1 Widmung

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1. Widmung

 

 

Meinem insonders lieben Herren und Freund Herrn Wilbolden Pirckheymer wünsch ich, Albrecht Dürer, Heil und Seligkeit. Günstiger Herr und Freund, man hat bisher in unsern deutzschen Landen viel geschickter Jungen zu der Kunst der Malerei geton, die man ahn allen Grund und allein aus einem täglichen Brauch gelehrt hat; sind dieselben also im Unverstand wie ein wilder unbeschnittener Baum auferwachsen. Wiewohl etlich aus ihnen durch stetig Übung ein freie Hand erlangt, also daß sie ihre Werk gewaltiglich aber unbedächtlich, und allein nach ihrem Wohlgefalle gemacht haben. So aber die verständigen Maler und rechte Künstner solchs unbesunnen Werk gesehen, haben sie und nit unbillich dieser Leut Blindheit gelacht, dieweil einem rechten Verstand nichts unangenehmer zu sehen ist, dann Falschheit im Gemäl, unangesehen ob auch das mit allem Fleiß gemalt wirdet. Daß aber solche Maler Wohlgefallen in ihren Irrtumen gehabt, ist allein Ursach gewest, daß sie die Kunst der Messung nit gelernet haben, ahn die kein rechter Werkmann werden oder sein kann. Das aber ihr Meister Schuld gewest, die solche Kunst selbs nit gekünnt haben. Dieweil aber die der recht Grund ist aller Malerei, hab ich mir fürgenommen, allen künstbegierigen Jungen ein Anfang zu stellen und Ursach zu geben, damit sie sich der Messunge Zirkels und Richtscheit unterwinden und daraus die rechten Wahrheit erkennen und vor Augen sehen mögen, damit sie nit allein zu Künsten begierig werden, sonder auch zu einem rechten und größeren Verstand kommen mögen. Unangesehen, daß itzt bei uns und in unseren Zeiten die Künst der Malerei durch etliche sehr veracht und gesagt will werden, die diene zu Abgötterei, dann ein jeglich Christenmensch wirdet durch Gemäl oder Bildnüs als wenig zu einem Afterglauben gezogen als ein frummer Mann zu einem Mord, darum daß er ein Waffen an seiner Seiten trägt; müßt wahrlich ein unverständig Mensch sein, der Gemäl, Holz oder Stein anbeten wöllt. Darum Gemäl mehr Besserung dann Ärgernüs bringt, so das ehrberlich künstlich und wohl gemacht ist. In was Ehren und Wirden aber diese Künst bei den Kriechen und Römern gewest ist, zeigen die alten Bücher gnugsam an. Wiewohl sie nachfolgend gar verloren und ob tausend Jahren verborgen gewest, und erst in zweihundert Jahren24 wieder durch die Walhen an Tag gebracht ist worden. Dann gar leichtiglich verlieren sich die Künst, aber schwerlich und durch lange Zeit werden sie wieder erfunden. Demnach hoff ich, dies mein Fürnehmen und Unterweisung werde kein Verständiger tadelen, dieweil es aus einer guten Meinung und allen Künstbegierigen zugut geschicht, und auch nicht allein den Maleren, sonder Goldschmieden, Bildhaueren, Steinmetzen, Schreineren und allen den, so sich des Maß gebrauchen, dienstlich sein mag; ist niemand gezwungen, sich dieser meiner Lehr zu brauchen, ich weiß aber wohl, wer sich der unterstehn, wirdet nit allein einen gründlichen Anfang daraus fassen, sonder durch den täglichen Brauch zu einem größeren Verstand reichen, weiter suchen und gar viel mehr, dann ich itzt anzeig, erfinden. Dieweil ich aber, günstiger Herr und Freund, weiß, daß Ihr ein Liebhaber aller Künst seid, hab ich Euch dieses Büchlein aus sonderer Zuneigung und freundlichen Willen zugeschrieben, nit darum, daß ich vermeint, ich hätt Euch was Groß oder Fürtrefflichs damit bewiesen. Sonder daß Ihr daraus meinen geneigten und guten Willen verstehn und ermessen möcht, ob ich Euch gleichwohl mit meinem Werken nit sonders erschießlich sein mag, daß dannoch mein Gemüt allzeit bereit wäre, Euch Euer Gunst und Lieb, so Ihr zu mir tragt, mit gleichen Widerlegung zu bezahlen.