1978 Fotografie als Grafik

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Wolfgang Kemp

 

Die Entwicklung der Fotografie und ihre Formbestimmtheit als Grafik

 

 

Quelle: Kemp, Wolfgang: Foto-Essays zur Geschichte und Theorie der Fotografie. München 1978. S. 15 ff.

 

Wolfgang Kemp. geb. 1946, ist Kunstwissenschaftler und Professor an der Gesamthochschule Kassel.

 

 

 

 

 

War bis ins 18. Jahrhundert nur das Hilfsmittel Camera obscura bekannt, so reißt danach die Reihe der Erfindungen bis in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts nicht mehr ab: Physionotrace, Camera lucida, Coordo-nographe, Diagraphe. Agathographe und viele andere Zeichenapparate sollen das Unvermögen der Dilettanten beheben und den professionellen Künstlern zu einem rascheren Ausstoß ihrer Bilder verhelfen. Aber auch hier wird bald evident, daß die Grundbedingungen handwerklich-künstlerischer Praxis nicht beliebig veränderbar sind. Das Arbeiten mit den Apparaten bedeutet wie die Herstellung der Panoramen und Dioramen eine Trennung von Hand- und Kopfarbeit. Dem Panoramamaler geht das Augenmaß verloren, dem Zeichner mit der Camera obscura oder lucida wird es abgenommen. Die Technik, die nur im lebendigen Wechselspiel der beiden Prinzipien Kopf und Hand erworben werden kann, soll jetzt nur auf das Mechanische reduziert sein. Am zu kurzen Weg scheitern die Nicht-Geübten. Der wichtigste Fall ist uns bekannt: Henry Fox Talbot erzählt in seinem Buch „The pencil of nature" (1844), welche Umstände ihn zur Erfindung des fotografischen Verfahrens führten. Er zeichnete 1833 am Lago di Como mit Hilfe der von Wollaston erfundenen Camera lucida, mußte aber feststellen, daß „ihr Gebrauch einige Kenntnisse im Zeichnen voraussetzte, über die ich nicht verfügte".

 

Betrachten wir das Ergebnis dieser Mühen, so begreifen wir den Grund des Scheiterns: Es reicht eben nicht aus, mit Hilfe des Prismas korrekte, aber ausdrucklose Umrisse zu zeichnen, diese Linien selbst wollen betont oder abgeschwächt, je nach psychischer Verarbeitung des Seheindrucks, sie wollen mit den Licht- und Schattenpartien, die sich nicht auf Linien reduzieren lassen, verbunden sein — kurz: Strichführung, Strichbild, das Spektrum graphischen Ausdrucks gibt der Apparat nicht von selbst. Talbot erinnert sich da früherer Arbeiten mit der Camera obscura (die sicher auch nicht besser ausgefallen waren), und es kommt ihm die Idee, „wie schön es doch wäre, wenn man diese natürlichen Bilder sich dauerhaft abzeichnen ließe und bewirken könnte, daß sie für immer auf dem Papier stehen blieben". Wie der Particulier und Dilettant Niepce zu seinen fotografischen Experimenten kam, ist uns ebenfalls recht genau überliefert. Niepce interessierte sich für das technische Verfahren der Lithographie, nicht für ihre künstlerische Seite. Da er selbst nicht zeichnen konnte, bemühte er zu diesem Zweck seinen Sohn Isidor. Als dieser dann 1814 eingezogen wurde, sann Niepce auf Abhilfe. Zunächst versuchte er, seine Zeichenvorlagen, graphische Blätter, mit Hilfe des Lichts direkt auf die Steinfläche zu kopieren. Auf diese Weise erfand er die Heliogravüre. Sein Ziel wurde es jedoch, die Bilder, die ihm die Camera obscura lieferte, zu fixieren.

 

Von dem Dritten, der als Erfinder der Fotografie gelten darf, von Daguerre, wissen wir, daß er zwar sehr gut zeichnen konnte, aber auch sehr viel zeichnen mußte. Als Theaterdekorateur, Panoramamaler und schließlich als Besitzer des Dioramas war er in seiner beruflichen Existenz durch den Bildverschleiß der Metropole Paris betroffen. Daß Daguerre ebenfalls die Camera obscura in Gebrauch hatte, muß nach dem bisher Gesagten als Selbstverständlichkeit erscheinen. Man kann die Zeit vor der Erfindung und vor der Vervollkommnung der Fotografie als die Manufakturphase der bildenden Künste bezeichnen.

 

Quantifizierung der Verfahren und Einsatz von Apparaten kennzeichnen dieses Stadium der Entwicklung ästhetischer Produktivkräfte. Entscheidend bleiben aber auch nach wie vor „Schärfe des Blicks und Virtuosität der Hand" (Marx), also der menschliche Anteil. Wo ihr Zusammenspiel unter dem Zwang zu größeren Produktionsleistungen gesprengt wird, stellt sich die Notwendigkeit einer qualitativen Veränderung ein. Die Fotografie, das Ergebnis des qualitativen Umschwungs, läßt sich ihrer technischen Seite nach am einfachsten als Chemisierung der Zeichenmaschine Camera obscura beschreiben. Damit ist gesagt, daß die neue Qualität, so revolutionär sie wirkt, in wesentlichen Eigenschaften dem System verbunden bleibt, das sie hervorbrachte. Hier ereignet sich die Revolution im Verfahren, nicht in der Erscheinungsweise des neuen Mediums. Aus der Strapazierung der graphischen Produktion hervorgegangen, erzeugt die Fotografie Graphik. Diese Bestimmtheit des neuen Mediums entfaltet sich in zwei Phasen: In der ersten Phase bleibt das Verfahren fast ängstlich an die alten Prozeduren gekettet und wagt den freien, selbständigen Schritt noch nicht; in der zweiten Phase wird es selbst quantitativen Veränderungen unterworfen, seine Formbestimmtheit wird nach Umfang und Tendenz gewissermaßen auf die Probe gestellt, d. h. auch: die Suche nach einer neuen Qualität hebt an. Daß "am Anfang die alte Form des Produktionsmittels seine neue Form beherrscht", ist eine Erscheinung, die wir in der Technikgeschichte als Gesetzmäßigkeit beobachten können. Am schlagendsten zeigte sich dieses Phänomen für Marx, z. B. in „einer vor der Erfindung der jetzigen Lokomotiven versuchte(n) Lokomotive, die in der Tat zwei Füße hatte, welche sie abwechselnd wie ein Pferd aufhob".

 

Man kann auch auf weniger spektakuläre Erscheinungen dieses Gesetzes verweisen: auf die erste Generation von Glühlampen z. B., die als Kerzen gebildet waren. Die Auseinandersetzung mit dem Neuen geht zuerst im Vorstellungsrahmen und in den Gebrauchsmustern des Alten vor sich. Wir erwähnten schon, daß Niepce auf eine chemische Umsetzung des lithographischen Verfahrens sann. Es ist interessant zu sehen, wie er auch zu einem späteren Zeitpunkt, als der Einsatz der Camera obscura dem Ganzen eine etwas andere Richtung gab, in den Kategorien und Mitteln der Graphik weiterdenkt. Er hat wohl über sehr lange Zeit hinweg, vielleicht sogar bis zu seinem Tode, die Vorstellung nicht aufgegeben, daß das chemisch erzeugte Bild nur als Druckstock zur Vervielfältigung von Bildern zu verwenden wäre. Daß er als Aufnahmematerial nicht ernsthaft an Papier gedacht hat, was in der Camera obscura doch nahe gelegen hätte, daß er statt dessen Stein-, Zinn- und Kupferplatten verwendet hat und daß er immer wieder seine Hoffnung auf die überarbeitende Hand des Graphikers gesetzt hat, dies alles deutet auf die Fixierung seiner Erfindertätigkeit hin.

 

Als er 1827 der „Royal Society" einen Bericht über die Ergebnisse seiner Arbeit vorlegen wollte, überschrieb er sie: „Heliographie, Zeichnungen und Gravüre" und definierte sie als „die ersten Ergebnisse meiner langwierigen Untersuchung über die Methode, das Bild von Gegenständen durch Wirkung des Lichts festzuhalten und mit Hilfe der aus der Kunst des Gravierens bekannten Prozesse durch den Druck zu reproduzieren".

 

Die erste positive Reaktion, die Niepce auf sein Verfahren erhielt, stammte von dem Graphiker Lemaitre und lautete: „Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, daß Ihr Versuch (Bilder nach der Natur) von vollem Erfolg gekrönt werden möchte, denn es ist eine Entdeckung ..., die vielleicht ebensoviel Aufsehen hervorrufen kann wie die Lithographie bei ihrem Erscheinen." Niepce kommt ab einem bestimmten Punkt nicht weiter, weil er verzweifelt auf die Vermögen der Vergangenheit hofft und nicht auf die der Zukunft. „Die Widerstände, die ich zu überwinden hatte, haben ihren Grund weniger in dem Wesen des Verfahrens als in der Unzulänglichkeit meines Könnens in einer Kunst, mit deren praktischer Ausführung ich weniger vertraut bin." Symptomatisch für die Befangenheit seines Handelns ist sein Vorschlag, in einem Dreierbund, bestehend aus Lemaitre,

 

Daguerre und ihm selbst, das Verfahren voranzutreiben: Der dilettierende Naturwissenschaftler, der für die Reproduktion zuständige Graphiker und der fähige Zeichner wären somit vereint. Daguerre ist gegen die Hinzuziehung eines Graphikers, ist generell gegen „die Anwendung ihres Verfahrens nach Art der Gravüre". „Außerdem bin ich der Meinung, daß der Grabstichel überhaupt nicht notwendig werden dürfte als im äußersten Falle, wenn es anders nicht möglich sein sollte, zu einem Erfolg zu kommen. Wenn aber die Kunst eines Graveurs nicht sollte entbehrt werden können, dann würde die Erfindung jedes Interesse verlieren. Die Natur hat ihre Einfachheit und Wahrheit, die man sich wohl hüten muß zu zerstören." Der letzte Satz macht deutlich, worauf Daguerre bedingungslos setzt und was er schließlich auch erreicht hat: die selbsttätige, spontane Abbildung der Natur.

 

Der Fall Niepce versinnbildlicht das Dialektische der Formbestimmtheit eines Mediums. Niepce hatte ja vollkommen recht: Die historische Aufgabe, die sich ihm stellte, konnte in Anbetracht seines Mittels (Camera obscura) nur Ausführung des Grundprinzips der Graphik sein, welches Vielzahl der Bilder, Vervielfältigung, heißt. Dieses Ergebnis war aber nicht zu erreichen, indem man die üblichen Prozeduren dem Buchstaben, sondern nur dem Sinn nach befolgte. Niepce war gehemmt, indem er der Tendenz des Mediums sozusagen ängstlich entgegenblickte. Daguerre kam weiter, indem er ihr den Rücken zuwandte und sich von ihr treiben ließ. Was er schließlich vorzeigen konnte, 1839, als die ersten Daguerreotypien vorgestellt wurden, war — rein äußerlich betrachtet — von Trägern graphischen Vervielfältigens nicht sehr unterschieden: Es waren Metallplatten, die ein negatives und ein positives Bild trugen, Unikate wie die Druckplatte und auch potentielle Druckstöcke. Schon im Oktober 1839 zeigte Alfred Donné der „Académie des Sciences" Abzüge von geätzten Daguerreotypien; zwischen 1840 und 1842 veröffentlichten der Wiener Josef Ber-res, der Engländer Robert Hunt und der Franzose Hippolyte Fizeau weitere Druckverfahren auf dieser Grundlage. Daguerre versuchte diese Entwicklung geradezu zu verhindern. Er schrieb an Arago: „Gerade einen Monat ist mein Verfahren bekannt und schon stellt man von allen Seiten den Anspruch, seine Grenzen hinauszuschieben und Mittel zu finden, durch Gravierung oder andere Mittel die Ergebnisse zu vervielfältigen. Das veranlaßt mich heute, mich an Sie zu wenden, um gegen diese angebliche Neuerung zu protestieren." „Heute, wo der Prozeß eine größere Vollkommenheit erreicht hat und in der Lage ist, detailreich abzubilden, wie die Lupe beweist, bin ich mehr als je von der Unmöglichkeit überzeugt, eine Platte zu gravieren, die auch nur in etwa die Vollkommenheit dieser Technik erreicht." Daß ihm die Zukunft recht gab, was die Verwandlung von Daguerreotypien in Druckplatten anbelangt, heißt nicht, daß er generell recht hatte. Der Bestimmung der Fotografie widersprach es, Unikate zu produzieren.

 

Talbot war es, der in zwei Richtungen den Durchbruch erzielte: Er, der auf das Papier und nicht auf die Metallplatte gesetzt hatte — in ihrem Gebrauch blieb Daguerre der Erbe Niepees —, erreichte durch das Negativ-Positiv-Verfahren die einfache Vervielfältigung der Fotografie mittels Direktabzug. Und er entwickelte die ersten leistungsfähigen fotomechanischen Druckverfahren aufgrund neuer chemischer Substanzen und mit Hilfe eines Kontakt-Rasters.

 

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Camera obscura: (ital. = dunkler Raum) einfache Lochkamera. Die durch eine kleine Öffnung eintretenden Lichtstrahlen erzeugen auf der Rückwand der Camera obscura ein umgekehrtes Bild. Seit etwa 1558 war der Einbau von Linsen bekannt und bewirkte eine Schärfung des Bildes (s. Abb. S. 10); Physionotrace: s. S. 7;

 

Camera lucida: die Camera lucida besteht aus drei ineinander verschiebbaren Messingröhren, einer Tischbefestigung, einem 45°-Prisma, einer Justiervorrichtung und einem Brillenglas. Die Camera lucida ist im eigentlichen Sinne keine Kamera, sondern entspricht weitgehend den um 1800 bekannten „Zeichenmaschinen"; Coordonographe, Diagraphe, Agathographe: Hilfsgeräte für den Zeichner; sie dienten seit dem 16. Jahrhundert besonders zur genaueren Wiedergabe der Perspektive;

 

Panorama: (griech.) um 1787 von dem Porträtmaler Robert Barker entwickelte Rund- oder Halbrundbilder. Das erste 1794 in London fertiggestellte Panorama bestand aus einem Rundbau mit etwa 30 Meter Durchmesser und stellte die russische Flotte vor Spithead dar. Die illusionistische Wirkung wurde durch den Bau der Rotunde und eine mit Hilfe der Camera obscura mechanisierte Bildproduktion erzielt;

 

Diorama: (griech.) ein von dem Maler Daguerre 1822 entwickeltes, auf durchscheinendes Material gemaltes und meist sehr großformatiges Bild. Bei der ständig wechselnden künstlichen Beleuchtung veränderte sich auch das jeweilige Bild. So konnte aus einer Landschaft bei Tageslicht eine Abendlandschaft mit neuer Staffage vorgetäuscht werden. Im Unterschied zum Panorama war das Diorama mit dem Ziel konzipiert, dem Betrachter durch Standortwechsel (Drehen der Tribüne) und Lichtveränderungen den Eindruck von Bewegung zu vermitteln;

 

Talbot, William Henry Fox (1800-1877), Naturwissenschaftler, Fotograf und Philologe. Nach Anregungen von F. W. Herschel (1792— 1871) erfand er ein Negativ-Positiv-Verfahren, das er unter der Bezeichnung Kallotypie patentieren ließ. Im Unterschied zur Daguerreotypie wurde die Kallotypie auf lichtempfindlichem Papier im Negativ Positiv-Verfahren erzeugt. Die Aufnahmen von Talbot beschränken sich vorwiegend auf Landschafts- und Architekturdarstellungen. 1843 erscheint das erste Buch mit Fotos von Talbot: „The Pencil of Nature";

 

particulier: (frz.) hier: Einzelgänger;

 

Niepce, Joseph Nicéphore (1765— 1833), „Erfinder der Fotografie; seit 1816 unternahm Niepce Versuche. Bilder, die in der Camera obscura entstanden, über sensibilisierte Papiere auf einen Druckträger zu übertragen. Er experimentierte mit lichtempfindlichem Asphalt, um die Bilder auf Stein, Metall und Glas zu übertragen. 1822 gelang die erste Fotokopie eines Kupferstichs auf einer mit Asphalt beschichteten Glasplatte. 1826 fotografierte er vom Fenster seines Arbeitszimmers aus mit der Belichtungszeit von acht Stunden auf eine mit Asphalt beschichtete Zinkplatte (von Helmut Gernsheim entdeckt und heute im Besitz der Texas University/USA). Er benützte dabei die erste Kamera, die er sich von dem Pariser Optiker Charles Chevalier eigens anfertigen ließ" (Hugo Schüttle: Lexikon der Fotografie. Köln 1978);

 

Lithografie: (griech.) manuelles Flachdruckverfahren, 1897/98 von A. Senefelder in München erfunden. Als Druckstock dienen vorwiegend lithografische Steine aus etwa 10-15 cm dickem, kohlensaurem Kalkschiefer. Die Feinporigkeit der Steine ermöglicht die Aufnahme von Fett und Wasser. Auf den mit Sand, Bimsstein und Wasser geglätteten und mit Alaun entsäuerten Stein wird die Zeichnung mit Fettfarbe aufgetragen;

 

Heliogravüre: seit 1900 bekanntes Edeldruckverfahren. Von einem Diapositiv wird ein Bild auf eine Chromat-Gelatineschicht kopiert und anschließend auf eine mit Asphaltkorn beschichtete Kupferplatte übertragen und geätzt. Diese Reproduktionstechnik gestattete große Auflagen in hervorragender Qualität

 

Daguerre, Louis Jacques Mandé (1787 — 1851), Maler, Bühnenbildner und Fotograf. Nach Kontakten mit N.Niepce (1826) entwickelte Daguerre das erste fotografische Verfahren im Jahre 1835;

 

Marx, Karl (1818— 1883), deutscher Theoretiker des Sozialismus und Begründer des Marxismus;

 

Lemaître, Jules (1853—1914), französischer Schriftsteller;

 

Donné, Alfred (1801 — 1878), französischer Hämatologe;

 

Arago, D. F. Jean (1786— 1853) französischer Physiker; engagierter Befürworter des fotografischen Verfahrens von Daguerre vor der Chambre des Députés und der Académie des Sciences im Jahre 1839.

 

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Literatur:

 

Klingender, Francis: Kunst und industrielle Revolution. Dresden 1974.
Baier, Wolfgang: Quellendarstellungen zur Geschichte der Fotografie. München 1977.
Buddemeier, Heinz: Panorama, Diorama, Fotografie. München 1970.