1927 Die beispiellose Fotografie

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Laszlo Moholy-Nagy

 

Die beispiellose Fotografie

 

 

Quelle: Moholy-Nagy, Laszlo: Die beispiellose Fotografie. In: Das Deutsche Lichtbild. Verlag Robert und Bruno Schultz. Berlin 1927, S. 10 ff.

 

László Moholy-Nagy (1895— 1946), Maler. Fotograf und Publizist. 1923— 1928 Meister am Bauhaus in Dessau.

 

 

 

Alle Versuche und Erläuterungen über Wege und Ziele der Fotografie wurden bisher auf ein falsches Geleise geschoben. Immer wurde als wesentlichste Frage aus der Fülle der Überlegungsmöglichkeiten das Verhältnis der Fotografie zur Kunst herausgehoben. Die Tatsache Fotografie erfahrt aber keine Wertung, indem sie entweder als Notierverfahren der Realität oder als Mittel wissenschaftlicher Forschung oder als Fixierung entschwindender Begebnisse oder als Basis von Reproduktionsverfahren oder als „Kunst" klassifiziert wird.

 

Das fotografische Verfahren ist beispiellos gegenüber den bisher bekannten optischen Ausdrucksmitteln. Es ist auch beispiellos in seinen Ergebnissen: da, wo es sich auf die eigenen Möglichkeiten stützt. Schon allein die unendlich feinen Abstufungen der Hell-Dunkel-Variationen, die das Licht in fast immateriell wirkender Strahlung zur Gestalt bringen, würden genügen, eine neue Art des Sehens, der optischen Wirksamkeit aufzurichten.

 

Aber in der fotografischen Materie liegt unendlich viel mehr. Bei der heutigen fotografischen Arbeit kommt es zunächst nur darauf an, aus der Eigengesetzlichkeit der Mittel ein entsprechendes Verfahren herauszufinden:

 

erst dann, wenn eine einigermaßen exakte Sprache des Fotografischen entwickelt ist, wird der wirklich Begabte sie zu „Kunst" steigern können. Die erste Bedingung dazu ist: keine Anlehnung an traditionelle Darstellungsweisen! Die Fotografie hat das nicht nötig. Keine frühere oder heutige Malerei vermag der einzigartigen Wirkungsmöglichkeit der Fotografie standzuhalten. Wozu die „malerischen" Vergleiche? Warum Rembrandt- oder Picasso-Nachahmungen? Man kann ohne utopische Schwärmerei sagen, daß in der allernächsten Zeit eine große Umwertung der fotografischen Zielsetzungen durchgeführt wird. Die Untersuchung ist schon, wenn auch oft auf getrennten Wegen, im Gange:

 

Bewußte Verwertung der Hell-Dunkel-Verhältnisse. Aktivität der Helligkeit, Passivität des Dunkels. Verhältnisumkehrungen positiver und negativer Werte. Einschaltung größter Kontraste. Verwertung der Textur von Stoffen, der Struktur (Faktur) verschiedener Materien. Unbekannte Formen der Darstellung. Die noch zu untersuchenden Gebiete lassen sich auf Grund der aufzählbaren neuen Elemente des fotografischen Verfahrens feststellen:

 

1. Ungewohnte Sichten durch Schrägstellung. Aufwärts- und Abwärtsfotografieren.

 

2. Versuche mit verschiedenen Linsensystemen; gegenüber unsern Augenerlebnissen ein Verhältnisveränderndes, unter Umständen bis ins „Unkenntliche" verzerrendes Verfahren. (Konkav- und Konvexspiegel, Lachkabinett-Aufnahmen usw. waren die ersten Vorstufen dazu.) Damit entsteht das Paradoxon: die mechanische Fantasie.

 

3. Umklammerung des Objekts (Weiterführung der Stereoaufnahmen auf einer Platte).

 

4. Neue Arten der Kamera-Konstruktion. Vermeidung der perspektivischen Verkleinerung.

 

5. Übernahme der Röntgen-Erfahrungen in die Fotografie in bezug auf Perspektivelosigkeit und Durchdringung.

 

6. Kameralose Aufnahmen durch Belichtung der fotografischen Schicht.

 

7. Wahre Farbenempfindlichkeit.

 

Erst das alle Beziehungsmöglichkeiten vereinende Werk, die Synthese dieser Elemente, wird als die richtige Fotografie erkannt werden.

 

Die Entwicklungstendenz der Fotografie bekommt starke Impulse durch die heute schon an vielen Stellen sehr gepflegte Lichtkultur.

 

Dieses Jahrhundert gehört dem Licht. Die Fotografie ist die erste Form der Lichtgestaltung, wenn auch in transponierter und — vielleicht gerade dadurch — fast abstrahierter Gestalt.

 

Der Film geht darin noch weiter — wie man überhaupt sagen kann, daß die Fotografie ihren Höhepunkt im Film erreicht. Die Erschließung einer neuen Dimension des Optischen erreicht der Film in potenzierter Weise. Aber die in der statischen Fotografie geleisteten Vorarbeiten sind für einen entwickelten filmischen Zustand unentbehrlich. Eine merkwürdige Wechselwirkung: der Meister geht in die Schule seines Lehrlings. Ein reziprokes Laboratorium: die Fotografie als Untersuchungsgebiet für den Film; und der Film als Förderer und Anreger der Fotografie.

 

Die Problematik des Films gibt Lehren, die als Richtlinien des fotografischen Verfahrens dienen und die fotografischen Ergebnisse selbst bereichern können: wechselnde Lichtintensitäten und Lichttempi. Bewegungsvariationen des Raumes durch Licht, Erlöschen und Aufblitzen des ganzen Bewegungsorganismus, Auslösen latenter Funktionsgeladenheit in uns, in unserem Gehirn, Hell-Dunkel, Lichtgreifbarkeit, Lichtbewegung, Lichtferne und Lichtnähe. Durchdringende und aufbauende Strahlung. — Stärkste optische Erlebnisse, die dem Menschen zuteil werden können.

 

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Rembrandt, eigentlich Rembrandt Harmensz van Rijn (1606— 1669), bedeutender niederländischer Maler und Grafiker der Barockmalerei. Schwerpunkte seines Schaffens sind die Porträtmalerei und die biblische Historie. Das für die Rembrandt-Porträts charakteristische Hell-Dunkel war bis in die Frühzeit der Porträtfotografie richtungsweisend.

 

Röntgenphotographie: Röntgenstrahlen gehören in den Bereich extrem kurzwelliger elektromagnetischer Strahlung. Ihre Wirkung auf fotografische Emulsionen wurde 1895 von W. C. Röntgen entdeckt. Die Röntgenfotografie kommt in Medizin und Technik zur Anwendung. Die Röntgenbilder entstehen ohne Kamera nach dem Prinzip eines Fotogramms (s. Abb. S. 75). Da Röntgenstrahlen auf gewöhnlichen Filmen keinen Belichtungseindruck entstehen lassen, wurden spezielle Röntgenfilme mit besonders dicken beschichteten Emulsionen entwickelt.

 

stereoskopische Bilder, Stereoaufnahmen: Doppelbilder, die im Stereoskop betrachtet, einen räumlichen Eindruck erwecken. Das Stereoskop (im Jahre 1838 von Charles Wheatstone und David Brewster entdeckt) bildete die Voraussetzung für die Entwicklung einer Kamera mit zwei Objektiven (1856), die im mittleren Augenabstand von 70 mm zueinander versetzt waren. Betrachtet man die damit erzielten Aufnahmen im Stereoskop, so entstand ein einheitlicher plastisch wirkender Bildeindruck. Die Stereofotografie fand gegen Ende des 19. Jahrhunderts sehr große Verbreitung.

 

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Literatur:

 

Moholy-Nagy, László: Malerei, Fotografie. Film. München 1925. Nachdruck: Mainz 1967.
Rotzler, Willi: Fotografie als künstlerisches Experiment. Frankfurt/M. 1974.
Franke, Herbert: Apparative Kunst. Köln 1973.