1919 An alle Künstler

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Ludwig Meidner:

 

An alle Künstler, Dichter, Musiker

 

1919

 

 

 

 

Ludwig Meidner, der Maler ekstatisch anmutender Bilder, gehört zu den wenigen, die den Krieg als eine drohende Gefahr voraussehen, ihn von Anfang an auch in ihren künstlerischen Werken verurteilen. Nach Kriegsende engagiert sich Meidner eine kurze Zeit lang für sozialistische Ziele. Sein Aufruf zum Beitritt in eine Arbeiterpartei zehrt noch vom expressionistisch-irrationalen Gestus, der schon das 1913 entstandene visionäre Gemälde „Revolution (Barrikadenkampf)“ kennzeichnet.

 

 

 

Damit wir uns nicht mehr vor dem Firmament zu schämen haben, müssen wir uns endlich aufmachen und mithelfen, dass eine gerechte Ordnung in Staat und Gesellschaft eingesetzt werde.

 

Wir Künstler und Dichter müssen da in erster Reihe mittun. Es darf keine Ausbeuter und Ausgebeuteten mehr geben!

 

Es darf nicht länger sein, dass eine gewaltige Mehrheit in den kümmerlichsten, unwürdigsten und entehrendsten Verhältnissen leben muss, während eine winzige Minderheit am übervollen Tisch vertiert. Wir müssen uns zum Sozialismus entscheiden: zu einer allgemeinen und unaufhaltsamen Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die jedem Menschen Arbeit, Muße, Brot, ein Heim und die Ahnung eines höheren Zieles gibt. Der Sozialismus soll unser neues Glaubensbekenntnis sein!

 

Er soll beide erretten: den Armen aus der Schmach der Knechtschaft, der Dumpfheit, Roheit und Gehässigkeit - und den Reichen will er vom erbarmungslosesten Egoismus, von seiner Habgier und Härte erlösen, für immerdar.

 

Uns Maler und Dichter verbinde mit den Armen eine heilige Solidarität! Haben nicht auch viele unter uns das Elend kennengelernt und das Beschämende des Hungers und der materiellen Abhängigkeit?! Stehen wir viel besser und gesicherter in der Gesellschaft als der Proletarier?! Sind wir nicht wie Bettler abhängig von den Launen der Kunst sammelnden Bourgeoisie! Sind wir noch jung und unbekannt, so wirft sie uns einen Almosen hin oder lässt uns lautlos verrecken.

 

Wenn wir einen Namen haben, dann sucht sie uns durch Geld und eitle Wünsche vom reinen Ziel abzulenken. Und wenn wir längst im Grabe, dann deckt ihr Protzentum unsere lauteren Werke mit Bergen von Goldstücken zu. - Maler, Dichter, Musiker, schämt euch eurer Abhängigkeit und Feigheit und verbrüdert euch mit dem ausgestoßenen, rechtlosen, gering bezahlten Knecht!

 

Wir sind keine Arbeiter, nein. Rausch, Wonne - Verglühen ist unser Tagewerk. Wir sind leicht und wissend und müssen wie Führer-Fahnen vor unseren schweren Brüdern wehen.

 

Maler, Dichter ... wer sonst sollte für die gerechte Sache kämpfen als wir?! In uns pocht noch mächtig das Weltgewissen. Die Stimme Gottes in uns facht immer von Neuem unsere Empörerfäuste an.

 

Seien wir auf der Hut!

 

Wird nicht schon morgen wieder die Bourgeoisie die Staatsgewalt in ihre Hände reißen, durch Putsche, Bestechung und skrupellose Wahlpraktiken? Wird dieses neue Deutschland der herrschenden Bourgeoisie nicht noch unverschämter menschliche Arbeitskraft ausnützen, den Armen noch brutaler ducken? Wird es nicht in allen geistigen Dingen noch arroganter und frecher triumphieren wollen, als es je das kaiseristische Deutschland getan?!

 

Denn dieses, mit seiner aufgetakelten Macht von Kanonen, Kasernen und Eisenschiffen, ABC-Schulen, Polizisten und falschen Pfaffen, war zu plump und trag und unwissend, um ernsthaft in den Bezirken des Geistigen großen Schaden anrichten zu können. Wo aber der despotische Bourgeois aufkommt - wo der in den edlen Räumen des Geistes mit seiner wüsten Tatze hintritt - da wächst kein Gras mehr nach.

 

Maler, Dichter! Scharen wir uns mit unseren eingeschüchterten, wehrlosen Brüdern um den Geist!

 

Der Arbeiter achtet den Geist. Er bemüht sich mit kräftigem Eifer um Erkenntnis und Wissenschaft.

 

Der Bourgeois ist ehrfurchtslos. Er liebt nur Spielerei und ästhetisch verbrämte Stupidität und haßt und fürchtet den Geist - denn er fühlt, dass er von ihm entlarvt werden könnte.

 

Der Bourgeois kennt nur eine Freiheit, seine eigene - d. h. die ändern ausbeuten zu können. Das ist der bleiche Terror, der geht schweigend um, und Millionen sinken hin und verwelken früh.

 

Der Bourgeois kennt keine Liebe - nur Ausnutzung und Übervorteilung. Auf, auf zum Kampf gegen das hässliche Raubtier, den beutelüsternen, tausendköpfigen Kaiser von Morgen, den Gottesleugner und Anti-Christ!

 

Maler, Baukünstler, Skulptoren, denen der Bourgeois hohe Löhne für eure Werke zahlt - aus Eitelkeit, Snobtum und Langeweile - höret: an diesem Gelde klebet Schweiß und Blut und Nervensaft von tausend armen, abgejagten Menschen - höret: das ist ein unreinlicher Gewinn. Ach, wir wollen ja nur leben können und unsere Werke tun zum Preise Gottes! Maler, Dichter und alle Künstler, Kameraden alle: wir müssen uns stark machen: es geht um den Sozialismus. Wir wollen keinen blutbefleckten Lohn mehr. Wollen frei sein, zu unsrer und der Menschheit Lust hinströmen.

 

Kameraden, höret weiter: wir müssen wahre Sozialisten sein - die höchste sozialistische Tugend in uns entfachen: Menschenbrüderlichkeit. Das heißt: Güte, Freundlichkeit füreinander und Einsicht in das, was uns allen nottut.

 

Höret weiter: Wir müssen Ernst machen mit unserer Gesinnung, dem neuen, wundersamen Glauben. Wir müssen uns der Arbeiterpartei anschließen, der entschiedenen, unzweideutigen Partei. Wir dürfen in unserem Kreis nicht mehr dulden die Schwätzer, Spieler, Ästheten und bürgerlich korrumpierten Mit-Ma-cher.

 

Wie der wahre Christ den Umgang mit dem Bösewicht flieht - so müssen wir uns rein halten von den Unreinen, Menschenverächtern und flunkernden Tagedieben. Wir müssen die Zyniker festnageln auf dem Schmutze ihrer eigenen Bosheit. Lassen wir uns nicht beirren durch ihre giftigen Reden und Drohungen.

 

O, leite uns an diesem dunklen Tag die göttliche Stimme: Gerechtigkeit und Liebe! Mit Leib und Seele, mit unseren Händen müssen wir mittun.

 

Denn es geht um den Sozialismus - das heißt: um Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenliebe - um Gottes Ordnung in der Welt!

 

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aus: Das Kunstblatt III, 1919