Wassily Kandinsky - Der Blaue Reiter 1930

Nach oben  Zurück  Weiter

Der Blaue Reiter (Rückblick)

 

1930 erschien in der Zeitschrift Das Kunstblatt von Kandinsky ein Brief an dessen Herausgeber Paul Westheim. Der Blaue Reiter, seine Vorgeschichte und das Drum und Dran, werden hier von Kandinsky aus seiner Erinnerung dargestellt.

 

 

 

Sehr geehrter Herr Westheim!

 

Sie fordern mich auf, meine Erinnerungen an die Entstehung des «Blauen Reiter» wachzurufen.

Heute – nach so vielen Jahren – ist dieser Wunsch berechtigt, und ich komme ihm sehr gern nach.

Heute – nach so vielen Jahren – hat sich die geistige Atmosphäre in dem so schönen und trotz allem doch lieben München grundsätzlich verändert. Das damals so laute und unruhige Schwabing ist still geworden – kein einziger Laut verbreitet sich von dort. Schade um das schöne München und noch mehr schade um das etwas komische, ziemlich exzentrische und selbstbewußte Schwabing, in dessen Straßen ein Mensch – sei es ein Mann oder eine Frau (a Weibsbuild) – ohne Palette, oder ohne Leinwand, oder mindestens ohne eine Mappe sofort auffiel. Wie ein «Fremder» in einem «Nest». Alles malte … oder dichtete, oder musizierte, oder fing zu tanzen an. In jedem Haus fand man unter dem Dach mindestens zwei Ateliers, wo manchmal nicht gerade so viel gemalt wurde, aber stets viel diskutiert, disputiert, philosophiert und tüchtig getrunken (was mehr vom Beutel- als vom Moralzustand abhängig war).

 

«Was ist Schwabing?» fragte einmal ein Berliner in München. «Es ist der nördliche Stadtteil» sagte ein Münchner. «Keine Spur», sagte ein anderer, «es ist ein geistiger Zustand.» Was richtiger war. Schwabing war eine geistige Insel in der großen Welt, in Deutschland, meistens in München selbst.

 

Dort lebte ich lange Jahre. Dort habe ich das erste abstrakte Bild gemalt. Dort trug ich mich mit Gedanken über «reine» Malerei, reine Kunst herum. Ich suchte «analytisch» vorzugehen, synthetische Zusammenhänge zu entdecken, träumte von der kommenden «großen Synthese», fühlte mich gezwungen, meine Gedanken nicht nur der mich umgebenden Insel, sondern den Menschen außerhalb dieser Insel mitzuteilen. Ich hielt sie für befruchtend und notwendig.

So entstand von selbst aus meinen flüchtigen Notizen «pro doma sua» mein erstes Buch «Über das Geistige in der Kunst». Ich hatte es 1910 fertig geschrieben in meiner Schublade liegen, da kein einziger Verleger den Mut hatte, einige (schließlich ziemlich geringe) Verlags- kosten zu riskieren.

 

Auch die sehr warme Teilnahme des großen Hugo von Tschudi nützte nichts.

 

Zu derselben Zeit wurde mein Wunsch reif, ein Buch (eine Art Almanach) zusammenzustellen, an dem sich ausschließlich Künstler als Autoren beteiligen sollten. Ich träumte von Malern und Musikern in erster Linie. Die verderbliche Absonderung der einen Kunst von der anderen, weiter der «Kunst» von der Volks-, Kinderkunst, von der «Ethnographie» (Meine erste Begeisterung für Ethnographie ist alten Datums: als Student der Moskauer Universität bemerkte ich allerdings ziemlich unbewußt, daß die Ethnographie ebenso Kunst wie Wissenschaft ist. Die entscheidende Tatsache war aber der erschütternde Ein- druck, den ich viel später im Museum für Völkerkunde in Berlin von der Negerkunst erlebte!), die fest gebauten Mauern zwischen den in meinen Augen so verwandten, öfters identischen Erscheinungen, mit einem Wort die synthetischen Beziehungen ließen mir keine Ruhe. Heute kann es ja sonderbar erscheinen, daß ich lange keinen Mitarbeiter, keine Mittel, einfach kein genügendes Interesse für diese Idee finden konnte.

 

Es war die kräftige Anfangszeit der vielen «Ismen», die das synthetische Empfinden noch nicht kannte und in temperamentvollen «Zivilkriegen» das Hauptinteresse fand.

 

Fast an einem Tag (1911–1912) kamen in der Malerei zwei große «Strömungen» zur Welt: der Kubismus und die Abstrakte (= Absolute) Malerei. Gleichzeitig der Futurismus, Dadaismus und der bald siegreich gewordene Expressionismus.

 

Es dampfte nur so!

 

Die atonale Musik und ihr damals überall ausgepfiffener Meister Arnold Schönberg regten die Gemüter nicht weniger als die erwähnten malerischen Ismen auf. Damals lernte ich Schönberg kennen und fand in ihm sofort einen begeisterten Anhänger der Blaue-Reiter-Idee. (Es war damals nur ein Briefwechsel, die persönliche Bekanntschaft kam erst etwas später zustande.)

 

Mit einigen zukünftigen Autoren stand ich bereits in Verbindung. Es war der Blaue Reiter in spe, noch ohne Verkörperungsaussichten. Und da kam Franz Marc aus dem Sindelsdorf.

 

Eine Unterredung genügte: wir verstanden uns vollkommen. In diesem unvergeßlichen Mann fand ich ein damals sehr seltenes Exemplar (ist es heute nicht so selten?) eines Künstlers, der weit über die Grenzen einer «Vereinsmeierei» blicken konnte, der nicht äußerlich, sondern innerlich gegen bindende, hemmende Traditionen eingestellt war. Das Erscheinen des «Geistigen» im R. Piper-Verlag verdanke ich Franz Marc: er ebnete die Wege.

 

Lange Tage, Abende, hie und da auch halbe Nächte besprachen wir unser Vorgehen. Klipp und klar war uns beiden von vornherein, daß wir streng-diktatorisch vorgehen müssen: volle Freiheit für die Verwirklichung der verkörperten Idee.

 

Franz Marc brachte in dem damals sehr jungen August Macke eine hilfreiche Kraft. Wir stellten ihm die Aufgabe, hauptsächlich das ethnographische Material zu besorgen, was wir auch selbst mit- machten. Er löste seine Aufgabe glänzend und bekam eine weitere, über Masken einen Aufsatz zu schreiben, was er ebenso schön erledigte.

 

Ich besorgte die Russen (Maler, Komponisten, Theoretiker) und über- setzte ihre Artikel.

Marc brachte aus Berlin eine große Anzahl Blätter – es war die «Brücke», die erst gebaut wurde und in München vollkommen unbekannt war.

 

«Künstler, schaffe, rede nicht!» schrieben und sagten uns einige Künstler und lehnten unsere Aufforderung, Artikel zu liefern, ab. Dies gehört aber zum Kapitel der Ablehnungen, Bekämpfungen, Empörungen, was hier unberührt bleiben soll.

 

Es war eilig! Noch vor der Erscheinung des Bandes veranstalteten

 

Franz Marc und ich die 1. Ausstellung der Redaktion des Blauen Reiters (Den Namen «Der Blaue Reiter» erfanden wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf; beide liebten wir Blau, Marc – Pferde, ich – Reiter. So kam der Name von selbst. Und der märchenhafte Kaffee von Frau Maria Marc mundete uns noch besser.) in der Galerie Tannhauser – die Basis war dieselbe: kein Propagieren einer bestimmten, exklusiven «Richtung», das Nebeneinanderstellen von verschiedensten Erscheinungen in der neuen Malerei auf internationaler Basis und … Diktatur. «… wie der innere Wunsch der Künstler sich mannigfaltig gestaltet», schrieb ich im Vorwort.

 

Die zweite (und die letzte) Ausstellung war eine grafische in der gerade eröffneten Galerie Hans Goltz, der vor zwei Jahren etwa, kurz vor seinem Tod, mit großer Begeisterung über diese famose Zeit an mich schrieb.

 

Mein Nachbar in Schwabing war Paul Klee. Er war damals noch sehr «klein». Ich kann aber mit berechtigtem Stolz behaupten, daß ich in seinen damaligen ganz kleinen Handzeichnungen (er malte noch nicht) den späteren großen Klee gewittert habe. Eine Zeichnung von ihm ist im Blauen Reiter zu finden.

 

Es drängt mich, noch den überaus großzügigen Mäzen von Franz Marc, den auch kürzlich verstorbenen Bernhard Koebler, zu erwähnen. Ohne seine hilfreiche Hand wäre der Blaue Reiter doch eine schöne Utopie geblieben, auch «Der erste Deutsche Herbst-Salon» von Herwarth Walden und noch manches andere.

 

Mein nächster Plan für den nächsten Band des Blauen Reiter war die Kunst und die Wissenschaft nebeneinander zu stellen: Ursprung, Werdegang in der Arbeitsart, Zweck. Heute weiß ich noch viel besser als damals, wie viele kleinere Wurzeln zu einer einzigen großen zurückzuführen sind – Arbeit der Zukunft.

 

Aber damals kam der Krieg und schwemmte auch diese bescheidenen Pläne fort.

 

Was aber durchaus notwendig ist – innerlich! – kann verschoben, aber nicht mit der Wurzel herausgerissen werden.

 

 

Mit den besten Grüßen

Ihr Kandinsky.