20 Aufruf an die Jugend

Nach oben  Zurück  Weiter

Aufruf an die Jugend

 

 

Gerade in unserer Zeit werden durch die verschiedensten Arten der Malereien auch die verschiedensten Ansichten und Meinungen über Kunst durcheinandergeworfen.

 

Bei der Überfülle der Ausstellungen ist es wie auf dem Jahrmarkt in der Schaubude: hier hört man die moderne Kunst, dort die modernste, dort wieder die allermodernste Kunst preisen, und das liebe Publikum läuft kopflos hin und her, aber es sammelt sich dort schließlich am allermeisten, wo der Ausrufer am lautesten schreit.

 

Ein Künstler, der etwas erreichen will, muß mit seiner Kunst ringen wie Jakob mit dem Engel. Niemals habe ich die Manieren anderer, geschweige denn von Ausländern, angenommen noch nachgemacht, sondern ich habe wohl alles geprüft und das zur Vervollkommnung meiner individuellen Kunst benutzt, was ich für richtig hielt. Ich habe mich niemals geniert, meine persönliche Meinung zu sagen; auch heute will ich es tun und ungeniert ein paar Worte über das Wesen der Malerei und besonders über das Wesen der modernen Malerei sagen.

 

Man kann in der Kunstgeschichte – und die Malerei ist uns dafür gerade mustergültig – genau verfolgen, wie sich der eine Meister aus den vorhergehenden entwickelt hat. Selten ist einer aus der gewohnten Bahn herausgetreten und hat Kunstwerke hingestellt, die in keine Überlieferung einzureihen möglich gewesen wären. Eine ähnliche Sitte herrschte noch am Anfang des vorigen Jahrhunderts. Bei der größeren Ausdehnung der Malerei und dem leichter gewordenen Verkehr mit allen Ländern wurde es dann möglich, Meisterwerke zu studieren. Ein jeder suchte auch bald seine Lieblinge und Vorbilder aus allen Ländern zusammen, und so arbeitete man in holländischer, italienischer, spanischer Manier. Allmählich wurde Paris, das Viktor Hugo das Hirn der Welt nennt, auch die Zentrale der Malerei.

 

Gehen wir einmal, wieviel vorübergehende Moden im Verhältnis einer kurzen Spanne Zeit von Paris ausgegangen sind, dann beinahe vergessen und wieder begraben wurden. Als ich vor mehreren Jahrzehnten nach Berlin kam, war gerade der Naturalismus in der Mode. Ein Kunstsalon, der immer Pariser Vorbildern huldigte und doch immer hinter Paris nachhinkte, machte deshalb eine Ausstellung der »Naturalisten«. Dann kamen die Symbolisten daran, bald darauf der Japanismus, und alle wurden vereinigt im Impressionismus. Von dem Impressionismus gingen nun die Abstufungen weiter, und die Richtungen nannten sich Neoimpressionismus, Expressionismus und schließlich jetzt Futurismus und Kubismus. Ich hätte nichts einzuwenden, wenn ein Deutscher in seinem künstlerischen Drang und Streben nach Vervollkommnung irgendeine Methode – gleichgültig, ob gut oder schlecht – von diesen vielgenannten Arten selbst gefunden hätte. Dem aber ist nicht so, denn bis auf den Futurismus, der ein totgeborenes italienisches Erzeugnis ist, sind die Erreger der übrigen Arten immer Franzosen gewesen. Natürlich bin ich ein großer Bewunderer französischer Kunst. Deshalb aber braucht man nicht blindlings und urteilslos nachzuahmen, was von Frankreich geboten wird.

 

Wie ist es nur möglich, daß unsere Stadt Berlin, vor etwa 50 Jahren noch ein Botokudendorf in bezug auf bildende Kunst, vor 100 Jahren und darüber, na mentlich in der politischen [88] Schmach Preußens, den glänzendsten Dichter und die besten Maler besaß? Vor 100 Jahren dichtete Heinrich Kleist aus Frankfurt a.O. gegen Napoleon die »Hermannsschlacht«. Von Künstlern lebten in Berlin der geniale Schadow, Krüger, der junge Menzel, der große Landschaftsmaler Karl Blechen aus Kottbus. Ich hebe mit Absicht diese kleinen märkischen Städte hervor als Heimat dieser größten Preußen. Wenn man sich im damaligen Deutschland umsieht, waren die andern Hauptstädte, selbst München, in künstlerischer Beziehung hinter Berlin weit zurück. Vielleicht nur Wien hatte den größeren Reichtum an Musikern. Die Früchte jener großen Zeit können wir als späte Nachkommen noch als Sehenswürdigkeit Berlins bewundern.

 

Heute ist die Klügelei und die spitzfindige Spekulation Trumpf geworden. Da wird von dem goldenen Schnitt erzählt, von den Komplementärfarben und den weiteren Gesetzen, unter denen ein Kunstwerk jenseits der Vogesen entstanden sein soll. Durch diese Schablone wird das eine Bild genau wie das andere, und diese Ähnlichkeit ist das Hauptmerkmal aller modernen Bilder überhaupt, denn sie werden über denselben Leisten geschlagen, und jede charakteristische Individualität geht hierbei verloren. Freuen würde ich mich, wenn unsere Zeit einen Mann hervorbrächte, der mit einem Fußtritt diese mathematischen Klüge leien über den Haufen schmeißt und wieder herrscht durch seine instinktive malerische Schaffenskraft. Der Vater aller modernen Richtungen, der Urheber, der alle geistig beweglichen deutschen Maler fasziniert hat, war der Franzose Cézanne. Cézanne ist in der Tat ein großes Genie, auf das sein Vaterland stolz sein kann. Wenn ein deutscher Maler nun schon so spucken und sich räuspern will, so soll er nicht vergessen, daß Cézanne als Südfranzose seine Landschaften und seine Menschen gemalt hat; und die Sonne scheint doch wohl anders auf die Provence als auf die Mark Brandenburg.

 

Cézanne aber starb, ohne die geringste Ahnung gehabt zu haben, welchen Eindruck er auf die moderne Malerei gemacht hatte. Er war ein zu großer Charakter, als daß er sich noch sonst um etwas anderes gekümmert hätte als um seine Bilder. An seine Stelle trat ein viel gewandterer, weltklugerer Künstler: Mattisse. Er ist ebenfalls ein begabter Künstler, wie es nur ein Franzose sein kann, aber bei allem Talent doch nur ein Epigone Cézannes. Er erfand ein neues zugkräftigeres System, woran wir noch immer in der Modemalerei leiden: den Negerstil. Mit seiner neuen Lehre hatte Mattisse den größten Erfolg, den ein Mensch in verhältnismäßig jungen Jahren erringen konnte. Die Schüler strömten ihm nur so zu. In Paris verschwindet eine Mode und taucht eine neue noch schneller auf als bei uns in Berlin. Heute wird Mattisse viel weniger genannt als noch vor zwei Jahren. An seine Stelle ist Picasso getreten. Fand Mattisse den Negerstil, so fand Picasso den Kubismus.

 

Der Kubismus hat wohl niemals Gegenliebe gefunden. Jeder hohnlächelt über seine unverständliche Methode, jedermann sucht das Bild wie ein Vexierbild zu enträtseln, und dennoch ist es gerade das Bewundernswerteste, daß die ganze Welt auf ihn eingeschworen zu sein scheint. Der Kubismus ist jedenfalls als System genommen das charakteristischste und subjektivste aller Systeme, und deshalb tötet er von vornherein die Individualität aller derer, die ihm anhängen. In der Öffentlichkeit zeigen sich diese Anhängerschaften bei uns Gott sei Dank noch nicht, aber ich zweifle nicht daran, daß mancher im stillen Kämmerlein sich abstrapaziert, um auch das Würfelsystem mitzumachen. Sehen wir uns daraufhin eine derartige allermodernste Kunstschau an. Durch alle Räume geht ein durchaus femininer Zug und das Zeichen aller Modernität überhaupt, das ich überall da rüge, wo es mir entgegentritt: eine fatale Ähnlichkeit aller Bilder untereinander. Der moderne Maler malt nicht allein in der Art seines modernen Vorbildes, sondern er nimmt auch dieselben Gestalten, die auf diesen französischen Bildern besonders bevorzugt werden. Daher wird man immer in jeder Ausstellung einen Pierrot finden. Ich weiß beim besten Willen nicht, aus welchem literarischen Werk dieser französische Hanswurst auf deutsche Bilder kommen konnte, aber wenn ich daran denken sollte, einen Pojazz darzustellen, würde ich gewiß und wahrhaftig unsere vortreffliche Figur, den Till Eulenspiegel, nehmen und bin überzeugt, eine neuere Figur geschaffen zu haben als alle die modernen Künstler mit ihren Pierrots und Pierretten.

 

Die Aktmalerei setzt nicht minder in Erstaunen. Die weiblichen oder männlichen nackten Figuren der Modernen versetzen einen in Verwunderung, daß sie unter den Kleidern eine solche unmögliche anatomische Konstruktion verbergen können. Selbst die kühnste und ausschweifendste Phantasie eines Zulukaffers kann nach meiner Meinung einen Europäer oder eine Europäerin in ausgezogenem Zustande nicht treffender darstellen.

 

Nun würden wir schließen können, wenn ich nicht auf diese Jeremiaden hin die Erklärung schuldig wäre, wie diese demütigende Sucht der deutschen Imitation zu überwinden wäre. Vor allen Dingen will ich die deutsche Kunst auf dieselbe hohe Stufe gestellt wissen wie die französische. Die Mittel, um das zu erreichen, sind vollständig gleichgültig. Entweder durch Studieren französischer Vorbilder oder, noch lieber, durch Anschluß an unsere großen deutschen Künstler der Vergangenheit.

 

Vor zwei Jahren ging in München eine Bestrebung von Münchener Künstlern aus, die französische Kunst in Deutschland zu boykottieren, weil Deutschland das Land war, das die besten und willfährigsten Abnehmer französischer Kunst hatte. Wegen niedriger Brotkonkurrenz die französischen Kollegen zu boykottieren, denen wir soviel zu Dank verpflichtet sind? Nein! Aber wir müssen uns bestreben, besser zu arbeiten als unsere Konkurrenten. Wir müssen uns bemühen, mit allen übrigen Künstlern gleichwertig abgeschätzt zu werden. Einfach mit gebundenen Händen dazustehen und zuzugeben, daß jene Künstler von vornherein ohne jeden Beweis die besseren wären, scheint mir nicht eines Deutschen und eines Nachkommen von Grünewald, Dürer und Holbein würdig zu sein. Dazu gehört vor allen Dingen die strengste Erziehung der Jugend. Es ist notwendig, dem jungen Schüler, der sich der Kunst widmet, ein höchstes Ziel zu stecken, das er nur mit eisernem Fleiß und energischstem Willen erreichen kann. Ist der Schüler in allen Arten des Handwerks ausgebildet und im Studium und in den elementaren Arbeiten genügend gefestigt, so wird ihm nichts Fremdartiges imponieren, und selten wird der Wunsch an ihn herantreten: Das da möchte ich auch so können. Denn er wird sich sagen, ich verfolge ein anderes Ziel. So erstirbt der Wunsch des Nachmachens nach anderen Methoden schon im ersten Gedan ken der Absicht.

 

Die höchste Ehrfurcht vor den Meistern der Vergangenheit sollen wir haben; leider gehört es zur Mode, auch diese Pietät verächtlich zu machen. Aber wer keine Vergangenheit ehrt, hat auch keine hoffnungsvolle Aussicht auf die Zukunft, und es wäre dem Verächter seiner eigenen Vorläufer wahrhaftig besser, einen Mühlstein zu nehmen und dorthin zu gehen, wo es am tiefsten ist.

 

Das ist meine rein persönliche Meinung. Sie kann auch bestritten werden, aber das eine ist sicher, ich will den deutschen Künstler von der degradierenden Abhängigkeit des Auslandes befreien, die um so erniedrigender ist, als er selbst sich in diese Abhängigkeit wie ein Knecht begeben hat. Warum sollte nicht Frankreich durch seine jahrhundertelange Kultur und seinen Reichtum an Talenten bewundert werden? Keiner ist ein größerer Bewunderer dieses Herrlichen Landes als ich selbst. – Aber Deutschland den deutschen, wir haben das Selbstbewußtsein, auf genau derselben Stufe zu stehen, deshalb werden wir in absehbarer Zeit ebensolche bedeutenden Künstler unser eigen nennen wie die Franzosen.

 

Unser Wahlspruch laute: Arbeiten und besser machen!