1929 Traktat über Porträtmalerei

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Ludwig Meidner:

 

Eigenlob stinkt nicht oder Lustiger Traktat über Porträtmalerei

 

1929

 

Dieser Text von Ludwig Meidner, in dem sich Ironie und Fatalismus auf eine für die Zeit um 1930 charakteristische Weise vermischen, ist um einige eher beiläufige Passagen gekürzt worden.

 

 

 

Wenn nach mehr als zehn Jahren, währenddem ich nichts von mir hören ließ, meine unbescheidene Person wieder einmal ausführlicher, sozusagen programmatisch, auf diesen Seiten zu Worte kommen darf, so verdanken wir dies der edlen Weitherzigkeit und Toleranz des geschätzten Herrn Herausgebers dieser Zeitschrift, denn ein ausrangierter oder abgebauter Expressionist hat eigentlich gar kein Recht mehr, das Maul aufzutun, auf alle Fälle, es nicht so voll zu nehmen wie ehedem, als er hier seine Manifeste herausschmetterte, dass es nur so rauchte. Es sind seitdem Kaiser und Könige, ja, sogar Parlamente abgesetzt worden, warum sollten die Expressionisten verschont bleiben, sie, die ‚ungelernten’ Maler, die vermutlich keineswegs tüchtiger waren als die Kaiser und Könige in ihrem Fach, und wenn Wilhelm II. dereinst gewiss nicht unter die genialen Monarchen gezählt werden dürfte, so muss ich selber mich zur Masse derer rechnen, nach welchen kein Hahn mehr kräht, schon zu ihren Lebzeiten, und dies ganz zu unrecht, denn ich bin immerhin ein bedeutender Mensch innerhalb meiner Familie, ein korrekter Ehemann und ein tüchtiger Maler, ebenfalls innerhalb meiner Familie, da auch meine Ehefrau ungestüm dem Malerhandwerk frönt. Was heute aber uns Spaß machen soll, das ist, dass wir ein bisschen über Bildnismalerei abhandeln wollen, indem ich meine Meinungen darüber aussprechen will, soweit das möglich ist, heutzutage, wo kaum einer noch eine feste und klare Meinung hat über irgend ein Ding, ja, wo es sogar ein bisschen riskant scheint, will man nicht in den Ruf kommen, eines Vierschrötigen und Primitiven, seine Ansichten ohne Umschweife herauszusagen und deshalb ein Drumherumgerede eigentlich das Gescheiteste ist, was es gibt. Gemäß der abgedroschenen, aber grundrichtigen Maxime, dass Kunst Naturnachahmung ist, müsste es auch im Porträtfach oberster Grundsatz sein, naturgetreu und ähnlich abzumalen; doch in diesem Falle täuscht unsre Logik, denn die Welt hat andere Grundsätze aufgestellt, oder besser, die Praxis hat erwiesen, ein Porträt habe nicht ähnlich zu sein, sondern hübsch, fesch, nett, adrett und geleckt, jedenfalls geschmeichelt, soweit wie möglich, aber nimmermehr naturgetreu. Die Porträtmalerei ist nicht der Bereich, in dem subjektive Künstlerlaune sich ausleben darf, darum es nicht Wunder nehmen sollte, wenn die breite Bürgerwelt sich seit Lenbachs Tode der ernsten Bildniskunst gegenüber so skeptisch verhält; denn der Impressionismus brachte eine psychologische und realistische Darstellung, der Expressionismus luxurierte in Karikaturen und Ekstasen, und das, was Neue Sachlichkeit heißt, bietet sich entweder in entsetzlich herber Schwermut oder in puppenhafter Süßigkeit dar - jedenfalls in lauter Übertreibungen, mit denen der Bürger nichts anzufangen weiß, und wenn sich dennoch zuweilen solch einer von den anerkannten Meistern jener Richtungen abmalen ließ, so geschah das wohl fast immer aus Missverständnis, Snoberei, Größenwahn oder totaler Verrücktheit. Jedenfalls glaube man nicht, er habe je in seinem Herzen Sympathie für Liebermann, Kokoschka oder Dix gehabt, und wenn wir gerecht sein wollen, so dürfen wir das nicht gar so sehr verübeln ... Und darauf kommt's an: dass wir schön und menschenwürdig aufgefaßt werden - nicht wie Kälber oder Dämonen - sondern wie feine Leute, in gutsitzenden Anzügen, und die Anzüge müssen auch wirklich gut sitzen, nicht so um den Leib herumschlottern, wie auf den Bildern der ernsten Maler oder gar wie Trümmer oder Nebelschwaden, die auf den ekstatischen Emanationen herumfliegen, welche meine eigenen, tiefernsten Hände schufen. Wie die Heuochsen malten wir dazumal, welche die Farben fraßen und soffen und nicht genau hinschauten, ob die Gusche richtig mitten ins Gesicht gepflanzt ward oder mehr ans rechte Ohr rutschte — ein miserabeliges Gezeichne war das; das Resultat nannte man dann ‚Ekstase’. Indessen bei den Heutigen, Nazarenern und Neuklassizisten, da sitzt alles richtig, zu richtig, ein bisschen sehr pedantisch, ein bisschen arg phlegmatisch, aber fleißig gemacht, brav lasiert, die Kleider sind den Leuten wie angegossen, und alles zusammen sieht aus wie aus getöntem Gips ...

 

Jetzt riecht es an vielen Ecken und Enden nach Gift, Gewalt und bösem Lauern. Die allgemeine Schlappheit und Charakterlosigkeit, das wirtschaftliche Elend, im Bunde mit der sexuellen Anarchie, deutlicher ausgedrückt, Verbuhltheit unserer Tage, machte es einigen Teufelskerlen leicht, das humane Regiment des Liberalismus über den Haufen zu rennen und nach allen Richtungen hin Schrecken zu verbreiten. Mag auch manches Positive und Erneuernde stecken im Willen jener Gewalthaber, namentlich im Hinblick auf die auflösenden Tendenzen der Zeit, so wird jeder geistige Mensch immer sich auflehnen müssen gegen die Knechtung der Gewissen und der freien Meinungsäußerung. Mit etwas Humor jedoch und feiner Ausbildung der Speichelleckerei lässt sich auch Faschistenherrschaft ganz gut ertragen, man muss nur dem Diktator aalglatt in den Hintern kriechen können, wie das unsre italienischen Kollegen heutigentags so gut verstehen. Sie porträtieren den Duce in Marmor, als Cäsar oder als Zeus oder gar, stehend, als Weltenherrscher, den Fuß auf niederes Gewürm gesetzt, Pygmäen, welche die Völker der Erde versinnbildlichen sollen, die ihr Halbgott unterjocht hat oder - später noch unterjochen wird. Und so was finde ich ganz richtig - ich meine nicht das Unterjochen des Diktators, sondern das Weltanschauliche daran. Und ebenso richtig ist das Unterwürfige und Kriecherische, das allerdings gelernt sein will; doch auch im Verkehr mit dem Bürgertum ist es unerlässlich, und ich frage hier, wer von euch entschlossen ist, nun unbedingt sein ganzes Leben mit Charakter, Geradlinigkeit, Mannesstolz und Gesinnungstreue zu verbringen! Man muss porträtieren, wie die Leute es wünschen - doch das ist leicht gesagt und solcher Maler, die so behend sind und allen Wünschen nachgeben, gibt es nicht gar viele ...

 

Am Ende aber komme ich nochmals auf die Malerei zurück und werfe mich auf den Arno-Nadel-Stil. Da echte Meidners nicht gehen und kein Mensch einen falschen Meidner, geschweige denn einen echten sich aufreden ließe, werde ich Gemälde von Arno Nadel fälschen, eine geheime Werkstatt solcher Fälschungen auftun, was natürlich auch seine Schattenseiten hat, denn es ist nicht so einfach, die Vehemenz dieses Pastellhexenmeisters und seine todsichere Zeichnung herauszukriegen. Für einen geschickten und bankrottierten Maler ist das Fälschen alter und neuer Gemälde immer noch das reellste Geschäft. Und ich möchte wetten, dass morgen heimlicherweise manch einer von uns zum Fälscherberuf abschwenken wird, denn die Nachfrage nach alten Klamotten dürfte dann nicht schwächer geworden sein. Der Porträtmalerei indessen scheint keine große Zukunft mehr zu blühen, denn der Photograph liefert heute billiger, bequemer und schneller, sprechend ähnliche, auf elegant retuschierte Abbilder. Wer wird sich auch künftig noch malen lassen, außer Pixavon-Königinnen und Elida-Prinzessinnen, wo die Leute heutigentags sich selber kaum ausstehen können und stets angeekelt sind, wenn sie im Spiegel ihr eigenes, trauriges Ponim erblicken. Die Zahl der Selbsthasser wächst in die Puppen und die Menge derer, die sich aus Kunst nichts macht, wird morgen noch gewaltiger sein ...

 

aus: Das Kunstblatt XIII, 1929