11 Kunstgefühl

Nach oben  Zurück  Weiter

Etwas über Kunst, Kunstausstellung und Kunstgefühl

 

 

Jetzt ist wieder die Zeit da, daß ein Teil der Menschheit sich rüstet, Bilder und Skulpturen in Räumen aufzuspeichern, auf daß sie von dem andern Teil der Menschheit gesehen, bewundert und erworben werden können. Man nennt im allgemeinen diese beiden Parteien: Künstler und Publikum, den Ort aber, wo die Schatze aufgestapelt und gegen ein Eintrittsgeld zu sehen sind, eine Kunstausstellung.

 

Paris öffnet neben seinen vielen kleinen Ausstellungen den neu gebauten Ausstellungspalast, wo einträchtiglich der frühere Salon des Palais de l'Indu strie und der Salon des Champs de Mars ihre Produktionen vorführen. München hat seinen Glaskasten für die Künstler-Genossenschaft und das Sezessionsgebäude am Königsplatz für die Sezession. Nur alle vier Jahre vereinen sich diese beiden Gruppen zu einer gemeinsamen Ausstellung, um den etwas mitgenommenen Glanz ihrer Stadt als erste Statte künstlerischen Wesens in Deutschland von neuem aufzuputzen.

 

Berlins Hauptkunstniederlage ist in dem Gebäudekomplex am Lehrter Bahnhof zu finden. Trotz ihres ungeheuerlichen Umfanges ist diese Kunstvorführung nur das Anhängsel für einen Restaurationspark, in dem das Publikum der Friedrichstraße die verschiedensten Sorten Bier und Biermusik genießen kann.

 

Bereits eröffnet hat die Berliner Sezession. Ihr niedlicher, bizarrer Kunsttempel wird wohl die längste Zeit gelebt haben, denn dieser kleine Knirps von Sezession will sich auch mehr strecken und recken können und verlangt deshalb nach einem größeren Kampfplatz. Hoffentlich wird er aber immer der kleine David gegen die Goliaths und Leviathans bleiben.

 

Der Kritiker tunkt die Feder ein, und das Publikum putzt seine Brille.

 

Du liebes, gehöhntes Publikum, um dessen Gunst doch alles geschieht, und um dessen Liebe der Künstler buhlt wie der Mann um das Weib! wie wirst du überfüttert mit den verschiedensten Gerichten! Gott hat dir aber einen gesunden Magen gegeben: es greift dich nichts an. Weshalb sollte es auch? Sind doch all diese sogenannten Kunstwerke meerschtendeels mit der rechten Hand gemalt, mit viel Geist und hin und wieder auch mit dem Herzen.

 

Selten ist ein wahreres Wort gesprochen worden als dieses von Christus: »So ihr nicht werdet wie die Rinder, ist euer nickt das Himmelreich.« Durch kindliche Einfalt, die sich darin offenbart, wird eine Schöpfung zum Kunstwerk, und durch dieselbe Einfalt dessen Betrachtung zum Kunstgenuß. In diesem Sinne wäre eine Wiedergeburt ein Vorteil für uns alle.

 

Man sieht nickt allein in den geschlossenen Räumen Kunst und Produktionen, die es sein sollen; auch auf Straßen und Plätzen ist kein Mangel daran.

 

Zum Beispiel wimmelt Berlin von Bronzen und Marmorklötzen, die hoffentlich noch nicht endgültig ihren Zweck in der Welt erfüllt haben. Eine kunstsinnigere Zeit wandelt vielleicht dieses brachgelegte Material zu Kanonen und Kalk um.

 

Hier in Berlin werden diese Ausgeburten einer geschmacklosen Kultur mit dem Namen »Denkmäler« bezeichnet. Gegen diesen pietätvollen Titel könnte niemand was einzuwenden haben und gegen den Zweck, Tote den Lebenden wachzuhalten, auch nicht, wenn nicht zu gleicher Zeit den lebenden Geschlech tern durch diese Bildwerke, zu denen irgendein Verstorbener den Namen hergeben muß, eine falsche Kunsterziehung aufoktroyiert werden würde.

 

Die Siegessäule dokumentiert wenigstens noch mit dem naiven Kanonenaufputz den kriegerischen Preußencharakter einer vergangenen Zeit. Aber nun die Siegesallee mit ihren Schrecknissen! Diese weißen Puppen, vor denen Schutzmänner als schirmende Engel ihres Amtes walten. Welch ein Genie gehörte schon dazu, bessere Arbeiten denn diese in solcher Masse so aufzustellen und zu arrangieren, daß sie dem Menschenauge erträglich wären.

 

Wenden wir dieser Spießrutengasse den Rücken, wie der Berliner Roland es uns tun kann. Aber wo wir uns auch hinwenden mögen, überall empfängt uns Geist vom selben Geist und Stein vom selben Stein: die Figuren der Potsdamer Brücke oder des Leipziger Platzes oder der Bismarck am Reichstagsgebäude oder sonstwo.

 

Nein! Der Spree-Athener wird nie zum wahren Athener werden, solange derartige Greuel aus der Erde gestampft werden. Und doch hat die allgütige Natur auch in dieser Wüste ein Saatkorn gepflanzt, das noch zu einem weitverzweigten Baume heranwachsen könnte, wenn ein günstigerer Wind über diese Gegend wehen wird. Ich meine das alte Schloß und dessen Umgebung, beileibe aber nicht die Begas schöpfungen: Wilhelm der Große oder der Neptunbrunnen.

 

Lieber florentinischer Michelangelo, was sagst du zu deinem berlinischen Kollegen? Dein Moses hat ja vielleicht bei dem Neptun Gevatter gestanden, aber die Kunst ist weit fortgeblieben.

 

Jedoch die alte Königsburg mit ihren prachtvollen Portalen und Fassaden, das Zeughaus, auch das Alte Museum sind Architekturen, die es mit der ganzen Welt aufnehmen können.

 

Das Schönste aber steht auf einer Brücke, wo die Geschäftsmenschen eilig vorbeihasten: der Große Kurfürst. Dieses Denkmal ist die Perle Berlins; ein Kunstwerk ebenbürtig dem Colleoni des Verocchio in Venedig und dem Marc Aurel auf dem Kapitol.

 

Der einzige Schlüter hat dieser fridericianischen Zeit seinen Stempel aufgedrückt.

 

Ob der Künstler und der König miteinander zufrieden waren, geht uns Spätlinge ja nichts an; ich glaube fast etwas wie von gegenseitiger Verstimmung irgendwo gelesen zu haben. Auch sind wohl andere Künstler ebenfalls beschäftigt worden; aber alle diese Kunstwerke, sei es Architektur oder Skulptur, weisen den einheitlichen Schlüter-Stil auf. Diese Sonne hat sogar erleuchtend bis in den fernen Osten gestrahlt: das Schloß in Königsberg hat Teile, deren Entstehung dem Genie Schlüters zu danken sind. Gegenüber die sem Schlosse vor der Hofmauer der Kürassierkaserne ist ein Denkmal des ersten Königs aufgestellt, ebenfalls eine Schlütersche Schöpfung.

 

Wie der Große Kurfürst, so ist auch Friedrich in barock-römischer Imperatorentracht, das Zepter zierlich gefaßt, in tänzelnder Stellung auf einem kleinen Sockel – ganz Rokoko. Diese Statue, die viel später in Königsberg aufgestellt wurde, soll zu einem Feste verfertigt worden sein, das der König seinem Nachbar August dem Starken gegeben hatte, als er bei ihm auf Besuch war. Welche Pracht mag wohl da entfaltet worden sein, auch sicher künstlerischer Natur! Denn mag der Historiker beiden Fürsten am Zeuge flicken, soviel er will, der kunstliebende Mensch muß sie loben.

 

Schönheitssinn belebte beide. Außer dem Sinn für Schönheit des Weibes und nach dessen Genuß besaß August der Starke auch Vorliebe für gute Bilder, denn ihm ist die Entstehung der Dresdener Galerie zu danken. Seine Konkubinen und dreihundertfünfzig Rinder erscheinen dem Leser nur noch als angenehme Abwechslung in dem trocknen und langweiligen Kram der derzeitigen Geschichte, aber seine Erwerbung der Sixtinischen Madonna kommt heute noch den Urenkeln und dem ganzen Sachsenlande zugut.

 

Kehren wir von diesem Ausflug in vergangene Zeiten wieder auf den glatten Boden der heutigen Wirk lichkeit zurück und vergegenwärtigen uns nochmals das letztgeschilderte Denkmal des ersten Königs. Es ist wohl eines der kleinsten Monumente, die auf öffentlichen Plätzen errichtet sind; aber in seiner Kleinheit und Zierlichkeit welche Macht künstlerischer Größe! Auch der Große Kurfürst zeichnet sich nicht gerade durch besonderen Umfang aus, und doch schwebt über ihm der Geist Gottes.

 

Dagegen unsere heutigen Riesenbauten wie von der Elephantiasis aufgeschwollen! Architekten und Bildhauer können sich nicht genugtun, Stein und Erz in Mengen aufeinander- und nebeneinanderzuhäufen; Massen, die das Auge nicht übersehen kann, und die jedes göttlichen Funkens bar sind.

 

Die Zeit Schlüters redet mit Engelszungen zu uns, wir hören aber nicht darauf.