08 Das Kopieren

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Das Kopieren.

 

 

Die großartigen Schöpfungen der Vergangenheit sind für die Gegenwart stets die Vorbilder gewesen, aus denen man zu lernen versuchte, Gleiches zu schaffen.

 

Cellini beschreibt uns, wie er mit gleichaltrigen Jünglingen die »göttlichen« Kartons des Michelangelo und Leonardos gezeichnet hatte; aus seiner Biographie erfahren wir auch, daß Michelangelo die Fresken von Masaccio in der Brancacci-Kapelle studiert hat.

 

Die italienische Gotik baute überhaupt von einer Generation auf die andere. Es wurden immer dieselben Motive gemalt, [177] viele Sachen wurden direkt entnommen, und nur allmählich entwickelt sich die Umänderung dieser einzigen Kunst, in der dennoch Masaccio, Lippi, Leonardo, Michelangelo als Titanen hervorragen, und die dann Rafael noch einmal in seinen Arbeiten zusammenfaßte. Die Zeit war nicht heikel in der Ausnutzung des Vorhandenen.

 

Aber man muß auch ihrem Charakter Rechnung tragen: die Malerei war in ihrer jugendlichen Anfangsperiode. Alles war noch neu, infolgedessen darauf nicht so ein Gewicht gelegt wurde. Die Sucht nach Neuerungen ist zuerst bei uns groß geworden, die wir fünf Jahrhunderte später leben.

 

Die Arbeiten, die ihnen als Vorbilder galten, waren nationale Erzeugnisse. Fremde Anklänge kamen bei den Italienern überhaupt nicht vor. Schließlich gehörte die Malerei zu den Handwerken; und nur diejenigen Männer, welche Großes leisteten, wurden geachtet und stiegen aus ihrer Sphäre empor. Modelle wird unter diesen Voraussetzungen der Schüler, welcher zu dem Meister in einem Arbeitsverhältnis stand, kaum zur eigenen Verfügung und Benutzung erhalten haben.

 

Rubens kopierte viel bis in sein spätes Alter. Seine Jugendwerke haben Anklänge an Rafael. Später sollen seine Kopien dagegen ganz wie eigene Bilder ausgesehen haben.

 

Rembrandt machte sich Notizen von guten Bildern, die er auf Auktionen in Amsterdam vorfand. Hauptsächlich bekannt ist die schnelle Zeichenskizze nach einem Porträt nach Rafael.

 

Das ist schon kein Kopieren mehr, und wenn man recht bedenkt, sind die vorherigen Ausführungen auch mehr wohl ein Herausgreifen von einzelnen berühmten Stücken als ein komplettes Kopieren. In unserer Zeit führt man dieses alles aber als Gründe an, daß das Kopieren ebenso nützlich wäre als das Studium nach der Natur.

 

Es ist ja manches Falsche in der Welt: der Tertianer soll aus dem großartigsten Gedicht der Welt das Griechische – rein sprachlich – für sein späteres Ab iturientenexamen lernen. Wenn nun auch das Beste gerade gut genug ist für die Erziehung unserer Jugend, so soll es doch richtig angewandt werden. Die Kunst, die Auffassung, das Erhabene soll der Jugend deutlich aus diesen Schöpfungen entgegentreten und nicht das Mechanische, wie die einzelnen Fäden zusammengewebt sind, bis das Muster herauskam.

 

Diese Erkenntnis ist für den Gewordenen und nicht für den Werdenden.

 

Für den Lernenden soll die Natur die einzige Lehrmeisterin sein, und nichts soll verdunkelnd zwischen sie und das Auge des Schülers treten.

 

Die Geschichte zeigt uns nicht viele, die durch Kopieren anderer Werke groß geworden sind.

 

Lenbach ist überhaupt vielleicht der einzige; und selbst von ihm hätten wir jedenfalls Großartigeres, Individuelleres, wenn das Schicksal ihn nicht gerade in diese Bahn hineingeworfen hätte.

 

Dabei hatte Lenbach seine Studienjahre nach der Natur begonnen und vollendet; sogar bei seinem ersten selbständigen Schaffen hatte er mit besonderer Liebe und prophetischer Vorahnung Bilder gemalt, die Motive im Freien darstellten. Es waren Sonneneffekte bei Gewitterstimmung von panoramenhafter Wirkung; aber dennoch Versuche, wie sie damals, etwa 1860 herum, noch nicht gewöhnlich waren (Bauernfamilie betend vor einer Kapelle während eines Gewitters, in der Magdeburger Gallerie; schlafender Hirtenjunge, in der Schack-Gallerie). Aber sein jahrelanges Kopieren für Schack wurde dann für sein späteres Leben einschneidend, so daß mit Recht von ihm behauptet werden kann, daß er durch dieses Kopieren in andere Bahnen gelenkt wurde.

 

Andere moderne Meister sind trotz ihres pietätvollen Studiums der Alten dennoch sie selbst geblieben, auch wenn sie hin und wieder aus eigenem Interesse Stücke alter Meister kopierten (Leibl, Liebermann, Manet). Nur daß diese in ihren Jugendwerken altmeisterliche Anklänge aufweisen, die aber vollständig sich verlieren, je älter und selbständiger sie wurden.

 

Frei von diesen Einflüssen sind einige Autodidakten. Der Grund dafür ist wohl darin zu suchen, daß diese später anfangen, reifer in ihren Absichten sind und gleich modernen Werken huldigen.

 

Beispiele dafür sind van Gogh, der zuerst Kunsthändler war, als Maler den modernen schwärzlichen Niederländern nacheiferte, aber bald in die Spuren Gauguins trat. Ferner Menzel, der mehr von den Franzosen in seinen ersten Arbeiten beeinflußt wurde als von den alten Meistern.