1920 Der Expressionismus in Deutschland

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RAYMOND LENOIR

 

Der Expressionismus im Deutschland der Gegenwart

 

Die Gegenströmungen in Deutschland lassen die Franzosen, die das Entstehen einer 'expressionistischen' Stilrichtung fasziniert und gleichzeitig bestürzt beobachten, nicht gleichgültig. Raymond Lenoir schrieb 1920, daß der Expressionismus angesichts der Krise der europäischen Kultur eine tiefgreifende Infragestellung darstellt, die der Erste Weltkrieg aufgedeckt, wenn nicht gar beschleunigt hat. Der entwurzelte Künstler sucht seine Orientierungspunkte in der primitiven Kunst, in der Volkskunst und im seelischen Erleben. Er besinnt sich auf den gotischen Stil. Der Expressionismus, Ferment und Gefahr zugleich, muß seine »Lektion des Maßvollen und des Gleichgewichts« lernen, anstatt sich auf rhythmische Kompositionen mit ihren unbegrenzten Möglichkeiten zu beschränken.

 

 

Quelle: Raymond Lenoir, L'expressionnisme dans l'Allemagne contemporaine,

in: 'L'Esprit Nouveau-, Heft 2,1920

 

 

 

Die deutschen Kunst- und Literaturzeitschriften bekräftigen derzeit das Ausmaß einer neuen Bewegung, des Expressionismus, der von Kunst, Wissenschaft und Kritik Besitz ergreift. In der Malerei befreit sich der Künstler von der sklavischen Nachahmung der Außenwelt, die ihm Impressionismus und Neo-Impressionismus vorschrieben, vom trügerischen Zauber der Farben, von der fixen Idee der Reliefs. Losgelöst vom Objekt, im Besitz eines rein plastischen Stils, der die Form hervorhebt, bedient er sich der wahrnehmbaren Erscheinungsformen, nur um das Innenleben besser auszudrücken. In der lyrischen Dichtung und im Schauspiel befreit sich der Künstler vom Impressionismus und vom Naturalismus, die den Menschen eng mit seiner Umgebung verbinden. Und da die Welt wieder zum Problem geworden ist und der Dichter sich allein dem Chaos gegenübersieht, wendet er sich der Innerlichkeit zu. Aber »die Psychologie gibt ebensowenig wie die Anatomie Auskunft über das Wesen des Menschen«; sie ist unfähig wahrzunehmen, daß uns die gleichen geheimnisvollen Kräfte innewohnen, die zuerst die Welt geschaffen haben, und noch unfähiger, sie mit Hilfe einer Sprache zu erfassen, die ausschließlich als Ausdruck der gesellschaftlichen Beziehungen geformt wurde. Und so fällt es dem ekstatischen Bewußtsein des Göttlichen, dem Ewigen in uns zu, wie eine zündende Prophezeiung den lyrischen Aufschrei auszustoßen, der vermag, die Welt zu gewinnen und die Verkündung einer neuen Menschlichkeit zu verbreiten. Diese Bewegungen, deren Bindungen zum religiösen Erwachen, das durch die weltweite Krise hervorgerufen wurde' und vor allem zu den Veränderungen der politischen Verhältnisse in Deutschland - die noch unsicher bleiben -, neigt also dazu, den Menschen all seiner zufälligen und vergänglichen Äußerlichkeiten zu entkleiden, um in ihm die Menschheit zu erfassen. Es entsteht eine neue Romantik mit einer metaphorischen und mehrdeutigen Sprache. Sie verfügt schon über ihre Historiker, ihre Kritiker. Und einige, unter ihnen Dvoräk, schlagen ihr als Modell die Kultur des Mittelalters vor, deren Aktualität sie unterstreichen.

 

Sicherlich tritt der Expressionismus in Deutschland lange vor 1914 in Erscheinung. Der Einfluß französischer Maler, vor allem von Cézanne, van Gogh, Gauguin, Picasso, das Beispiel primitiver oder archaischer Kunstformen, begünstigten in ganz Europa eine intellektuelle Spekulation über die Kunst, welche die Ansprüche an die plastische Sensibilität einschränkt und im Laufe der letzten dreißig Jahre neue Techniken hervorbringt. In Deutschland tragen sie zur Bildung einer neuen Kunst bei und zur Loslösung der Theorien vom ausschließlichen Einfluß von Lotze, Robert Vischer, Groos und Lipps. Doch seit 1914 hört der Expressionismus auf, eine Kunstdoktrin zu sein, die mit dem germanischem Temperament und germanischer Tradition eigenen Nuancen einem europäischen Phänomen Ausdruck verleiht. Er nimmt den Wert einer sich auf sämtliche menschlichen Tätigkeitsformen erstreckenden Kulturdoktrin an.

 

Der Krieg hat die Nationalitäten isoliert, den Menschen täglich mit dem Tod in Berührung gebracht und so jedes einzelne Volk gezwungen, Gewohnheiten und Lebensweise mit seinen ständigen Sehnsüchten zu konfrontieren und ebenfalls zu erkennen, daß in den meisten Fällen die Befriedigung der Sehnsüchte aufgegeben wurde, um illusorischen Gütern nachzustreben. In jeder Kultur sind dabei künstliche Aspekte zutage getreten. So wird sich Deutschland bewußt, daß es im Laufe des 19. Jahrhunderts kaum zu sich selbst gefunden hat: Es hat ein unstillbares Verlangen nach Gotik bis zu dem Augenblick bekundet, als ihm Burckhardt den Zauber der italienischen Renaissance enthüllte, und war dann gleichzeitig eingenommen von roher Kraft und subtiler Raffinesse. Seine Künstler haben sich in die Schule der Archäologen, der Historiker, der Kritiker begeben. Die Tendenzen, die Lehren, die Reminiszenzen haben sich miteinander vermengt und manchmal den Glauben aufkommen lassen, daß in den bildenden Künsten und in der Literatur ein Stil entstand. Nunmehr erkennt Deutschland, daß es da eine Einstellung gab, die es ohne Zusammenhang zu seinen tiefsitzenden Instinkten gelernt hatte. Genau wie um 1800 herum verwirft es die Nachahmung des Fremdartigen; es versucht wieder, auf diese Instinkte zurückzukommen, und gesteht im Expressionismus sein konfuses Streben ein, sein Bedürfnis, mit den natürlichen Kräften verbunden zu sein, seinen latenten Pantheismus, alles Eigenschaften, die seit Beethoven in der Musik rückhaltlos Ihren Ausdruck fanden. Erst jetzt begreift Deutschland, warum, vor fast einem halben Jahrhundert, Nietzsche die Scheidung von Kultur und Instinkt ankündigte. Denn er verfolgte in der Kunst und in philosophischen Reflexionen, die zu literarisch geprägt waren, die Schritte der europäischen Kultur und nahm den Menschen zum Maßstab für die Bestimmung ihres Wertes, so wie es ihn das Leben, die qriechischen Philosophen, die französischen Moralisten gelehrt hatten. Es ist schon interessant, zu sehen, daß Deutschland durch eine Kunstdoktrin so klar zum Bewußtsein kommt, welche Gefahren der europäischen Kultur drohen. Es ist bemerkenswert, daß man ihm vorschlägt, zur Scholastik zurückzukehren, genauso wie vor kurzem unserer eminent humanistischen und positivistischen Nation. Wird es sich verführen lassen durch diese eigentümliche Allianz zwischen Konzeptualismus und Symbolismus, durch diese Koexistenz von Vernunft und Mystik, die sich im Laufe des Mittelalters im Obermaß entwickeln, ohne jemals gegenseitigen Beschränkungen unterworfen zu werden? Wird es den zutiefst menschlichen Sinn der westlichen Kultur bis zum 19. Jahrhundert begreifen, und wird es danach trachten müssen, vom Humanismus eine Lektion über Maß und Gleichgewicht zu erhalten? Wird es sich auf die musikalische Schöpfung mit ihren unendlichen Möglichkeiten beschränken? Keine dieser Orientierungen ist für die deutsche Kunst, die deutsche Zivilisation, die europäische Zivilisation ohne Belang.