1918 Die abstrakt-reale Malerei

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Piet Mondrian

 

Die abstrakt-reale Malerei

 

Quelle: Mondrian, Piet: Die neue Gestaltung in der Malerei. In: Jaffe: Mondrian und De Stijl. Köln 1967, S. 36 ff.

 

Piet Mondrian, 1872-1944, holländischer Maler, ab 1912 Bildserien (Bäume, Stilleben, Seebilder), in denen er schrittweise vom Motiv zu einer völligen Abstraktion gelangt, gründet zusammen mit Theo van Does-burg 1917 die Zeitschrift „De Stijl", die zum Kristallisationspunkt einer Künstlergruppe wird, der auch Architekten (Rietveld, van Eesteren und Kiesler) angehörten. Seit 1940 lebte Mondrian in New York.

 

 

 

Das Leben des heutigen Kulturmenschen wendet sich mehr und mehr vom Natürlichen ab; es wird immer mehr abstraktes Leben. Wenn das Natürliche (Äußerliche) zunehmend .mechanisch' wird, richtet sich die Lebensaufmerksamkeit immer mehr auf das Innerliche. Das Leben des wirklich modernen Menschen ist weder auf das Materielle gerichtet noch dreht es sich um das Materielle, es ist auch nicht vorwiegend Gefühlsleben, sondern tritt als selbständigeres Leben eines Geistes auf, der sich seiner selbst bewußt wird. Der moderne Mensch - schließlich doch eine Einheit von Körper, Seele und Geist - zeigt ein verändertes Bewußtsein: alle Ausdrucksformen des Lebens nehmen eine andere Erscheinung an, sie werden zunehmend abstrakt. So auch die Kunst! Sie manifestiert sich als Produkt einer anderen Dualität im Menschen: als das Produkt eines kultivierten Äußerlichen und eines vertieften, bewußteren Innerlichen - als reine Gestaltung des menschlichen Geistes kommt sie in einer rein ästhetisch gestaltenden, in einer abstrakten Erscheinung zum Ausdruck. Der wahrhaft moderne Künstler wählt die Abstraktion der Schönheitsempfindung bewußt: er erkennt bewußt, daß die Schönheitsempfindung kosmisch, universal ist. Dieses bewußte Erkennen hat die abstrakte Gestaltung zur Folge und beschränkt sie auf dasjenige, was ausschließlich universal ist.

 

Die Neue Gestaltung kann also nicht in den (natürlichen) konkreten Vorstellungen erscheinen, die - auch bei universaler Sicht - immer noch mehr oder weniger auf das Individuelle hinweisen und das Universale in sich verbergen. Sie kann sich nicht hinter dem verstecken, was das Individuelle kennzeichnet, hinter natürlicher Form und Farbe, sie muß vielmehr in der Abstraktion von Form und Farbe zum Ausdruck kommen - in der geraden Linie und in der zur Bestimmtheit geführten Primärfarbe. Diese universalen Gestaltungsmittel wurden in der modernen Malerei auf dem Wege einer folgerichtig durchgeführten Form- und Farbabstraktion gefunden; als sie gefunden waren, trat wie von selbst die exakte Gestaltung reiner Beziehungen hervor und damit das Wesentliche alles gestaltenden Schönheitsempfindens. [...]

 

Die Neue Gestaltung darf abstrakt genannt werden, nicht nur, weil sie die direkte Gestaltung des Universalen ist, sondern auch, weil sie in der Gestaltung das Individuelle (das Natürlich-Konkrete) ausschließt. Die exakte Gestaltung von Beziehungen können wir abstrakt nennen im Gegensatz zu der Ausbildung in der natürlichen Erscheinungsform, von der sie abstrahiert. Wenn wir die Neue Gestaltung abstrakt nennen, so stellt sich die Frage, ob das Abstrakte darstellbar ist. Läßt es sich in Bestimmtheit darstellen, so wäre es unlogisch, die Neue Gestaltung mit Gestal-tung-im-Ungefähren zu identifizieren - wie man es meistens tut.

 

Nach einer langen Kulturentwicklung ist in der Malerei die Einsicht gereift, daß das Abstrakte - als das Universale - zu klarer Gestaltung gebracht werden kann. Gerade durch die Kultur der Formgestaltung begann man einzusehen, daß das Abstrakte - als das Mathematische - sich durch alle Dinge und in allen Dingen tatsächlich selber darstellt, wenn auch nicht in letzter Bestimmtheit — anders gesagt: die neue Malerei kam durch sich selbst zu der bestimmten Darstellung des Universalen, das sich verschleiert und verborgen in der natürlichen Erscheinung der Dinge offenbart. Durch die Malerei selbst kam der Künstler zu der bewußten Erkenntnis (im praktischen Sinn; im tieferen Sinn ist es die Wirkung des Zeitgeistes, die den Künstler zum Bewußtsein führte), daß die Erscheinung des Universalen-als-des-Mathemati-schen das Wesentliche alles rein ästhetischen, gestaltenden Schönheitsempfindens ist. Je stärker dieses Bewußtsein wurde, desto besser lernte er, diese Erscheinung aus der präzisen Gestaltung des Individuellen aufzubauen - gerade dadurch, daß er immer mehr abstrahierte. Er lernte es, dasjenige exakt zu gestalten, was in der Natur nur durchschimmert, reduzierend zu vernichten, was konkret in Erscheinung tritt, und zog dabei nur die Konsequenz aus den allgemein gültigen Kunstbegriffen. So gelangte unsere Zeit zu der abstraktrealen Malerei. Die neue Gestaltung ist abstraktreal, weil sie zwischen dem absolut Abstrakten und dem natürlich, konkret Realen steht. Sie ist nicht so abstrakt wie die gedankliche Abstraktion, und sie ist nicht so wirklich wie die greifbare Realität. Sie ist ästhetisch lebendige Gestaltung: die Erscheinung, in der das Eine sich in das Andere wandelt.

 

Die abstrakt-reale Malerei kann ästhetisch-mathematisch gestalten, weil sie ein exaktes, mathematisches Ausdrucksmittel besitzt. Dieses Ausdrucksmittel ist die zur-Bestimmtheit-geführte Farbe. Die Farbe zur Bestimmtheit führen bedeutet: erstens die Zurückführung der Naturfarbe auf die Primärfarbe, zweitens das Reduzieren der Farbe zur Fläche und drittens das Abgrenzen der Farbe - in der Weise, daß sie als Einheit rechteckiger Flächen erscheint.

 

Die Reduzierung auf die Primärfarbe führt zu visueller Verinnerlichung der Materie, zu reinerer Offenbarung des Lichts. Die Materie, die Körperlichkeit läßt uns (durch die Oberfläche) das farblose Sonnenlicht als Naturfarbe erscheinen. Die Farbe entsteht also sowohl durch das Licht als auch durch die Oberfläche, die Materie. Daher ist die Naturfarbe Innerlichkeit (Licht) in der äußerlichen Erscheinung. Durch die Zurückführung der Naturfarbe auf die Primärfarbe wird die äußerlichste Erscheinung der Farbe in die innerlichste verwandelt. Wenn von den drei Primärfarben Gelb und Blau die innerlichsten sind, so ist Rot (die Verschwisterung von Blau und Gelb, siehe H. Schoenmakers' ,Das neue Weltbild') mehr äußerlich. Damit wäre eine Gestaltung nur in den Farben Gelb und Blau innerlicher als eine in den drei Primärfarben.

 

Ist auch die kommende Zeit von Verinnerlichung noch weit entfernt, ist heutzutage noch nicht einmal die Zeit der Naturfarbe vorüber - die abstrakt-reale Malerei wird auf die drei Primärfarben, durch Weiß, Schwarz und Grau ergänzt, angewiesen sein.

 

In der abstrakt-realen Malerei bedeutet Primärfarbe, daß die Farbe als Grundfarbe auftritt. Die Primärfarbe erscheint daher sehr relativ — das Prinzipielle dabei ist, daß die Farbe vom Individuellen und von individuellen Emotionen befreit ist und nur die stille Empfindung des Universalen ausdrückt.

 

Die Primärfarben in der abstrakt-realen Malerei verschaffen uns von der Primärfarbe eine solche Vorstellung, daß sie nicht mehr das Natürliche darstellen und doch real bleiben. Wenn die Farbe so verändert wird, geschieht dies nicht willkürlich, sondern vollkommen in Harmonie mit allen Kunstprinzipien. Die gestaltete Farbe verdankt ihre Erscheinung ja nicht nur der sichtbaren Realität, sondern auch der Sicht des Künstlers: sein Inneres verändert und verinnerlicht die Äußerlichkeit der Farbe.

 

Folgt die Farbgestaltung aus der Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt und steigert sich das Subjektive zum Universalen, so wird die Farbe immer mehr das Universale ausdrücken - immer abstrakter erscheinen.        

 

1918

 

 

 

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Literatur:

 

Seuphor, Michel: Piet Mondrian. Köln 1957. Jaffe, a. a. O.