06 Vom Nutzen des Wissens

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6. Vom Nutzen des Wissens

 

 

Etwas künnen ist gut. Dann dardurch werd wir destmehr, vergleicht der Bildnüs Gottes, der alle Ding kann. Dorum der do untersteht, zu müßiger Zeit etwas zu lernen, Gott zu ehrn und ihm zu Nutz, der tut wohl.

   Etwas künnen ist fast gut. Dann dardurch werd wir destmehr vergleicht der Bildnüs Gottes, der alle Ding kann. Wir künnten gern viel. Dann es ist uns van Natur eingossen, daß wir geren viel weßten, dordurch zu erkennen ein rechte Wahrheit aller Ding. Aber unser blöds Gemüt kann zu solicher Vollkummenheit aller Künsten, Wahrheit und Weisheit nit kummen. Doch sind wir nit gar ausgeschlossen van aller Weißenheit. Woll wir durch Lernung unser Vernunft schärpfen und uns dos einüben, so mügen wir wohl etlich Wahrheit durch recht Weg suchen, lernen, erkennen, erlangen und darzu kummen.

   Dorum der do untersteht zu müßiger Zeit etwas zu lernen, darzu er sich am allergeschicktesten find, Gott zu ehren, ihm selbs und anderen zu Nutz, der tut wohl. Wir wissen, daß ihr viel mäncherlei Künst erfahren und ihr Wohrheit angezeigt haben, das uns itz zugutkummt. Dorum tut der auch wohl, der do ander Leut lernt und unterweist, das er gelernt hat. Dann er braucht sich des göttlichen Willens, der uns all unser Künnen mitteilet. Es ist nit bös, daß der Menschen viel lernt, wiewohl etlich grob darwider sind, die do sagen, Kunst mach hoffärtig. Sollt das sein, so wär niemand hoffärtiger dann Gott, der alle Kunst beschaffen hat. Das kann nit sein. Dann Gott ist das allerbest Gut. Dorum wer do viel lernt, der würd so viel besser und gewinnt destmehr Lieb zun Künsten. Deshalb ist es billich, daß sich der Mensch nit versäum und zu bequemer Zeit etwas leren. Man find etlich, die nichts künnen und wollen auch nichts lernen, verachten die Künst, sagen, daß etlich Künst ganz bös sind. Ich sag aber, daß all Künst gut sind, auch die, die man zu Bösem brauchen mag. Dann ist der künstlich Mensch frumm aus Natur, so meidet er das Bös und würkt das Gut. Dorzu dienen die Künst, dann sie geben zu erkennen Guts und Bös. Etlich Menschen mügen van allerlei Künsten lernen, aber das ist nit einem iden geben. Idoch ist kein vernünftig Mensch so grob, er mag etwan ein Ding lernen, darzu ihn die Lieb am höchsten trägt. Aus solchen Ursachen ist niemand entschuldigt, etwas zu lernen. Dorum wer imands unterweist und fürmacht, dovan man lernen mag, das zu gemeinem Nutz not ist und dordurch niemand zwungen würd, das Besser zu vermeiden, das ist gut, das mag man hören, sehen und vernehmen.

   Nun erkenn ich:

   Es ist not, daß wir all lernen und das getreulich unseren Nochkummen mitteilen.

 

... wiewohl etlich grob Menschen die Künst hassen, türn sagen, sie gebär Hoffart. Das kann nit sein. Dann Kunst gibt Ursach der demütigen Gutwilligkeit. Aber gewahnlich die nichts künnen, wöllen auch nichts lernen, verachten der Künst, sagen, es kumm viel Übels darvan und etlich seien ganz bös. Das kann aber nit sein. Dann Gott hat alle Kunst beschaffen, dorum müssen sie all genadenreich, voll Tugend und gut sein. Dorum halt ich all Künst für gut. Ein Schwert, das scharpf und güt ist, mag das nit zum Gericht oder Mord gebraucht werden? Ist dorum das Schwert besser oder böser? Also in den Künsten. Der Mensch van guter frummer Natur würd gebessert durch viel Künst. Dann sie geben zu erkennen das Gut aus dem Bösen. Dorum halt ich für gut, daß einer sein selbs achthab, warzu er am geschicktesten sei, daß er dasselb untersteh zu lernen.