06 Schmidt-Reute

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Schmidt-Reute

 

 

Jahrelang geistig umnachtet, ist jetzt Schmidt-Reute seinem traurigen Dasein durch den Tod entrückt. Ich war mit ihm im Jahre 1880 zusammen in der Loeffzschule, wo er trotz seiner großen Jugend von Hehrer und Mitschülern als ein sehr begabter Mensch, dem eine künstlerische Zukunft gewiß war, geschätzt wurde. Er war zu jener Zeit siebzehnjährig, ein derber Bauernbursche mit knochigen langen Gliedern und strohblondem Haar; gebürtig war er aus dem Orte Reute in Tirol an der bayerischen Grenze. Bei der alljahrlichen Konkurrenz, wo ein Thema aus den Befreiungskriegen gewählt werden sollte, gewann er einen Preis durch eine farbig wirksam gemalte Skizze. Überhaupt war ihm der malerische Sinn am meisten angeboren. Das zeigte sich auch in dem einzigen Ölbilde, das ich dann später, etwa 1890, im Glaspalast in München von ihm gesehen habe. Es stellte Rinder mit Äpfeln dar. Es war die Zeit, wo München im Zeichen der Schotten – der Schottenhammelei, wie einzelne in Selbstpersiflage die Epoche nannten – lebte, und solche Motive waren besonders bevorzugt. Er war bereits zu der Zeit mit Conrad Fehr, ebenfalls einem unserer Mitschüler, Hehrer an einer sehr besuchten Privatmalschule, und in dem Lehrfache ist wohl auch sein hauptsächlichster Wert für uns zu suchen. Er war besonders geschätzt als Hehrer im Aktzeichnen; hier hob er das Formale hervor und gewöhnte seine Schüler an eine strenge methodische Disziplin, wobei lediglich das Organische und Konstruktive unter jeder Unterdrückung kalligraphischer Virtuosität geübt wurde. Neben diesem Unterricht gab er auch anatomische Vorlesungen, was direkt bewundernswert war, da er ein Mensch ohne sogenannte höhere Schulbildung war. Dennoch verstand er seinen Zuhörern das Wesen der Anatomie gleich dem beredtesten Professor klarzumachen, und oft nahm er aus der Küche seiner Stammkneipe Kalbshaxen und andere Fleischteile mit, um daran seinen Hörern die Hage der verschiedenen Muskeln ad oculos zu demonstrie ren. Wie er für seine Freunde und Bekannten ein treuer und lieber Kamerad war, in seiner natürlichen Derbheit reich an Humor, so liebten und verehrten ihn auch seine Schüler. Hange Zeit hörte und sah ich nichts von ihm; nur wenn ich zufällig mit irgendeinem seiner Schüler bekannt wurde, hoben diese seinen künstlerischen Wert hervor und schwärmten, daß er Kartons im Atelier stehen habe, die nicht ihresgleichen auf der Welt hätten. Man konnte diesen Lobeserhebungen ein gut Teil Bewunderung des Schülers vor dem Hehrer zurechnen, jedenfalls war mir gewiß, daß er sein natürliches Talent für Farbe nicht mehr pflegte und durch sein Hehrfach in andere Bahnen gedrängt ward. Weder im Kunstverein unter den Arkaden, wo jeder Münchner Maler eine Woche lang seine Werke dem Publikum zu zeigen pflegte, noch in den großen Ausstellungen des Glaspalastes oder der Secession war je etwas von Schmidts Hand zu sehen, nur als Hehrer wurde sein Ruf so bedeutend, daß er mit Fehr zusammen an die Kunstschule in Karlsruhe berufen wurde. Hier hat er dann Jahre hindurch seine Hehrtätigkeit weiter fortgeführt, bis ihm Krankheit noch verhältnismäßig jung ein Ziel setzte.

 

Als er nun vor etwa zwei Jahren bei lebendigem Leibe für die Welt tot war, hat man zuerst in München seine nachgelassenen Werke ausgestellt und voriges Jahr auch hier am Lehrter Bahnhof. Hier sah ich nun die Kartons, die seine Schüler als unvergleichlich bezeichnet hatten. [26] Die beliebten Muskelmotive: Kain und Abel, Ringer usw. Wie er die Schüler lehrte, so zeigt sich dieselbe Art auch in diesen Arbeiten. Oft ist der nackte Mensch aus Rechtecken zusammengefügt und aufgebaut, dann wieder sind die charakteristischen Punkte im Akt mit sichtbaren senkrechten, wagrechten und schrägen Hinten verbunden. Meistens sind dann gleichmäßige Farbflachen über die Figuren gebreitet, so daß die Bilder dadurch den dekorativen Freskencharakter erhalten haben. Eine kalte Kunst, aber doch Kunst. Um so bewunderungswürdiger, als er doch das alles, was er getrost hätte zeigen können und was jede Nachbarschaft ausgehalten hätte, für sich ganz allein geschaffen hatte. Man soll nicht von einem zu Ende geführten Heben sagen: wäre das und dieses eingetreten, so wäre es bester; aber dennoch möchte ich behaupten, daß aus Schmidt Reute ein größerer Künstler geworden wäre, wenn er die Scheu vor dem Ausstellen seiner Werke überwunden hätte, denn in der Öffentlichkeit kann man an den eigenen ausgestellten Arbeiten lernen, wie man weitere Fortschritte zu machen hat. Aber auch in dieser gewollten Lebensführung ist das Göttliche unverkennbar und desto rührender, da er für sich allein rang und kämpfte. Er ist – was nicht von allen die Kunst Ausübenden gerühmt werden kann – ein wahrer Künstler gewesen.