Wassily Kandinsky - Paul Klee 1931

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Paul Klee

 

Es gibt von Kandinsky nur 4 Aufsätze über Künstler-Kollegen. Einen über Paul Klee, einen über Sophie Tæuber-Atp und zwei über Franz Marc. Jener über Klee ist der erste. Er erschien in der Zeitschrift bauhaus No 3/1931 anläßlich des Abschieds von Paul Klee vom Bauhaus. Kandinsky äußert sich darin nicht über die Kunst von Klee, sondern über seine Erscheinung, sein Wirken und seine Auswirkung am Bauhaus.

 

 

 

Diese Nummer der bauhaus-Zeitschrift ist Paul Klee gewidmet.

 

Die Veranlassung ist Klees Fortgang vom Bauhaus. Es wäre mir lieber, den Auftrag meiner Bauhauskollegen, diese Nummer zu redigieren, aus einem entgegengesetzten Grund zu übernehmen – nicht Fortgang, sondern Rückkehr.

 

Volle zehn Jahre war die Arbeit am Bauhaus eng mit der Tätigkeit Klees an unserem Institut verknüpft. Solche Verbindungen reißen nicht schmerzlos.

 

Das fühlen intensiv alle Bauhausangehörigen – Lehrer und Studierende, besonders die, welche am Unterricht Klees teilnahmen. Ich weiß, daß es auch Klee selbst nicht leicht fiel, sich zum Riß zu entschließen.

 

Was mich persönlich anlangt, erlaube ich mir, auch etwas Subjektives auszusprechen. Vor mehr als 20 Jahren zog ich in München in die Ainmillerstraße und erfuhr bald, daß der junge Maler, der gerade mit erstem Erfolg in der Galerie Thannhauser debütierte, Paul Klee, fast Haus an Haus neben mir wohnte. Wir blieben bis zum Ausbruch des Krieges Nachbarn und aus dieser Zeit stammt der Anfang unsrer Freundschaft. Der Krieg sprengte uns auseinander. Erst nach acht Jahren führte mich das Schicksal ans Bauhaus in Weimar und so wurden wir – Klee und ich – zum zweiten Mal Nachbarn: fast nebeneinander lagen unsre Ateliers im Bauhaus. Bald wieder eine Sprengung: das Bauhaus flog mit einer Geschwindigkeit aus Weimar heraus, um die es ein Zeppelin beneiden könnte. Diesem Flug ver- danken Klee und ich die dritte und die engste Nachbarschaft: über fünf Jahre wohnen wir dicht aneinander. Nur eine Brandmauer trennt unsre Wohnungen, wir können uns aber trotz der Mauer und ohne das Haus zu verlassen besuchen – ein kurzer Gang durch den Keller. Bayern – Thüringen – Anhalt. Was weiter? Aber auch ohne Kellergang bleibt die geistige Nachbarschaft bestehen.

 

Für Klee ist das Bauhaus bereits Erinnerung geworden. Aber so bald vergißt er es nicht. Fast vom allerersten Anfang hat Klee das Schick- sal dieses vielgeprüften Instituts miterlebt und geteilt: die anfänglichen «heroischen» Zeiten, als die jungen Menschen fast durchwegs die Wandervogelgestalt liebten – lange Haare, die schon nach wenigen Tagen immer kürzer wurden, dekolletierte Brust, die bald einen Schlips bekam, Sandalen, die sich später sogar in Lackschuhe umwandelten.

 

Dies war nur die äußere und vorübergehende Seite des Bauhäuslers. Innerlich war er schon damals ein junger Mensch, der mit Ausdauer und Ernst an der Gestaltung des neuen Wohnwesens mitzuarbeiten suchte, ernst studierte und die schöpferische Idee verehrte. Wenn Klee nicht direkt auf die Kürzung der Haare wirkte, so entwickelte sein Wort und seine Tat, sein eigenes Beispiel die inneren positiven Seiten des Studierenden in hohem Maße. Das Wort allein ist schwach wenn es nicht durch das tatkräftige, offenliegende Beispiel unterstützt ist. Am Beispiel der restlosen Hingabe an seine Arbeit können wir alle bei Klee lernen. Und haben bestimmt gelernt.

 

Damit treten nicht nur die rein künstlerischen, sondern auch die rein menschlichen Qualitäten in den Vordergrund. Diese letzteren sind nicht so auffallend und ihr Einfluß nicht so leicht zu bemerken. Doch lehrt mich meine pädagogische Erfahrung, daß die Jugend (wenn auch oft unbewußt) für menschliche Eigenschaften des Lehrers nicht weniger lebendiges Interesse hat, als für seine sonstigen Qualitäten – die künstlerischen, wissenschaftlichen. Jedes Wissen ohne menschliche Basis bleibt auf der Oberfläche: die Quantität (Anhäufung von Kenntnissen) wächst, aber die Qualität (die befruchtende Kraft der Kenntnisse) bleibt unverändert. Das Wachsen des äußeren Quantums führt manchmal zu innerer «0», nicht selten zum «Minus».

 

Klee verbreitete am Bauhaus eine gesunde, befruchtende Atmosphäre – als großer Künstler und als klarer, reiner Mensch. Das Bauhaus weiß es zu schätzen.