Wassily Kandinsky - Zwei Richtungen 1935

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Zwei Richtungen

 

1935 erschien in der in Kopenhagen herausgegebenen Schrift Konkretion ein Aufsatz von Kandinsky: «Zwei Richtungen», der den Sinn der «abstrakten» Kunst in konzentrierter Form erläutert.

 

 

 

Die eine Richtung ist vorherrschend, sie scheint alles zu beherrschen. Es ist die Richtung, in der sich heute die sämtlichen Länder bewegen, oder sich zu bewegen scheinen.

 

Der Zweck dieser Richtung ist, materielle Güter aufzuhäufen, zum maximalen «Wohlstand» zu kommen, nicht nur «Brot» der Menschheit zu verschaffen, sondern auch «Freude». Natürlich kann mit «Freude» noch etwas gewartet werden – sie kommt von selbst, wenn alle «Brot» in genügendem Maße haben.

 

Alle Länder strengen sich äußerst an, diesen Zweck zu erreichen. Es ist eine leidenschaftliche, heroische Anstrengung, die alle Mittel heilig heißt, die zum menschlichen «Glück» führen. Es ist eine dankbare, hochwertige Arbeit, die aber leider auch Schattenseiten hat.

 

Die eine Schattenseite ist die, daß die leidenschaftliche, heroische Anstrengung zum einen Resultat führt, das fast = 0 ist. Das «Brot» reicht in keinem Lande aus. Die «Freude» ist zu selten und sieht eher einer Betäubung ähnlich.

 

Die andre Schattenseite ist die, daß die Menschheit die Notwendigkeit «nichtmaterieller» Güter immer mehr vergißt. Die ehemaligen Quellen der «geistigen Güter» – die Religion, die Wissenschaft und die Kunst – werden als solche immer mehr verkannt, und es wird versucht, sie in den Dienst des materiellen Lebens zu stellen.

 

Diese erschreckende Schattenseite ist das logische Resultat des «reinen Materialismus» – die Materie ließ den Geist vergessen. Von hier der «moderne» Mensch der «Praxis», der sich vor der Maschine, Gewehrmaschine und Wohnmaschine, tief verbeugt, der einen nur äußeren Blick kultiviert und über den inneren lächelt.

 

Die Einseitigkeit ist fatal. Letzten Endes kann sie die Menschheit durch Kau- und Verdauungsmaschinen ersetzen.

 

Es gibt aber noch eine andere Richtung, die heute nur vereinzelte Erscheinungen erzeugt, wenig bemerkt und mißverstanden wird.

 

Diese Richtung ist ein logisches Resultat der inneren Wendung, die sich bereits vor dem Krieg (unsere moderne Zeitmessung!) bemerkbar machte und die heute immer etwas zunimmt, obwohl sie auf den ersten Blick scheinbar immer mehr verschwindet.

Der Sinn dieser Richtung ist ein doppelter:

 

1. Erwachen und Entwicklung des «inneren Blickes» und dadurch

2. das Erleben der großen und der kleinen Zusammenhänge, die mikro- und makrokosmischer Art sind.

 

Synthese.

 

1913 habe ich in meiner kleinen Autobiografie (Verlag «Der Sturm», Berlin) geschrieben: «Alles ‚Tote‘ erzitterte. Nicht nur die bedichteten Sterne, Mond, Wälder, Blumen, sondern auch ein im Aschenbecher liegender Stummel, ein auf der Straße aus der Pfütze blickender geduldiger weißer Hosenknopf, ein fügsames Stückchen Baumrinde, das eine Ameise im starken Gebiß zu unbestimmten und wichtigen Zwecken durch das hohe Gras zieht, ein Kalenderblatt, nach dem sich die bewußte Hand ausstreckt und aus der warmen Geselligkeit mit den noch im Block bleibenden Mitblättern gewaltsam herausreißt – alles zeigte mir sein Gesicht, sein inneres Wesen, die geheime Seele, die öfter schweigt als spricht. So wurde für mich jeder ruhende und jeder bewegte Punkt (= Linie) ebenso lebendig und offenbarte mir seine Seele. Das wurde für mich genug, um mit meinem ganzen Wesen, mit meinen sämtlichen Sinnen die Möglichkeit und das Dasein der Kunst zu «begreifen», die heute im Gegensatz zur ‚Gegenständlichkeit‘ die ‚Abstrakte‘ genannt wird.»

 

Dieses Erleben der «geheimen Seele» der sämtlichen Dinge, die wir mit unbewaffnetem Auge, im Mikroskop, oder durch das Fernrohr sehen, nenne ich den «inneren Blick». Dieser Blick geht durch die harte Hülle, durch die äußre «Form» zum Inneren der Dinge hindurch und läßt uns das innere «Pulsieren» der Dinge mit unsren sämtlichen Sinnen aufnehmen.

 

Und diese Aufnahme bereichert den Menschen und speziell den Künstler, weil sie bei ihm zum Keim seiner Werke wird. Unbewußt.

 

So erzittert die «tote» Materie. Und noch mehr: die inneren «Stimmen» der einzelnen Dinge klingen nicht isoliert, sondern harmonisch alle zusammen – die «Sphärenmusik».

 

Noch ein kleines Zitat. 1912 schrieb ich in meinem Artikel «Über die Formfrage» für «Der Blaue Reiter»: «Die Linie ist ein Ding, welches ebenso einen praktisch-zweckmäßigen Sinn hat, wie ein Stuhl, ein Brunnen, ein Messer, ein Buch undsoweiter. Und dieses Ding wird … als ein reines malerisches Mittel gebraucht – also in seinem reinen inneren Klang. Wenn also im Bild eine Linie von dem Ziel, ein Ding zu bezeichnen, befreit wird und selbst als ein Ding fungiert, wird ihr innerer Klang durch keine Nebenrolle abgeschwächt und bekommt ihre volle innere Kraft.»

 

Die Linie ist hier nicht mehr als nur ein Beispiel aus dem großen Reich der «abstrakten» Elemente, die zum Aufbau eines Bildes gebraucht werden können.

 

Reiner Klang! Das heißt ohne «Nebengeräusche», die von den Franzosen so nett «Les parasites» genannt werden. Das ist das «Material», aus dem der abstrakte Maler seine Bilder «aufbaut».

 

Der Aufbau selbst wird ihm nicht von «Naturausschnitten» diktiert, sondern von den Naturgesetzen im ganzen, von den Naturgesetzen, die über dem Kosmos regieren.

 

Deshalb ist die abstrakte Kunst eine «reine» Kunst (wie es zum Beispiel eine «reine» Musik gibt) und deshalb bekommt der sehende Beschauer nicht selten einen «kosmischen» Eindruck von den abstrakten Bildern. Um den letzten Punkt auf das letzte «i» zu setzen: die abstrakte Kunst kommt ohne «Natur» aus, sie unterliegt aber den Gesetzen der Natur. Ihre Stimme zu hören, ihr zu gehorchen, ist für den Künstler das höchste Glück.