1922 Über Kurt Schwitters

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TRISTAN TZARA

 

Der Roman der deutschen Revolution (1922)

 

 

Während einer Deutschlandreise im Sommer 1922 besuchte Tristan Tzara auch Kurt Schwitters in Hannover.

 

 

Quelle: Tristan Tzara, in: Œuvres complètes. Bd. 1, Paris 1975, S. 604

 

 

 

 

Den hat Kurt Schwitters geschrieben. Er lebt in Hannover in einem absonderlichen Haus, das er mit Straßenbahnbillets, allen möglichen Zetteln und Zeitungsseiten tapeziert hat. Er ist jung und ein seltsam neugieriger Geist. Er amüsiert, verbreitet aber zugleich so etwas wie Furcht, denn er ist Dadaist. Sein Geist ist eine einzigartige Mischung von Hohn, Skepsis, Satire und Poesie; die Grenzen sind immer fließend, und man weiß nie recht, ob er es gerade ernst meint oder sich über sich selber, seine Zuhörer oder die Personen seines Romans lustig macht. Dazu denke man sich eine verwirrende Originalität, ein mehrdeutiges Lächeln und eine Stimme, die jedes Ausdrucksfähig ist.

 

Der Roman beginnt mit einem urkomischen Gespräch zwischen einem Kind und seiner Mutter über einen Mann, der auf der Straße steht. Das Gespräch kommt im ganzen Roman immer wieder vor, und um den Mann, der nichts vorhat, aber dasteht, spielen sich wunderbar groteske und überraschende Dramen ab: Das ist der Anfang der Revolution. Schwitters beschäftigt sich auch mit Malerei und sogar mit Bildhauerei. Ich habe in seinem Atelier den Entwurf für ein Denkmal gesehen. Nachdem er zwei Kerzen angezündet hatte, hat er mir erklärt, das Denkmal solle Tausende von Metern hoch werden und oben in einem riesigen Kinderkopf enden. Das Gelächter, mit dem ich seine Worte aufnahm, machte ihm Freude. Das ist so selten bei den empfindsamen Künstlern, für die das Lachen aus den menschlichen Gefühlen verbannt ist [...] Seine Bilder sind mit [...] natürlichen Mitteln gemacht, mit allem, was er auf der Straße findet. Verrostete Eisenstücke, Vorhängeschlösser, zerbrochene Räder. Seine Bilder verlassen das Atelier nicht neu wie bei den anderen Künstlern, um dann zu altern, sondern halb zerbrochen, verrostet, schmutzig, weil er meint, es nutze doch alles sich ab, nichts sei ganz sauber in der Welt, die Menschen nicht, die Möbel nicht, die Gefühle nicht. Warum sollten dann die Künstler es darauf anlegen, etwas im Material Sauberes und ewig Neubleibendes zu schaffen? Die Kunst hat die subtile, undefinierbare Seite der Einsteinschen Relativität längst vorausgesehen.