Wassily Kandinsky - Reden und Antworten 1935

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Fragen und Antworten

 

1935 legte der Herausgeber der Gaceta de Arte, Edoardo Westerdal in Tenerifa, Kandinsky einige Fragen vor, die hier wiedergegeben sind und auf die Kandinsky antwortete.

 

 

 

Fragen der «Gaceta de Arte» Tenerife

 

1. Gibt es in der Kunst der Gegenwart eine Linie, die eine Vermittlung darstellt zwischen zwei so gegensätzlichen Tendenzen wie die Flucht vom Objekt gegen die reinen Zonen der Abstraktion und der Rückkehr zu ihm als dem Repräsentanten unserer sichtbaren oder fühlbaren Welt?

 

2. Welches ist die Stellung des Künstlers vor den komplexen politisch-sozialen oder sittlich-wirtschaftlichen Problemen unserer Zeit?

 

3. Kann man sich seiner Beeinflussung entziehen?

 

4. Sind sein Einfluß und seine Teilnahme natürlich?

 

5. Gibt es eine Kunst der Reklame?

 

6. Leistet die Kunst einen Dienst oder nicht?

 

7. Befindet sich die gegenwärtige Kunst in einer Krise?

 

8. Die unmittelbare Realität einer Welt außerhalb der uns bekannten, sei es eine vorausgesehene oder eine durch die konstante Neuschöpfung aus unserer Innenwelt entstandene – führt sie uns zu einer Interpretation eines neuen Menschen oder einer neuen Epoche der Dekadenz oder einer Erhöhung der Kultur?

 

 

Antworten auf die Fragen der «Gaceta de Arfe» Tenerife

 

1. «Die Flucht vom Objekt» bedeutet nicht die Flucht von der Natur im allgemeinen. Jede wahre Kunst ist ihren Gesetzen unterworfen. Es ist nicht nötig, sich an die «Natur» zu halten, denn diese ist nur ein Teil der Natur im allgemeinen. Man kann sich der Vermittlung der «Natur» enthalten, wenn man sich direkt in Beziehung setzen kann mit dem Ganzen.

Die sogenannte abstrakte Kunst ist denselben Gesetzen unterworfen. Wenn diese unvermeidliche Verbindung nicht vorhanden ist in einem Werk, dann will das heißen, daß es kein Kunstwerk ist. Um dies zu erkennen, sind nicht die 20 Jahre nötig, die seit meiner Feststellung, daß «die Frage der Form im Prinzip nicht existiert» (siehe «Über die Formfrage», Der Blaue Reiter, München 1912), verflossen sind.

 

2. Die Stellung des Künstlers «vor den komplexen politischen, sozialen oder sittlich-wirtschaftlichen Problemen» ist über diesen Problemen. Die künstlerische Arbeit verlangt den ganzen Menschen und eine ganze Vertiefung in die Welt der Kunst.

 

3. Aber der Künstler ist ein natürliches Glied seiner Zeit. Wenn der Geist dieser Zeit die Kraft besitzt, ihn in seinen Dienst zu ziehen dann tut er es, ohne es zu wissen. Es ist wohl möglich zu sagen «ab morgen werde ich politische, soziale, marxistische oder faschistische Malerei machen», aber es ist unmöglich, sie auch ausdrücklich zu machen. Als ich zu Beginn des «Großen Krieges» nach Moskau kam sagte mir einer meiner Kollegen: «Wohlan, nun werden wir also im nationalen Sinn malen?» Ich habe meinerseits gefragt: «Und nach Kriegsende?». Man sang schon in fast allen Ländern «nationale Lieder», aber ich war froh, kein Sänger zu sein. Und ich bin es noch heute. Das ist meine Antwort auch für Frage 4.

 

5. Gerade diese nationalen Lieder sind eine Art Reklame. Aber es gibt noch eine Kunst der Reklame – für die beste Schokolade der Welt, für die Büstenhalter und die Zigaretten «Balto».

 

6. Die Kunst leistet einen Dienst, ohne jeden Zweifel, aber nicht dem «aktuellen Leben». Es ist ein Dienst am Geist – hauptsächlich heute, wo der Geist nichts anderes als das fünfte Rad am Wagen ist: einmal, später, wird man dieses fünfte Rad nötig haben.

 

7. Außer der schrecklichen wirtschaftlichen Krise existiert heute noch eine weit schrecklichere Krise – das ist die Krise des Geistes. Der Grund dieser Krise ist die Propagierung engster materialistischer Ideen. Eines der gefährlichsten Resultate dieser Propagierung ist das wachsende Interesse für die Manifestationen des Geistes. So auch das wachsende Interesse für die Kunst. Hier findet sich die Erklärung für eine verderbliche Tatsache: Die Kunst ist aus dem «Leben» ge- stoßen worden. Und gleichfalls für den Versuch, die Kunst zu «retten», indem man sie zwang, «in den Dienst des aktuellen Lebens» zu treten. Hierin sehe ich die einzige Kunstkrise in unseren düsteren Tagen. Aber die Kunst wird Siegerin bleiben.

 

8. Ein kurzer oder ein tiefer Blick auf das «Leben» der zivilisierten Nationen genügt, um heute die Abwesenheit einer wahren Kultur festzustellen. Die Notwendigkeit und die Aufgabe, jedem menschlichen Wesen Nahrung und befriedigende Lebensumstände zu garantieren, versteht sich von selbst. Aber ein menschliches Wesen, dem die Befriedigung dieser Seite des Lebens garantiert ist und das andrerseits der geistigen Kultur beraubt ist, bleibt lediglich eine Verdauungsmaschine. Aber unter dieser erschreckenden Oberfläche gibt es eine geistige Bewegung, die noch zu wenig sichtbar ist, aber die der Krise und der Dekadenz ein Ende bereiten wird. Eine der vorbereitenden Kräfte dieser «Auferstehung» ist die freie Kunst.