01 Das Stilleben

Nach oben  Zurück  Weiter

Das Stilleben.

 

 

 

Außer dem menschlichen Modell sind selbstverständlich alle andern Dinge ebenfalls für das Studium nützlich und malenswert. Man muß nur ordentlich auswählen und die richtige Auffassung (bei jedem nach seiner Individualität) dafür im Kopfe haben.

 

Der Atelierwinkel mit seinem unzähligen Durcheinander ist von jeher ein Lieblingsmotiv aller Maler gewesen. Oft reizen zufällig auf den Tisch geworfene Gegenstände zum Malen: Papiere, Briefe, aufgerissen, mit gesiegelten und mit Marken beklebten Kuverts.

 

Was man so oft zufällig findet, sucht der Maler auch bildlich zusammenzustellen und nennt dann dieses Arrangement: Stilleben (nature morte).

 

Man strebt in diesen Arrangements ebenfalls das scheinbar Zufällige an; natürlich wird man meistens bedacht sein, Sachen hinzustellen, welche zueinander passen und auch auf koloristisches Zusammengehen der Farben Wert legen.

 

Grundprinzip ist hier wie in der ganzen Kunst die möglichste Einfachheit.

 

Kostüm, Hintergrund, Umgebung, Stilleben haben dieselbe künstlerische Aufgabe: das Charakterisieren des Stofflichen. Dieses liegt, wie schon so oft gesagt, in der Zeichnung, in der Form und dem Tonwert; eine Hauptsache spielt dabei natürlich die Lokalfarbe eines jeden Dinges.

 

Die Blumen, das Geschaffenste für Stilleben, sind delikat und subtil in den Formen ihrer Blüten und Blätter. Auch der Kontur stellt sich infolgedessen sehr bestimmt dar. Sind die Blumen in Massen in ein Glas gestellt oder besteht eine Blume aus Massenblüten (Flieder), so ist die Darstellung bei allen Arten dieselbe: das Ganze wird in großen Partien mit bestimmten, charakteristischen Teilformen zu behandeln sein, aber in der Peripherie werden immer Blumen, Blüten oder Teile von ihnen in ganz bestimmter Form ersichtlich sein, und dieses gibt dann neben den Lokalfarben die Ähnlichkeit wieder (dasselbe Prinzip ist später bei der Behandlung von Baumlaub).

 

Im Obst kommt neben der Lokalfarbe die Rundung in perspektivischen Licht- und Schattenformen zur Geltung.

 

Die verschiedenen Gläserarten sind in den Stilleben ebenfalls die Objekte, in welchen der Maler mit seinem Können glänzen kann. Die Wirkung des durchsichtigen und harten Stoffes ist nur durch Augenblinzeln zu zwingen. Man sieht dann nur einige bestimmte, kalte oder goldig glänzende Lichter, je nach Reflektierung oder Inhalt des Glases, ein paar Dunkelheiten und den verschwommenen Durchblick, und doch wird das Ganze bei richtiger Zeichnung als ein greifbares Glas erscheinen.

 

Nebst der Form und dem Ton sind genau die kalten und warmen Farben in Licht und Schatten zu beobachten, die Veränderung der Lokalfarben vermittels Augenblinzeln zu verfolgen. Eine besondere Aufmerksamkeit ist auf die Größe der einzelnen Objekte zu legen: wohl immer wird das Stilleben in Lebensgröße ausgeführt werden, und dabei werden leicht die einzelnen Sachen größer ausfallen, wie sie in der Natur sind. Das muß entschieden vermieden werden.

 

Ferner ist auf das perspektivische Vor und Zurück Wert zu legen. Die vorne gelegenen Gegenstände müssen demnach, weil die Distanz eine nahe ist, lieber größer entworfen werden. Das vorderst Gelegene muß deshalb Lebensgröße haben, und die zurück gelegenen Sachen müssen demnach verkleinert werden.

 

Hier füge ich einen Brief des Malers Hans von Marées an, den er an eine Schülerin gerichtet hat: »Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie dabei niemals einen Gegenstand für sich betrachten, sondern stets beobachten, wie sich derselbe zu seiner Umgebung verhält. Sei es nun in seiner Begrenzung, d.h. Form, oder auch in der Farbe. Wenn Sie sich das zur Gewohnheit machen, so werden Sie bald dahinter kommen, daß man rund malen kann, ohne zu modellieren. Unser Auge nimmt zunächst in der Natur nur verschieden begrenzte und gefärbte Flecken wahr, und nur unsere Erfahrung und unser Wissen lassen uns auch die ganzen Gegenstände erkennen. Schon die bloße naive Nachahmung dieser Flecken bringt stets eine gewisse Täuschung hervor. Davon würde ich an Ihrer Stelle ausgehen, weil Sie auf diese Weise zuerst dazu kommen, die Mittel, mit denen man nachahmt, zu beherrschen. Ganz falsch ist es, sich die Handgriffe, die Manier eines andern anzugewöhnen, weil man sich damit einen Block zwischen die Augen und die Natur, der besten Meisterin, setzt. Es versteht sich ganz von selbst, daß auf diese Weise kein erschöpfendes Bild gemalt wird, doch wollen wir heute bei diesem Punkte stehen bleiben, weil sich dann nach und nach aus diesem rohen Block etwas Feines herausmeißeln läßt.«