1924 Fels, Florent

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FLORENT FELS

 

In George Grosz findet Deutschland seinen Daumier

 

Quelle: Florent Fels, in: >Les Nouvelles Littéraires-, 11. April 1924

 

 

Sein Werk ist grausam, unerfreulich. Er fordert nicht zum Lachen heraus, ist ohne Ironie. Er ist ein Kommunist, ein Revolutionär, der für seine Ansichten bezahlt hat, dessen Bücher auf dem Index stehen, in seinem Landeverboten sind. Er urteilt mit unversöhnlicher Grausamkeit über den Bürgerkrieg, aber auch über den das Tageslicht scheuenden Krieg der Banditen, der Sadisten, der Giftmischerinnen, der Drogenverkäufer, all derer, die unter dem Deckmantel der Treue zum Gesetz und zu den Institutionen die Republik zur Reaktion führen. Félix Bertaux hat es sehr gut ausgedrückt: »In Deutschland tötet Lächerlichkeit nicht.« Deshalb mußte den Sprengkapseln der Schupos diese vitriolgetränkte Satire entgegengehalten werden.

 

Grosz ist aggressiv aus Instinkt, so wie die Germanen es sind in der Geschichte, die »moralische Ordnung«, die Vertreter der kategorischen Imperative. Es ist jedoch schwierig, Maß zu halten, die aus einem kräftigen Volk überströmende Libido zurückzudrängen. Die Laster sind wahrscheinlich nur der Mist von unerfüllten Wünschen. Was vom Fleische kommt, kann nicht durch die Seele geheilt werden, und Das Leben des Wüstlings, selbst wenn das Bild von Hogarth ist, kann einen Menschen nicht von der Sinnenfreude abhalten. Dadurch, daß er seine Modelle mit einer eitrigen Maske bedeckt, daß er ihr Fleisch in Verwesung zeigt, erhebt Grosz den Anspruch, zu moralisieren. Die Empfindsamen werden sich von ihm abkehren. Aber die Carceri von Piranesi, die Caprichos von Goya sind für solche Leute nicht geschaffen, und Grosz, ein ungestümer Schüler Nietzsches und Freuds, wartet ohne Beschämung auf das Urteil der Menschen.