1925 Kunst als Waffe

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George Grosz

 

Kunst als Waffe

 

 

Quelle: Grosz, George: Statt einer Biographie. Aus: Kunst in Gefahr. Berlin 1925. Zitiert nach: Schmied, Wieland: Neue Sachlichkeit und magischer Realismus in Deutschland 1918-1933. Hannover 1969.

 

George Grosz, 1893-1960 deutscher Zeichner und Maler, begann als Karikaturist für satirische Zeitschriften, Mitbegründer der Berliner Dada-Gruppe, gehört um 1925 zu den profiliertesten Vertretern der Neuen Sachlichkeit, wird wegen seiner politisch engagierten Kunst mehrfach zu hohen Geldstrafen verurteilt, emigriert 1933 nach Amerika, 1959 Rückkehr nach Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die heutige Kunst ist abhängig von der bürgerlichen Klasse und wird mit ihr sterben; - der Maler, vielleicht ohne daß er will, ist eine Banknotenfabrik und Aktienmaschine, deren sich der reiche Ausbeuter und ästhetische Fatzke bedient, um sein Geld mehr oder weniger lukrativ anzulegen, um vor sich und der Gesellschaft als Förderer der Kultur, die auch danach ist, dazustehen. Vielen ist die Kunst auch eine Art Flucht aus dieser „pöbelhaften" Welt auf einen besseren Stern, in das Mondland ihrer Phantasie, in ein reineres, partei- und bürgerkriegsloses Paradies. Der Individualitäts- und Persönlichkeitskult, der mit den Malern und Dichtern getrieben wird und den sie selbst, je nach Veranlagung, noch scharlatanhaft steigern, ist eine Kunstmarktangelegenheit. Je „genie"hafter die Persönlichkeit, um so größer der Profit.

 

Wie kommt der Künstler heute in der Bourgeoisie hoch? --- durch Schwindel ---. Meistens als proletarische Existenz anfangend, im dreckigen Atelier hausend, mit unbewußter, bewunderungswürdiger Anpassungsfähigkeit nach „oben" strebend, findet er bald einen Bonzen von Einfluß, der ihn „macht", das heißt: seinen Weg auf dem Kapitalmarkt ebnet. Gelegentlich kreuzt diesen Weg ein Mäzen, der ihm hundert Mark monatlich gibt, dafür seine ganze Produktion stiehlt; oder er verfällt dem Kunsthändler - der bläst dem bürgerlichen Sammler Kauflust ein für alles. Immer feste natürlich mit der Hilfe der Modeworte, die gerade die Konjunktur erfordert; dazu werden alle alten Requisiten des Heiligen- und Gottschwindels, viel Kosmik und Metaphysik herbeigeholt, wird mit dicken Backen in die Ewigkeitsposaune geblasen. Hinter den Kulissen zynischer Betrieb Eingeweihten gegenüber („Wo du nicht bist, Herr Organist, da schweigen alle Flöten!"), nach außen priesterhafte Kulturfördergeste. Der bekannte Star-Kult. So verlangt es das System — und das Geschäft blüht.

 

Die Künstler selbst, aufgeblasen oder zerwühlt, ihre begnadete Stellung herleitend vom Nicht-fertigwerden mit der Welt, mit dem Leben, sind meistens verdummt und im Schlepptau des großen reaktionären Schwindels der gesamten Kunstkritik, die vollkommen subjektivistisch und unkontrollierbar in die Bilder hineingeheimnist, was sich nur hineingeheimnissen läßt. Sie glauben „Schöpfer" zu sein und zum mindesten turmhoch über dem Durchschnittsbanausen zu stehen, dem es etwa einfällt, über den „tiefen Inhalt" eines der Bilder von Picasso oder Derain zu lachen. Aber ihre „Schöpfungen" entsprechen ganz der Struktur des sogenannten Kulturgeistes: Sie sind gedankenlos, tatsachenfeindlich und kampffremd. Geht in die Ausstellungen und seht die Inhalte, die von den Wänden strahlen! Diese Zeit ist ja auch so idyllisch, so geigenhaft, so geschaffen für gotischen Heiligenkult, für Negerdorfschöne, für rote Kreise, blaue Quadrate oder kosmische Eingebungen: „die Wirklichkeit, ach, sie ist häßlich, ihr Getöse stört den zarten Organismus unserer harmonischen Seelen".

 

Oder seht sie euch an, die da an der Zeit leiden -wie sich alles in ihnen verkrampft und wie sie bedrängt werden von ihren gewaltigen Visionen. Solchen Marasmus brauchen wir, immer feste Gotik und den alten Greco; und Ägypten nicht vergessen! Seht den großen Grunewald, oder Cézanne, der auf seine Orden so stolz war, oder Henri Rousseau, den lieben, alten, dummen douanier, berauscht euch an der heiligen Einfalt - heute ist es ja so öde, so kalt, so leer. Und die heutige Revolution so nüchtern, so klanglos, so ohne Schwung (nur Lohnkampf - nicht wahr -gar keine Heiligkeit!). Die Menschen haben nämlich ganz vergessen, daß sie von Gott abstammen. Es ist ein Irrtum zu glauben, wenn einer Kreisel malt, Kuben oder tiefseelisches Gewirre - er sei dann, vielleicht im Gegensatz zu Makart, revolutionär. Seht euch Makart an; er ist ein Maler der Bourgeoisie, er malt ihre Sehnsüchte, ihre Inhalte und ihre Historie, und ihr? - was seid ihr anderes als klägliche Trabanten der Bourgeoisie. Eure snobistischen Ideen, eure eigenartigen Gedanken, von wem bezieht ihr sie? -- Arbeitet ihr etwa für das Proletariat, das der Träger der kommenden Kultur sein wird? Bemüht ihr euch, die Ideenwelt der Proletarier zu erleben und zu erfassen und den Ausbeutern und den Niederhaltern entgegenzustellen? was euch doch immerhin möglich sein müßte! Fragt ihr euch, ob es nicht endlich an der Zeit ist, mit euren perlmutternen Dekorationen aufzuhören? Ihr gebt vor, zeitlos zu sein und über den Parteien zu stehen, ihr Hüter des „elfenbeinernen Turmes" in euch, ihr gebt vor, für den Menschen zu schaffen - wo ist der Mensch?!! Was ist eure schöpferische Indifferenz und euer abstraktes Gefasel von der Zeitlosigkeit anderes als eine lächerliche, nutzlose Spekulation auf die Ewigkeit? Eure Pinsel und Federn, die Waffen sein sollten, sind leere Strohhalme.

 

Geht aus euren Stuben heraus, wenn es euch auch schwer wird, hebt eure individuelle Absperrung auf, laßt euch von den Ideen der arbeitenden Menschen erfassen und helft ihnen im Kampf gegen die verrottete Gesellschaft. Der Mensch ist nicht gut - sondern ein Vieh! Die Menschen haben ein niederträchtiges System geschaffen - ein Oben und ein Unten. Einige verdienen Millionen, während Abertausende knapp das Existenzminimum haben. In Südamerika heizte man Lokomotiven mit Korn, in Rußland starben damals viele vor Hunger. Da wird von Kultur geredet und über Kunst debattiert - oder ist vielleicht der gedeckte Tisch, die schöne Limousine, die Bühne und der bemalte Salon, die Bibliothek oder die Bildergalerie, die sich der reiche Schraubengroßhändler auf Kosten seiner Sklaven leistet -ist das vielleicht keine Kultur? Was hat das aber mit Kunst zu tun? Eben das, daß viele Maler und Schriftsteller, mit einem Wort fast alle die sogenannten „Geistigen", diese Ordnung immer noch dulden, ohne sich klar dagegen zu entscheiden. Hier, wo es gilt auszumisten, stehen sie immer noch zynisch beiseite - heute, wo es gilt, gegen alle diese schäbigen Eigenschaften, diese Kulturheuchelei und all diese verfluchte Lieblosigkeit vorzugehen.

 

Es herrscht der Glaube an die alleinseligmachende Privatinitiative. Mitzuhelfen, diesen Glauben zu erschüttern und den Unterdrückten die wahren Gesichter ihrer Herren zu zeigen - ist der Sinn meiner Arbeit.

 

Es ist Pflicht des revolutionären Künstlers, verdoppelte Propaganda zu treiben, um das Weltbild von den übernatürlichen Kräften, von Gott und den Engeln zu reinigen, um dem Menschen den Blick zu schärfen für sein reales Verhältnis zur Umwelt. Die längst verbrauchten Symbole und mystischen Verzückungen des dümmsten Heiligenschwindels, von dem die heutige Malerei voll ist, was sollen sie uns noch? Das Leben ist stärker in seinen Anforderungen, als daß dieser gemalte Unsinn noch standhalten könnte. Was ihr tun sollt, welchen Inhalt ihr euren Gemälden geben sollt?

 

Geht in ein Proletariermeeting und seht und hört, wie dort die Leute, Menschen wie ihr, über eine winzige Verbesserung ihres Lebens diskutieren. — Begreift, diese Masse ist es, die an der Organisation der Welt arbeitet! Nicht ihr! Aber ihr könnt mitbauen an dieser Organisation. Ihr könnt helfen, wenn ihr nur wollt! Indem ihr euch bemüht, euren künstlerischen Arbeiten einen Inhalt zu geben, der getragen ist von den revolutionären Idealen der arbeitenden Menschen. Ich strebe an, jedem Menschen verständlich zu sein, verzichte auf die heute verlangte Tiefe, in die man doch nie steigen kann ohne einen wahren Taucheranzug, vollgestopft mit kabbalistischem Schwindel und intellektueller Metaphysik. Der expressionistische Anarchismus muß aufhören. Heute gefallen sich die Maler notgedrungen in ihm - da sie unaufgeklärt sind, nicht mit den arbeitenden Menschen im Zusammenhang stehen. Es wird eine Zeit kommen, in der der Künstler nicht mehr jener bohemehafte, schwammige Anarchist ist - sondern ein heller, gesunder Arbeiter in der kollektivistischen Gesellschaft. Solange dieses Ziel von der arbeitenden Masse noch nicht verwirklicht ist, wird der Geistige ungläubig, zynisch hin und her schwanken. Erst nach dem Sieg der Arbeiterklasse wird die Kunst aus dem dünnen Bett strömen, in dem sie heute blutarm durch das Leben der oberen „Zehntausend" fließt, und wieder als voller Strom sich der ganzen arbeitenden Menschheit mitteilen. Erst dann hat das Monopol des Kapitals auf geistige Dinge ein Ende gefunden. -Dies schreibe ich an Stelle der so beliebten, immer und immer wieder gewünschten biographischen Notizen. Es war mir wesentlicher, Erkenntnisfakten und allgemein gültige Forderungen auf Grund der Erfahrungen meines Lebens auszusprechen, als all die dummen, äußerlichen Zufälligkeiten meines Lebens aufzuzählen, wie da sind: Geburtstag, Familientradition, Schulbesuch, erste Hose, Künstlers Erdenwallen von der Wiege bis zum Grabe, Schaffensdrang und -rausch, erster Erfolg usw. usw.

 

Das Getue um das eigene Ich ist vollkommen belanglos.

 

1925

 

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Literatur:

 

Bittner, H.: George Grosz. Köln 1961.
Schneede, Uwe: George Grosz. Köln o. J.
Dückers, Alexander: George Grosz. Das druckgraphische Werk. Frankfurt / Berlin / Wien 1979.