1914 Matisse und Picasso

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JULIUS MEIER-GRAEFE

 

Matisse und Picasso

 

Quelle: in: J. M.-G., Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst, München2 1915, S. 623-635 (Auszug) (Erstausgabe in 3 Bdn.: München 1914)

 

 

 

 

Der Tapete wird die Verwendbarkeit entzogen. Man könnte sie nicht aufkleben wie die Bilder der Maurice Denis und Genossen. Die Borniertheit proletarischer Ornamentiker berührt nicht das zart gegliederte Gespinst. Tapete wird ein System, eine Redeform, fixe Idee eines Artisten von der Familie Flauberts. Tapete ist das Flächige, dem Manet die Modellierung opferte, mit dessen Hilfe er seine Forderung der Contemporanéité erfüllte, letzter Extrakt modernen Großstadt-Empfindens, Form für Menschen, die nur mit den Nerven leben. Undenkbar, von diesem tapetenhaften Reigen dramatische Wirkungen zu erwarten. Der Stil verbietet heroische Gebärden. Jedes Erlebnis wäre taktlos. Man bedarf nicht mehr psychischer Affekte, um sich zu den Höhen der Kunst zu erheben. Kunst ist kein Ausnahme-Zustand, sondern Norm. Daher muß sie entseelt werden. Das Verfahren braucht nicht zur Entgeistigung zu führen, im Gegenteil. Eben die systematische Begrenzung auf physiologische Reize gewähltester Art wirkt geistig. Ich bin nur da, um gegessen zu werden, sagt das Bild von Matisse, aber Ihr müßt aus dem Essen eine Kunst machen. Habt die rechten Organe, und Ihr schlürft aus meiner Tapete alles, was sich die anderen aus der Seele reißen: Wahrheit, Einfalt, Poesie, Leben, ja, sogar Leben. [...]

 

Dies Evangelium wendete sich gegen zwei als Laster empfundene Schwächen der Vorgänger: die Auflösung des Raumes und die des Gegenstandes. Da man bei Manet und Monet den Raum vermißte, stellte man kubische Formen dar, komponierte kaleidoskopartige Würfelgebilde und schrieb einen Titel darunter. Es entstand wirklich ein Raum. Er entstand zwangsweise, da man unmöglich einen Kubus, noch weniger mehrere Kuben ohne kubische Ausdehnung zu geben vermag. Ein Raum an sich, ein dialektischer Raum. Er blieb allen Möglichkeiten bildhafter Mitteilung entrückt. So ging es dem Gegenstand. Man verzichtete auf die Deformation. Das Äquivalent der Natur wurde nicht verdünnt oder verzerrt, sondern aufgehoben. Es kamen reine Rhythmen, frei von jeder sinnfälligen Bedeutung, zum Vorschein, Bilderrätsel. Dem mit Muße gesegneten Zeitgenossen blieb überlassen, den im Titel behaupteten Inhalt zu suchen. Um Zusammenhänge mit der Wirklichkeit zu behalten, genügte es, irgendein Stück Stoff,

 

ein bißchen Kattun, Haare oder dgl. auf die Leinwand zu kleben. So umging man den Lokalton. Besonders beliebt waren Ausschnitte aus Zeitungen. Wenn, wie einer der Adepten behauptet, Kunst nur eine von jedem Interesse befreite Erregung im Betrachter hervorzubringen hat'), kann der Kubismus als Kunst gelten. [...]

 

Die beliebte Frage der Naiven »Kann er anders?« gehört zu den Utensilien der Vergangenheit. Sicher kann Picasso anders. Alles kann er. Morgens macht er Kuben, nachmittags voluminöse Frauen, die auf Einflüsse der alten Schule von Fontainebleau zurückgehen sollen; Quell-Nymphen, die von keiner Geometrie beunruhigt werden. Einem Bekannten, der den Fall mit dem Bedürfnis nach spielerischer Abwechslung legitimieren wollte, widersprach Picasso lächelnd. Nein, er empfinde bei den dicken Frauen ganz genau dasselbe wie bei den trigonometrischen Figuren. Das trifft vollkommen zu. Eher wäre er stolz, anders zu können. Und er kann mit Anmut und Geschmack. Die Reize vieler Bilder der letzten Richtung lassen sich nicht bestreiten, und wird demnächst eine neue Richtung aufgemacht, wird auch sie ihre Reize haben. Ein Pariser Händler, der sich mit dem Vertrieb der Kubisten befaßt, teilt die Geschichte der Kunst in drei Abschnitte. Zuerst gab es Gott. Dies war eine primitive aber bedeutsame Periode. Dann kam der Sensualismus, der größte Irrtum der Menschheit. Er umfaßt viele Jahrhunderte, die der dummen Menge als Glanzzeit der Kunst erscheinen. Und nun beginnt das Zeitalter der reinen Vernunft.