Wassily Kandinsky - Berechnung 1935

Nach oben  Zurück  Weiter

Berechnung

 

1935 veranstaltete das Kunstmuseum Luzern eine Ausstellung «These – Antithese – Synthese». Der sorgfältig redigierte Katalog enthielt auch einen Text von Kandinsky, in dem er den Vorstellungen entgegentritt, daß man unter Anwendung der von ihm früher als möglich und erstrebenswert bezeichneten «Rezeptbücher», – gewissermaßen automatisch, – «Kunst» machen könnte. Auf diesen Irrtum hinzuweisen, scheint uns auch heute wieder aktuell, besonders seitdem die Flut der abstrakten und konkreten Malerei und Plastik ein Ausmaß angenommen hat, das eine Besinnung auf das Wesentliche des Künstlerischen und weniger des Rezeptmäßigen dringend erfordert. Denn jedes Rezept, unvernünftig verwendet, erstickt das Werk im Akademismus.

 

 

Was ist ein Kochbuch? Eine geordnete Sammlung von zweckmäßigen Rezepten.

 

Was sind Kochrezepte? Eine Aufzählung von «Elementen» und eine Angabe der Proportion. Dazu der Werdegang der Zubereitung. Besteht eine volle Sicherheit, daß das genaue Befolgen dieser Rezepte schmackhafte Speisen zur Folge haben wird? Ein echter Koch würde über diese Frage lächeln. Ohne «Zunge» geht es nicht. Ein Bild ist auch eine «Speise», die aus proportionierten Elementen besteht und eine genaue «Zubereitung» verlangt. Deshalb gibt es Malbücher.

 

Es gibt sogar noch mehr. In einigen Fällen gibt es schon heute eine Möglichkeit, ein echtes Werk zu «zerlegen», was nicht nur amüsant. sondern nicht selten lehrreich ist. Es ist vielleicht ebenso lehrreich, wie eine spezielle Wissenschaft, Anatomie genannt, lehrreich ist. Elemente, Proportionen, Zusammenstellung, die sich zahlenmäßig ausdrücken lassen. Wie es, denke ich, jede Erscheinung zuläßt.

 

Fragen Sie aber besser keinen Anatomen, ob man mit anatomischen Angaben – Elemente, Proportion, Aufbaugesetze – einen lebendigen Menschen herstellen könnte.

 

Ich ziehe vor, vom Kosmos und kosmischen Gesetzen nicht zu reden. Daß Kunstwerke Zahlenausdrücke bekommen könnten (und mit der Zeit dies immer leichter zu erreichen sein wird), bedeutet nur, daß unsere Kunsturteile nicht ganz «aus der Luft gegriffen» werden, sondern daß sie eine natürliche und eine natürlich-begründete Unterlage haben. Speziell der deutsche Ausdruck «es sitzt» läßt diese Unterlage durchblicken.

 

Auf die Frage, warum denn «neue Kunstrichtungen» stets abgelehnt werden (und wie temperamentvoll manchmal!) ist die Antwort leicht: weil das auf die früheren «Rezepte» eingestellte Auge nicht gleich die neuentdeckten «Rezepte» aufzunehmen vermag. Es muß Zeit zur Neueinstellung haben. Das könnte ich «Augenkonservatismus» nennen. Zum Schluß möchte ich dem Absender (Künstler) und dem Empfänger (Kunstliebhaber) warmherzig raten, das Denken und das Fühlen voneinander zu halten.

 

Wie alle Rezepte der Welt es nie allein zu einem Werk bringen können, so können sie auch nicht das für das «Kunstverständnis» unbedingt notwendige Gefühl ersetzen. Der Kopf ist keine schlechte Einrichtung.

 

Aber ein «gefühlloser» Kopf ist schlechter als ein «kopfloses» Gefühl. Wenigstens in der Kunst.