dilettantische» Kunst. Wir hatten eine Faksimile-Ausgabe von Herzgewächse von Arnold Schön- berg herausgegeben, die Musik seiner Schüler Alban Berg und Anton  von Webern, und wir zeigten die alte Malerei Seite an Seite mit der modernen.

 

Die Autoren der Artikel waren Maler und Musiker. Delacroix und Goethe bestätigten unsere Ideen durch ihre Aussprüche. 141 Reproduktionen «illustrierten» alle diese Ideen.

 

Der große Erfolg des Buches, hauptsächlich bei der Jugend, hat be- wiesen, daß es im richtigen Moment zur Welt gekommen war. Ermutigt machten wir Pläne für das nächste Buch, das die Kräfte von Künstlern und Wissenschaftlern vereinigen sollte. Die gemeinsame Wurzel zwischen der Kunst und der Wissenschaft zu finden, war damals unser Traum, der nächstens nach Verwirklichung verlangte.

 

Aber der Krieg setzte diesen Träumen ein Ende.

 

Gerade einige Monate vor  Beginn  des Krieges gelang  es Marc durch Zufall,  einen seiner glühendsten Wünsche, einen kleinen Landbesitz zu haben, zu verwirklichen. Er kam in den Besitz eines kleinen,  sehr  sympathischen Hauses, eines Stück  Waldes, eines kleinen Gartens und einer Wiese, wo seine Ziegen lebten. Dorthin  war ich gekommen,  um ihm «Auf  Wiedersehen» zu sagen, als der Krieg ausgebrochen war – man war damals überzeugt, daß er nur einige Monate dauern konnte. Aber Marc antwortete mir mit einem «Adieu» – «Wieso Adieu?» – «Weil wir uns nicht mehr sehen werden, ich weiß es.»

 

Franz Marc wurde am 21. Februar 1916 bei Verdun getötet.