Wassily Kandinsky - Leere Leinwand 1935

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Leere Leinwand undsoweiter

 

Kandinsky war 1933 von Berlin nach Neuilly s/Seine bei Paris übergesiedelt und hatte 1934 eine Ausstellung in der Galerie Cahiers d’Art – seine erste Ausstellung in Paris! In No 5/1935 von Cahiers d’Art, Paris, erschien nach dem langen Exkurs, der in No 1–4 abgedruckt war, eine fast poetische Deutung der Elemente, die Kandinsky als Grundlage für seine Malerei gewählt hatte. Der nun fast Siebzigjährige war in Paris heimisch geworden.

 

 

Leere Leinwand. Scheinbar: wirklich leer, schweigend, indifferent. Fast stumpfsinnig. Tatsächlich: voll Spannungen mit tausend leisen Stimmen, erwartungsvoll. Etwas erschrocken, da sie vergewaltigt werden kann. Aber fügsam. Sie tut gern, was man von ihr verlangt, bittet nur um Gnade. Sie kann alles tragen, aber nicht alles vertragen – sie verstärkt das Richtige, aber auch das Falsche. Und dem Falschen verzehrt sie unbarmherzig das Gesicht. Sie verstärkt die falsche Stimme zum grellenden Gebrüll – unmöglich zu ertragen. Wunderbar ist die leere Leinwand – schöner als manche Bilder. Einfachste Elemente. Gerade Linie, gerade schmale Fläche: hart, un entwegt, sich rücksichtslos behauptend, scheinbar «selbstverständlich» – wie das bereits erlebte Schicksal. So und nicht anders. Gebogene, «freie»; vibrierend, ausweichend, nachgebend, «elastisch», scheinbar «unbestimmt» – wie das uns erwartende Schicksal. Es könnte anders werden, wird aber nicht.

 

Hartes und Weiches. Die Kombinationen von beiden – unendliche Möglichkeiten.

 

Jede Linie sagt «ich bin da!» Sie behauptet sich, zeigt ihr sprechendes Gesicht – «horcht! Horcht auf mein Geheimnis!». Wunderbar ist eine Linie.

 

Ein kleiner Punkt. Viele kleine Pünktchen, die hier noch etwas, etwas kleiner sind und dort etwas, etwas größer. Alle haben sie sich hineingebohrt, bleiben aber beweglich – viele kleine Spannungen, die im Chor ständig wiederholen «horcht! horcht!». Kleine Mitteilungen, die sich im Chor verstärken – zum großen «ja».

 

Schwarzer Kreis – entfernter Donner, eine Welt für sich, die sich scheinbar um nichts kümmert, ein Sich-Insich-Hineinziehen, ein Abschluß auf der Stelle. Ein langsam kühlgesagtes «Ich bin da».

Roter Kreis – sitzt fest, behauptet seine Stelle, ist in sich vertieft. Aber gleichzeitig wandert er, da er alle übrigen Stellen für sich haben möchte – so strahlt er über alle Hindernisse bis in die weiteste Ecke. Blitz und Donner zusammen. Leidenschaftliches «Ich bin da!» Wunderbar ist der Kreis.

 

Das Wunderbarste ist aber: alle diese Stimmen mit noch vielen, vielen andern (es gibt tatsächlich viel Formen und Farben) zu einer einzigen zu summieren – das ganze Gemälde ist zu einem einzigen «Ich bin da» geworden.

 

Beschränkung, «Geiz», toller Reichtum, «Verschwendung», Donnerknall, Mückengesumm. Alles, was dazwischen liegt. Jahrtausende waren eine knappe Zeitspanne um bis an den Boden, an die letzte Grenze der Möglichkeiten zu kommen. Der Boden ist überhaupt nicht da. Seit bald 25 Jahren unterhalte ich mich mit diesen «abstrakten» Dingen. Schon vor dem Krieg habe ich den Donnerknall und das Mückengesumm geliebt und verwendet. Die Stimmgabel war aber «Dramatik». Explosionen, zusammenprallende Flecke, verzweifelte Linien, Ausbruch, Dröhnen, Auseinanderfliegen – Katastrophen. Die sämtlichen Elemente, die Konstruktion und selbst die technische Art bis zum einzelnen Pinselstrich waren diesem Zweck «Dramatik» unterordnet. Verlorenes Gleichgewicht, aber kein Untergang. Überall Vorahnung des Auferstehens – bis zur kühlen Ruhe.

 

Von Anfang 1914 stieg in mir der Wunsch der «kühlen Ruhe» – Starres wollte ich nicht, aber Kühles, sehr Kühles. Manchmal Eis- kaltes. Sozusagen umgekehrte chinesische Kuchen, die glühendheiß sind und innen Gefrorenes verstecken. Umgekehrtes wollte ich (und habe es noch heute so gern!) – in eiskalter Hülse glühend heiße «Füllung».

 

Verschleierung. Es gibt übertausende von Verschleierungen. Schon 1910 habe ich die «dramatische Komposition» durch «liebenswürdige» Farben verschleiert. Das geschieht unbewußt, daß man einem «bitteren» Knall etwas «Süßes» gegenüber stellt, dem «Heiß» etwas «Kühles», in das «Positive» etwas «Negatives» hineintropft.

 

In meiner «kalten» Periode bremste ich nicht selten glühende Farben durch harte, kühle, «nichtssagende» Formen. Es fließt manchmal unter dem Eis kochendes Wasser – die Natur «arbeitet» mit Gegensätzen, ohne die sie flach und tot wäre. Ebenso die Kunst, die nicht nur der Natur verwandt ist, sondern sich ihren Gesetzen mit Freude fügt. Sich diesen Gesetzen zu fügen, ihre weise Weisung zu erraten – ist die größte Freude des Künstlers.

 

Sich fügen heißt Rücksicht zu nehmen. Jeder neue Farbfleck, der in der Arbeit auf die Leinwand kommt, fügt sich den früheren – auch in seinem Widerspruch ist er ein neues Steinchen zum großen Aufbau des «Ich bin da».

 

Man wird eigentlich viel mehr «mißverstanden» als «verstanden». Dies habe ich oft erlebt, aber nie so deutlich als zu meiner «kalten» Periode, zu der auch mancher Freund mir den Rücken zeigte. Ich wußte aber, daß das Eis (nicht meiner Bilder, sondern das des Mißverstehens) einmal schmelzen würde. Vielleicht ist es heute schon etwas geschmolzen. Die Zeit reißt die Menschen mit. Was aber zu schnell wächst, vertrocknet noch schneller – ohne Tiefe gibt es keine Höhe.

Nach diesem Sprung (der bei mir durch die Zeitlupe zu sehen ist) aus einer «Extravaganz» in die andre veränderte sich wieder mein «Wunsch», das heißt der Sinn der inneren Kraft, die mich nach vorwärts stößt. Was ich aber heute wünsche, ist nicht so einfach darzulegen, wie es mit den früheren Wünschen der Fall war (wenn er es war).

 

Eigentlich verändert man sich nicht. Das heißt die Veränderung ist im Glücksfalle die, daß man immer besser lernt, gleichzeitig hinauf- und herunterzusteigen – gleichzeitig nach «oben» (in die «Höhe») und nach «unten» (in die «Tiefe»). Dieses Können hat immer be- stimmt zur natürlichen Folge das Sichausbreiten, eine feierliche Ruhe. Man wächst zu allen Seiten.

 

Jedenfalls ist mein Wunsch heute «breiter! breiter!» Polyphonie wie es der Musiker sagt. Gleichzeitig: Verbindung von «Märchen» und «Realität». Nicht die äußere Realität – Hund, Schüssel, entblößte Frau – sondern die «materielle» Realität der malerischen Mittel, der «Werkzeuge». Diese Realität verlangt die vollkommene Umänderung der Ausdrucksmittel, wozu auch die technischen Mittel gehören. Ein Bild ist restlose Einheitlichkeit der sämtlichen Mittel. Nicht das Märchen von «Siebenmeilenstiefeln» oder vom «Dornröschen» und nicht «gegenständliche» Phantastik brauche ich, sondern das rein malerische Märchen, das nur und ausschließlich die Malerei allein «erzählen» kann – durch ihre «Realität». Inneres Zusammenhalten durch äußres Auseinandergehen, Verbinden durch Auflösen und Zerreißen. In Unruhe Ruhe, in Ruhe Unruhe. Der «Vorgang» im Bilde soll nicht auf der Leinwandfläche vorsichgehen, sondern «irgendwo», im «illusorischen» Raum. Aus der «Unwahrheit» (Abstraktion!) soll Wahrheit sprechen. Kerngesunde Wahrheit, die «Ich bin da» heißt.

 

Ich sehe aus meinem Fenster. Manche kalte Fabrikschornsteine stehen schweigend da. Sie sind unbiegsam. Ganz plötzlich steigt aus einem einzigen Schornstein der Rauch. Der Wind biegt ihn und er ändert jeden Augenblick seine Farbe. Die ganze Welt hat sich verändert.