03 Wie ich das Radieren lernte

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Wie ich das Radieren lernte

 

 

Als Maler glaubte ich nicht genügend hinter die Geheimnisse der Ölmalerei kommen zu können. Nachdem ich in der Akademie Königsbergs die Anfangsgründe für mein Wissen erworben hatte, trieb es mich dann, die berühmtesten Lehrer in der Welt aufzusuchen, welche für meinen Fall in Frage kamen; zuerst ging ich nach München und später nach Paris.

 

Von da ging ich dann, halbwegs selbständig geworden, den Weg wieder in umgekehrter Reihenfolge zurück: nach Königsberg, Berlin, München, wo ich so lange blieb, bis das Schicksal mich nach der Reichshauptstadt zurückführte, wo ich wohl voraussichtlich bis zum Ende meines Strebens zu bleiben gedenke. So lernte ich das Malen, soviel ich nur vermochte. Aber die Rüge meines Pariser Lehrers Bouguereau klang mir noch fortwährend in den Ohren: »Ce n'est pas mal, mais ce n'est pas bien dessiné.« Ich konnte nicht genügend zeichnen, und daran haperte es bei mir immer. Nach den Modellen versuchte ich ernsthaft die Formen anzustreben; auf meinen Bildern sollte jeder Fleck streng studiert sein.

 

Aber »der Menschen suchende Diogenes mit der Laterne« oder der »Leichnam Christi auf dem roten Ziegelfußboden« konnte mich immer noch nicht in bezug auf die Formen vollständig zufriedenstellen. Ich dachte nun das Ziel zu erreichen, wenn ich es mit anderen Techniken versuchen möchte. Mein Prophet Otto Eckmann, von dem ich große Stücke hielt, ermutigte mich, doch einmal mit Radieren oder in Aquarell zu probieren. Wenn es mir auch ganz vernünftig erschien, so hatte ich doch darüber eine andere Meinung: ich wollte mit dem Neuen nicht meine Kräfte vergeuden. Durch das ewige Probieren konnte leicht der Reiz der ersten Frische leiden, wenn ich dem Neuen, dem ich frisch gegenüberstand, den ersten Blütenstaub abgestreift hätte. Deshalb hielt mich immer ein Etwas ab, wegen des Studiums allein den späteren künstlerischen Erfolg mit dem Radieren aufs Spiel zu setzen.

 

Jedoch meine Bekannten, welche mir wohlwollend gegenüberstanden, rieten mir sehr eifrig, mit dem Ra dieren anzufangen. Ein Freund spendierte mir sogar eine Kupferplatte, gab mir die erste Anleitung zum Präparieren derselben, zeigte mir die Bereitung des Asphaltgrundes, das Anräuchern der Platte usw. usw. Nur mit der Nadel brauchte ich die Zeichnung einzuritzen. Und wie er es ätzte und die Platte mit Terpentin säuberte, war das Ding schon lange fertig, wo ich glaubte, daß es nun zuerst anfangen sollte, und ich hätte schnell zum Drucker laufen sollen, um den fertigen Druck zu bewundern. Der Bann war gebrochen. Und dennoch dachte ich instinktiv, es sollte eigentlich anders sein. Von nun ab übte ich mich mit Kompositionen, mit recht vielen Figuren. Mit hartem Bleistift versuchte ich die Form zu erzwingen. Tagelang, monatelang ließ ich ein Modell nach dem andern kommen und entwarf z.B. die Versuchung des hl. Antonius mit einzelnen Figuren und in Gruppen mit mehreren Modellen, wie es mir richtig schien. Auf das Geld kam es mir nun nicht mehr an. Die Arbeit reizte mich schließlich so sehr, daß ich die eklige Farbenschmiererei satt bekam und nur noch in der zeichnerischen Art weiter studieren wollte.

 

Wie Christus und Mohammed sich in die Wüste zurückzogen, sich in die Einsamkeit retteten, um ihre Lehren zu kontrollieren, so tat ich auch mit meinen Arbeiten. Als nun ein Farbenreiber in mein Atelier eintrat, um Farben zu verkaufen, beichtete ich ihm kleinlaut, daß ich nicht mehr malen wollte und deshalb auch keine Farben benötigte. Ein Blick, den er auf meinen ganz verstaubten Malkasten warf, schien ihm tatsächlich meine Absicht zu bestätigen. Mit dem eifrigen Zeichnen hatte ich es bereits zu einer umfangreichen Kollektion gebracht – die Titel waren: »Versuchung des Antonius«, »Weiber von Weinsberg«, »Marie Antoinette zum Schafott«, und viele Arbeiten schwebten mir noch vor, mit denen ich hauptsächlich durch ausgefallene Originalität der Motive dem Publikum und meinen Kollegen zu imponieren gedachte. Zu Radierungen war dank diesen zahlreichen Kompositionen leicht ein Zyklus zusammengestellt, wo ich nur nach Wunsch interessante Motive auszuwählen brauchte. Mit gewisser Vorsicht ging ich nun an die Ausführung meines Gedankens. Vor allen Dingen berechnete ich die Größe der Platten und den Preis derselben. Zufällig wollte nun der Maler Hubert van Heyden, mit dem ich zu jener Zeit befreundet war, zwei Platten verkaufen, welche gerade der Größe meiner Entwürfe entsprachen. Vor einigen Jahren hatte er ein Löwenpaar in Riesenformat radiert, und diese Platte hatte er dann, nachdem er sie ausgenutzt hatte, halbiert und abschleifen lassen. Er versprach mir auch, daß er bei dem Ätzen helfen wollte, und so ging ich denn mit frischem Mut an die Ausführung meines Radierungszyklus »Tragikomödien«. Wenn ich nun eine Komposition fertig geätzt hatte und sie drucken ließ, so ließ ich die vorige Platte abschleifen, damit ich für die andern Entwürfe wieder Platz hatte. So kam es, daß ich das ganze Werk mit nur zwei Platten beendigen konnte.

 

Wenn ich auch durch die absichtliche geringe Anzahl der Drucke für den Augenblick Geld sparte, so verlor ich doch später durch die geringe Zahl an Blättern an Verkaufschancen. Jedoch anfänglich überwogen die Kosten der Drucke erheblich den Gewinn, welchen ich im Augenblick aus den Arbeiten ziehen konnte; der Hauptreiz war doch, zu sehen, wenn das Blatt fertig aus der Druckerpresse gerollt kam. Die »Tragikomödien« sind durch diese an falscher Stelle ausgeübte Sparsamkeit eine graphische Seltenheit geworden.

 

Nur zwei Exemplare existieren, und diese variieren noch derartig, daß der Druck »Alexander und Diogenes« nur in dem einen Band (Kupferstichkabinett in Wien) existiert. Für Sammler sei das Verzeichnis dieses seltenen Werkes registriert:

 

»Tragikomödien«

 

Titelblatt. – Höllensturz. – Die Versuchung des hl. Antonius. – Joseph vor Pharao Träume deutend. – Marie Antoinette wird zum Schafott geführt. – Weiber von Weinsberg. – resp.: Diogenes bittet

 

Alexander d. Gr. aus der Sonne zu gehen. – Walpurgisnacht. – Schlußblatt.

 

Dieses ist nun das Werk, auf welches ich mir bei der Entstehung desselben einen Stiebel voll einbildete.

 

Mit der Beendigung dieser Arbeit ließ denn auch das Interesse für die graphische Kunst wieder bedeutend nach. Ich kehrte doch wieder zu meiner alten Liebe – zur Ölmalerei – in verstärktem Grade zurück. Dieser sporadische Ausflug zu den zeichnerischen Künsten hat auch deutlich Früchte getragen. Vielleicht hatte ich nun doch in etwas zeichnen gelernt. Mein nächstes Ölbild nach den »Tragikomödien« war eine »Kreuzabnahme«. Ich hatte nur Köpfe und Hände in das Bild hineinkomponiert, dem Mantegna nachgeeifert. Das erste Bild seit zwanzig Jahren, welches ich überhaupt verkaufte, und außerdem errang ich damit im Münchener Glaspalast eine »Goldene Medaille«. So belohnte sich der energische Fleiß um die edle Zeichenkunst.

 

Der Schluß, wie alles gut endete, mutet einen an wie das Ende eines sentimentalen Romans von Anno 1860.

 

Manche Radierungen habe ich noch später in München geschaffen, große Blätter, zu denen ich noch größere Platten verwandte wie zu den Tragikomödien, z.B. »Der Brudermörder Kain«. Aber doch hatte ich nicht die Begeisterung meiner ersten Periode. Ich versuchte auch die verschiedenen Arten der Radierung: vernis mou und »kalte Nadel«, Das einzige, was ich auch bis jetzt nicht versucht habe, ist »Aquatinta«. Wenn die Zeit des Jungseins darüber hinweggegangen ist, wird es schwer, neue Versuche zu wagen. Zu jener Zeit wollte ich wohl alles wissen und alles kennen lernen. Auch das Lithographieren erlernte ich. Diese Art war nur gar eine recht komplizierte. Mit den Verkaufschancen für die Graphik erging es mir genau so, wie es mir mit meinen Ölbildern vor der »Kreuzabnahme« gegangen war. Wenn »Öl« auch an Preisen in stetiger Zunahme begriffen war, so war doch die Bezahlung für meine graphischen Blätter gleich Null. Zum Trost und zur Kenntnisnahme meines Fortschritts sandte ich nun einzelne Blätter nach Berlin an meinen Freund Walter Leistikow, welcher mich aneiferte, auf dem Wege fortzufahren.

 

Dennoch stagnierte es, und meine Lust drohte vollständig für Radierung und Lithographie in die Brüche zu gehen.

 

Aber es kam durch die Übersiedlung nach Berlin anders. Ebenso wie ich in München an Otto Eckmann einen spiritus rector hatte, der mich überall stützte und hielt, wenn ich zu entgleisen drohte, so sollte es für Berlin, wohin ich Ende des Jahrhunderts übergesiedelt war, ein anderer befreundeter Künstler werden: Hermann Struck. Struck ist ein enthusiasmierter, passionierter Graphiker. Wenn er in jemand einen Sinn für Graphik wittert, so zwingt er ihn förmlich in diese Kunst. Seine rastlose Energie hat auch mich bezwungen, und er hat mein Können für die Nadel wieder erobert. Er dedizierte mir sogar einen wunderschönen Diamanten, den ich bis dahin nur vom Hörensagen kannte.

 

Die Technik des Diamanten bedingt schon durch sein Material die »kalte Nadel«. An und für sich ist diese Arbeit mit direktem Hineinradieren in die Platte bei weitem sympathischer als das unangenehme, schmutzige und komplizierte Ätzverfahren.

 

Struck half mir in freundschaftlicher Weise bei diesem unerfreulichen Ätzen und erleichterte mir alles Schwierige, wo er nur konnte. In Berlin ist eine große Druckerei, welche berufsmäßig die verschiedensten Arten der Radierung automatisch auf Bestellung ausführt. Auf Verlangen werden Radierungen von vernis mou bis zum kompliziertesten Ätzverfahren todsicher und pünktlichst ausgeführt.

 

Der richtige Graphiker muß natürlich in allen Fächern von der Pike auf gedient haben. Ich selbst habe alles genau kennen gelernt, alles habe ich durchgemacht, was zu erlernen war: die Rezepte für die Ätzwasser, denn man hatte zu München zweierlei Rezepte, welche noch von dem hochseligen alten Kupferste cher Raab herrührten und zu meiner Zeit noch von einem Akademiker auf den anderen überliefert wurden. Auch der Wachsrand wurde zurechtgeknetet. Es war sehr schwierig und langdauernd, das Wachs geschmeidig zu kneten. Das geschmeidige Wachs wurde um den Rand der Platte befestigt und darauf der Raum zwischen Platte und Plattenrand als Bassin benutzt, damit das Ätzwasser hineingegossen werden konnte.

 

Heutzutage macht man die Sache einfacher: man kauft sich Schalen, die so präpariert sind, daß das Scheidewasser dieselben nicht angreifen kann, und legt die ganze Platte in die Flüssigkeit hinein und läßt sie nach Belieben ätzen.

 

Mit dem ehrwürdigen Wachsrand, welcher seit Rembrandts Zeiten gebräuchlich war, war die Handhabung weit romantischer, aber auch viel komplizierter. Es ist überflüssig, zu sagen, daß mein Freund Hermann Struck mit allen Ätzwassern geradezu gewaschen und in allen Sätteln geschickt war. Er hat auch ein Buch geschrieben, erschienen in mehreren Auflagen bei Paul Cassirer und betitelt »Über die Kunst des Radierens«. Ein Buch für jedermann empfehlenswert und sehr lehrreich zu lesen.

 

Ich nahm auch wieder die Lithographie auf. Mir wurde es hier in Berlin leichter, weil ich an Erfahrungen viel reicher geworden war: der einfache Stein, die edelste und schönste Art für Lithographien, mußte der bequemeren Art des »Umdruckverfahrens« Platz machen.

 

Der Umdruck entsteht, wenn man eine Zeichnung auf Papier mit lithographischer Kreide verfertigt und dann auf den Stein überdruckt. Durch das notwendige mehrfache Umdrucken wird vor allen Dingen der verkehrte Druck vermieden. Es wird ebenso gedruckt, wie die Zeichnung dargestellt ist. Freilich muß auch die Art der lithographischen Kreide gekannt sein, die verschieden ist von den gebräuchlicheren Zeichenstiften.

 

Meine letzte Arbeit, welche in jetziger Zeit entstanden ist, ist eine Deckelzeichnung zu meinem Radierungszyklus »Die ersten Menschen«. Es ist die Darstellung, wie »Gott die Gestirne schuf«. Es ist überflüssig, zu sagen, daß die Zeichnung im »Umdruck« gezeichnet war. Und zuletzt in derselben Technik ein »Alphabet«. Dieser Zyklus der Buchstaben erinnert mich in bezug auf Schwierigkeiten der Konzeption an meine Qualen mit den Tragikomödien. Es sind ja doch bloß 24 Buchstaben, wird der Leser sagen. Eben dasselbe dachte auch ich! Wir haben doch als Kinder das »ABC« tausendmal heruntergerasselt. Aber vierundzwanzig Hieroglyphen von A bis Z zu entwerfen und noch mit interessanten Motiven komponiert zu verbinden, das ist, mag man mir glauben, ebenso schwierig wie das Schwierigste, was ich kenne, nämlich einen Aufsatz zu schreiben über mich selbst und meine Radierungen, wie ich ihn jetzt eben unter den Fingern habe. Jedoch neigt sich die kleine Seelenbeichte ihrem Ende zu, und das Alphabet ist bereits seit einigen Monaten fertig. Gott sei Dank!