Wassily Kandinsky - Abstrakte Malerei 1935

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Abstrakte Malerei

 

Für die Kronick van Hedendaagse Kunst en Kultuur, Amsterdam, schrieb Kandinsky 1935 eine längere Abhandlung über «Abstrakte Malerei». Interessant ist hier vor allem, daß sich Kandinsky mit der Klassierung der sogenannten «abstrakten» Kunst befaßt, daß er Ausdrücke wie «gegenstandlos», «abstrakt», «absolut» schon ablehnt und vorschlägt, diese durch «reale Kunst» zu ersetzen. Bemerkenswert ist auch, daß er sich hier mit den «Ismen» auseinanderzusetzen sucht, Es scheinen ihm diese Probleme vor allem auch auf Grund der Ignoranz des Pariser Kunstbetriebes klar geworden zu sein. Die französischen Zitate aus Cahiers d’Art sind im vorangehenden Text enthalten: «Die Kunst von heute ist lebendiger denn je».

 

 

 

 

Der Ausdruck «Abstrakte Kunst» ist nicht beliebt. Und das mit Recht, da er wenig sagend ist, oder mindestens verwirrend wirkt. Deshalb versuchten die Pariser abstrakten Maler und Bildhauer einen neuen Ausdruck zu schaffen: sie sagen «art nonfiguratif». Gleichbedeutend mit dem deutschen Ausdruck «gegenstandslose Kunst». Die Negationsteile dieser Worte («non» und «los») sind nicht geschickt: sie streichen den «Gegenstand» und stellen nichts an seine Stelle. Schon seit längerer Zeit versuchte man (was auch ich noch vor dem Krieg tat) das «abstrakt» durch «absolut» zu ersetzen. Eigentlich kaum besser. Der beste Name wäre meiner Meinung nach «reale Kunst», da diese Kunst neben die äußere Welt eine neue Kunstwelt stellt, geistiger Natur. Eine Welt, die ausschließlich durch Kunst entstehen kann. Eine reale Welt. Die alte Bezeichnung «abstrakte Kunst» hat sich aber bereits eingebürgert.

 

Meiner Meinung nach sind die Bezeichnungen «Impressionismus» oder «Kubismus» nicht mehrsagend und ebenso oft verwirrend. Sie sind aber bereits historisch geworden, gehören zu anerkannter Klassifizierung und damit zu unantastbaren Erscheinungen.

 

Es ist eigenartig, daß der Kubismus ebenso alt (oder jung) wie die abstrakte Malerei ist und trotzdem bereits «historisch» und unantastbar wurde. Weder sein Wesen noch sein Name werden heute bekämpft. Besonders ein «fortschrittlicher» Kunsttheoretiker würde nie den Mut aufweisen, ihn zu überfallen. Es ist vielleicht deshalb, weil der Kubismus in seiner reinsten Form von kurzer Dauer war und sich sehr schnell erschöpfte, und «de mortuis aut bene aut nihil».

 

Wie oft versuchte man auch die abstrakte Malerei zu begraben und wie oft wurde ihr endgültiger Tod prophezeit. Zum Entsetzen dieser Propheten gibt es heute eine neue abstrakte Generation in vielen Ländern. Ich erlaube mir dabei zu erwähnen, daß ich mein erstes abstraktes Bild 1911 malte, also vor 24 Jahren. Es war auch ungefähr das Geburtsjahr des Kubismus. Diese Zeit war der Anfang vieler «Explosionen» in der Kunst – denken Sie bitte an die unzähligen «Ismen», die meist sehr bald verschwanden und vergessen wurden (Dadaismus, Purismus, Expressionismus, Suprematismus, Maschinismus und noch viele, viele andre). Die andren sind, wie gesagt, katalogisiert worden.

 

So ist die abstrakte Malerei eine lebende, lebensvolle Erscheinung, die der Klassifizierung und der Katalogisierung entging – glücklicherweise.

 

Die immer noch nicht aufhörende (manchmal haßerfüllte) Bekämpfung dieser Kunst ist der beste Beweis ihrer Lebenskraft und Bedeutung. Ich bin sicher, daß diese Lebenskraft und Bedeutung ihrerseits die besten Beweise dafür sind, daß die abstrakte Kunst nicht nur die der Gegenwart, sondern auch die der Zukunft ist. Vielleicht mehr die der Zukunft als die der Gegenwart. In der Gegenwart ist die größte Masse der Menschen äußerst materialistisch und formalistisch. Und deshalb rückständig. Die rückständigen Menschen besitzen kein Organ für die geistige Zukunft. So bleibt ihnen nichts übrig als sich an die Vergangenheit festzuklammern. Der ewige Irrtum solcher Menschen ist der, daß sie sich einbilden, dem Geist der Vergangenheit treu zu bleiben, indem sie nicht dem Geist, sondern der Form treu bleiben. Von hier der Irrschluß: es hat bis jetzt keine abstrakte Form in der Kunst gegeben, so kann es auch keine in der Zukunft geben. Das ist der berühmte «historische» Beweis gegen die abstrakte Kunst. Ebenso wurde auch seinerzeit «bewiesen», daß es keine Flugzeuge geben kann. Wenn man auf solche Propheten hören würde, lebte noch heute die Menschheit in Steinhöhlen.

 

Außer dem «historischen Beweis» gibt es auch manche andre, die zum Zweck haben, die Möglichkeit der abstrakten Kunst zu widerlegen. Ich will sie nennen.

 

Manche (wirklich ganz naive) «Theoretiker» behaupten, es gäbe keinen «Qualitätsmesser» für die abstrakte Kunst, das heißt es gäbe keine Mittel, gute abstrakte Kunst von der schlechten zu unterscheiden. Diese Behauptung stimmt. Nur stimmt sie nicht nur in bezug auf die abstrakte Kunst, sondern auf Kunst überhaupt. Es ist allgemein bekannt, daß große Künstler nicht selten hungerten und nicht selten vergessen und in Armut starben, wogegen ganz minderwertige Maler, Bildhauer, Dichter, Musiker (die man deutsch «Kitschiers» und französisch «Pompiers» nennt), die oft keine Künstler, sondern «Künstler» waren (und noch heute sind), Ruhm, allgemeine Bewunderung und Reichtümer zu genießen bekamen. Und weiter: bei allgemein und mit Recht anerkannten Künstlern kommt es fortwährend vor, daß einige Fachmenschen ihre «frühe» Periode weit über die «spätere» schätzen, und die andren «Sachverständigen» umgekehrt. Also nicht nur einzelne Werke können mit Bestimmtheit als «gut» oder «besser» bezeichnet werden, sondern ganze «Perioden», die ihrerseits wieder aus vielen einzelnen Werken bestehen, für die auch noch nicht ein «Qualitätsmesser» erfunden wurde. Oder wird ein Künstler jahre- und jahrelang nicht nur «abgelehnt», sondern verspottet und nur an seinem Lebensabend plötzlich anerkannt und über alle Berge gehoben (Henri Rousseau zum Beispiel, wenn man an die letzte Zeit denkt und an einen Fall, den wir alle erlebt haben). Die Qualitätseinschätzung kennt sonderbare Fälle: es kommt vor, daß Künstler erst nach mehreren Jahrhunderten «neuentdeckt» werden (El Greco zum Beispiel). Es kommt auch vor, daß der Titel «des größten Malers aller Zeiten» heute einem Künstler, morgen einem andren zugesprochen wird (zum Beispiel Raphael, Giotto, Grünewald undsoweiter). Es kommt ebenso vor, daß eine «Blüteperiode» plötzlich zu einer «Niedergangsperiode» herabgesetzt wird (zum Beispiel die «klassische» Zeit der griechischen Plastik).

 

Es gibt nie einen «Thermometer» für die Messung der Höhe der Kunst und wird nie einen geben.

 

Zu oft hört man weiter (jetzt immer seltener), daß die abstrakte Kunst in ihren Ausdrucksmitteln zu beschränkt und deshalb gezwungen sei, immer dieselben «Motive» oder «Elemente» zu verwenden und sich deshalb sehr bald «erschöpfe». Von diesem Standpunkt aus würde man manche große Künstler ablehnen und als «sich wiederholende» und deshalb langweilige und ausdrucksarme Nichtkünstler bezeichnen müssen. Wie würde man zum Beispiel Michelangelo einschätzen müssen, der im Laufe seines langen Lebens ausschließlich die menschliche Figur verwendete und immer bei derselben Wahl der (wie manche behaupten «übertriebenen» und «unnatürlichen») Muskulatur bleibt. Sollte er nicht als der «langweiligste und ausdrucksärmste» Bildhauer aller Zeiten gestempelt werden? Von diesem Standpunkt aus würde man ohne Zweifel Michelangelo in die berühmte Reihe der Berliner Siegesallee «einklassifizieren» müssen.

 

Und die arme Musik! Wie «gefährlich» beschränkt sind ihre Mittel. Immer und immer dieselben Streich- und Blasinstrumente und nur ein bißchen Trommel dazu. Wie soll man da Bach von Johann Strauß unterscheiden?

 

«Formalistisch» sein (oder sagen wir deutsch «oberflächlich» sein) ist eine gefährliche Sache, die unvermeidlich auf Holzwege führt. Und noch eine «Kanone» gegen die abstrakte Kunst, eigentlich gegen die abstrakte Malerei: die Farbe könne nur in Verbindung mit einem «Gegenstand» «lebendig» werden, ohne Gegenstand bliebe sie «tot». Diese Behauptung könnte nur durch ein «Ehrenwort» bewiesen wer- den, weil es keine andren Beweise für sie gibt. Ich glaube sogar, daß die Farbe «an und für sich» immer lebendig ist und daß nur schlechte Maler die Begabung besitzen sie zu «töten».

 

Zuallerletzt darf auch noch ein «Einwand» gegen die abstrakte Malerei nicht außer acht gelassen werden, da die Gegner ihn fast nie vergessen und für einen «niederschmetternden» halten. Man könnte ihn in eine logische Reihenfolge fassen:

 

1. Nur die Natur (zu der allerdings auch Gegenstände gerechnet werden, die der menschlichen Hand oder der Maschine entspringen – das Material für die «Nature morte» oder «Stilleben») ist befähigt, dem Maler Anregungen zu geben und seine Intuition zu erwecken.

 

2. Der abstrakte Maler verwendet die Natur (oder «Natur») nicht und will ohne sie auskommen. Also:

 

3. Schließt die abstrakte Malerei die Intuition aus und wird damit eine «kopfmäßige».

 

Auf diesen unlogischen Schluß geben einige Worte von mir die richtige Antwort. Ich erlaube mir, sie in französischer Sprache zu bringen, so wie ich sie für die «Cahiers d’Art» auf Aufforderung von Herrn Ch. Zervos geschrieben habe.

 

«Toute la nature, la vie et le monde entier entourant l’artiste, et la vie de son àme à lui sont la source unique de chaque art. C’est trop dangereux de supprimer une partie de cette source (vie extérieure autour de l’artiste) ou l’autre (sa vie intérieure), même plus dangereux que de couper à un homme une jambe, parce qu’elle peut être rem- placée par une jambe artificielle. Ici, on coupe plus que la jambe. On coupe la vie à sa propre création. Le peintre se «nourrit» d’impressions extérieures (vie extérieure), il les transforme dans son âme (vie intérieure), la réalité et le réve! sans le savoir. Le résultat est une œuvre. C’est la loi générale de la création. La différence se montre seulement dans les moyens d’expressions (vie intérieure).» Und etwas weiter: «Comme il existe, depuis déjà assez longtemps, une musique avec paroles (je parle généralement), la chanson et l’opéra, et une musique sans paroles, la musique purement sympho- nique, ou la musique «pure», il existe de même, depuis vingt-cinq ans, une peinture avec et sans objet». (Cahiers d’Art No 1–4, 1935, p. 54).

 

Die sogenannte «naturalistische» Malerei besteht darin, daß der Maler ein sehr kleines Stück der Natur (Landschaft, Mensch, Blumen, undsoweiter) vor den Augen haben muß um ein malerisches Wesen zu schaffen, das Bild, das Bild heißt. Der «Realist» malt dieses Stückchen «genau» ab (als ob es möglich wäre, irgend etwas «genau» wiederzugeben). Der «Naturalist» verändert dieses Stückchen der Natur je «nach seinem Temperament». Je nach dem Maße dieser Veränderung heißt er «Impressionist» oder «Expressionist» oder endlich «Kubist». Bei der typischen allgemeinen «Spezialisierung» des 19. Jahrhunderts, entstand auch in der Malerei eine spezielle und extreme Spezialisierung. So verhärteten sich die früheren Teilungen der Maler zu richtigen «Kasten», die durch harte Mauern voneinander getrennt blieben. – Maler des Porträts, der Landschaft, der Marine, des Stillebens und so weiter. Diese harte Teilung ist typisch für die geistige Einstellung des vergangenen Jahrhunderts und ist auch noch heute vorherrschend – die Analyse.

 

In der abstrakten Kunst gehört die Analyse zum Kennenlernen des «Handwerks», wogegen die Basis der schöpferischen Kraft eine synthetische wurde. Es würde viel zu weit führen, hier ausführlicher über dieses höchstwichtige Thema zu sprechen. Ich erwähne hier nur die eine Tatsache, die meine Behauptung bestätigt: der abstrakte Maler bekommt seine «Anregung» nicht von einem x-beliebigen Stück Natur, sondern von der Natur im ganzen, von ihren mannigfaltigsten Manifestationen, die sich in ihm summieren und zum Werk führen. Diese synthetische Basis sucht sich eine für sie am besten geeignete Ausdrucksform, das heißt die «gegenstandslose». Die abstrakte Form ist breiter, freier und inhaltsreicher als die «gegenständliche».

 

Dies ist der Kernpunkt der ganzen «Frage».

 

Man sollte die Formwahl dem Künstler überlassen und weniger an der Form hängen bleiben.

 

Dank dem Materialismus des 19. Jahrhunderts hat man sich aber leider zu sehr daran gewöhnt, das Äußere für das Innere zu halten und damit hinter der Form den Inhalt nicht zu erleben. Deshalb wird so viel über die Formfrage nachgedacht, gesprochen und geschrieben. Auch ich habe bereits 1912 «Über die Formfrage» im «Blauen Reiter» geschrieben und darunter folgendes gesagt:

 

«Es gibt keine Frage der Form im Prinzip.»