Wassily Kandinsky - Tanzkurven 1926

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Tanzkurven

 

In «Tanzkurven», einem 1926 im Kunstblatt erschienenen Essay, weist Kandinsky auf eine Möglichkeit  der Bühnensynthese hin. Die Tänzerin Gret Palucca hatte, ursprünglich von Mary Wiegmann ausgehend, eine Tanzform  geschaffen, bei der vollständige akrobatische Beherrschung des körperlichen  Ausdrucks und bewußte Raumwirkung  einer einzelnen Figur auf der Bühne neue Wege wiesen. Gret Palucca  tanzte im Laufe der Zwanzigerjahre mehrmals auf der Bauhaus-Bühne.

 

 

 

 

Zu den Tänzen der Palucca.

 

 

Die vollkommene Meisterschaft ist ohne Exaktheit unmöglich.  Die Exaktheit ist das Resultat langer Arbeit.  Die Anlage zur Exaktheit ist aber angeboren und eine überaus wichtige Bedingung der großen Begabung.

 

Paluccas Tanz  ist vielseitig und kann  von verschiedenen Stand- punkten beleuchtet werden. Was ich aber hier unterstreichen möchte, ist der selten genaue Aufbau  nicht bloß des Tanzes in der zeitlichen Entwicklung, sondern in erster Linie der exakte Aufbau  einzelner Momente, die durch Momentaufnahmen fixiert werden.

 

Einige Beispiele bringen  zwei wichtige Charakterzüge  dieses Aufbaues:

 

1. die Einfachheit der ganzen Form und

2. das Aufbauen auf der großen Form.

 

Es mag für den Laien einfach  klingen  – der Künstler weiß aber diese Eigenschaften zu schätzen: die einfache und große Form wird nur wenigen gegeben.

 

Nichts kann besser meine Behauptung  beweisen, als die Übersetzung der drei Momentaufnahmen in grafische Schemata.

 

Die Exaktheit reißt auch die Falten und Zipfel der Kleidung mit. Auch die «tote Materie» unterordnet sich dem großen Aufbau.

 

Die Momentaufnahme bietet abgerissene starre Formen, die einmal der Anfang  einer Entwicklung  ist, einmal der Schlußpunkt.  Das organische langsame Entstehen der Form,  die Übergangsstadien bleiben aus und können nut durch Zeitlupe erreicht werden, die das Feld der Beobachtungen in einer überraschenden Weise erweitert. Der Tanz Paluccas sollte unbedingt mit Zeitlupe aufgenommen werden, wodurch  eine exakte Prüfung  dieses exakten Tanzes ermöglicht  würde.

 

Ich möchte nicht mißverstanden werden – ich habe hier nur eine Seite der Kunst Paluccas beleuchtet. Aber gerade diese eine Seite ist gerade heute von einer besonderen Wichtigkeit: wir stehen unter dem Zeichen einer aufgehenden Kunstwissenschaft. Ich hoffe mit Sicherheit, daß Palucca auch auf diesem Gebiet Wertvolles beitragen wird.