10 Landschaftlicher Eindruck

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X. Erläuterung des landschaftlichen Eindruckes durch das Assoziationsprinzip.

Versuchen wir uns Rechenschaft von dem Eindrucke zu geben, den der Blick in eine Landschaft auf uns macht! Es ist etwas Unsagbares darin, etwas, was sich durch keine Beschreibung erschöpfen läßt. Wie wird man sich die Natur und die Gründe des Eindruckes erklären können? Um hierbei ein Beispiel der verschiedenen Weise zu geben, wie die Ästhetik von Oben und die Ästhetik von Unten überhaupt in ihren Erklärungen vorgehen, stelle ich eine Erklärung davon nach beiden einander gegenüber, die eine, im ersten Wege, geschöpft aus einem der geschätztesten neueren Lehrbücher der Ästhetik, dem von Carriere, die andere so, wie sie sich im zweiten Wege auf Grund des im vorigen Abschnitt besprochenen Prinzips ergibt. Jenes die fernliegendste, an die höchsten idealsten Gesichtspunkte anknüpfende Erklärung, dieses die nächstliegende, an die untersten Gesichtspunkte anknüpfende Erklärung.

"Das Wesen der Natur — sagt Carriere (I. 243) — entspricht an sich der Schönheit; denn sie ist Erscheinung für den Geist, welchem sie in sinnfälligen Formen idealen Gehalt darstellt und geistige Gesetze veranschaulicht, und gerade das erfreut uns so innig, wenn in dem Äußerlichen und Materiellen ein verwandtes Seelenvolles dem Gemüt entgegenkommt. Doch ist überall zunächst das eigene Leben des Lebens Zweck, jedes Wesen ist um seiner selbst willen da und nicht deswegen geschaffen, daß seine Gestalt uns ergötze; es ist eine Gunst des Schicksals, wenn in der Totalität des Universums das Wechselverhältnis der Dinge, die Art und Weise, wie sie für einander sind, uns für unseren Standpunkt gerade so sich darstellt, daß wir auf der sich uns bietenden Oberfläche doch das innere Wesen wahrnehmen und erkennen, wie die Formen der Dinge nicht bloß den Zwecken des Alls entsprechen, sondern auch den Bedingungen und Forderungen unserer Persönlichkeit gemäß sind. Ja wir mögen ganz besonders die Güte und Herrlichkeit des Urgrundes der Welt darin preisen, wenn Stoffe, die für das Leben des Organismus, namentlich der Pflanzen, gleichgültig erscheinen oder von ihm ausgeschieden werden, als ätherische Öle oder Pigmente durch Wohlgeruch oder Farbenglanz uns erquicken" u. s. w.

Und um auch zu zeigen, wie die Betrachtung des Einzelnen in diese allgemeine Betrachtung hineintritt, so wird (S. 258) von der Pflanze als Element der Landschaft gesagt:

"Die Potenzen der unorganischen Natur finden in der Pflanze einen Mittelpunkt des Zusammentreffens, indem hier eine individuelle Idee als leibgestaltende Lebenskraft auftritt und in der stets erneuten Bildung eines Organismus sich betätigt, der durch die Wurzeln mit der Erde zusammenhängt, aber in Luft und Licht emporstrebt und mit Zweigen und Blättern nach der Seite sich ausbreitet. Die Pflanze veranschaulicht den Begriff des organischen Gestaltens, welchen wir früher für die Schönheit forderten, die Mannigfaltigkeit der Blätter und Zweige gellt aus der Einheit, hervor und wird sichtbar von ihr getragen, und die Wechselwirkung der einzelnen Gestalten schließt sich zu einem harmonischen Ganzen zusammen."

Gegen diesen Schwung der Betrachtung hat nun freilich unsere Betrachtung von Unten nichts Entsprechendes einzusetzen. Nehmen wir die folgende so simpel, wie sie sich gibt.

Dem Auge des Blindgeborenen, der nach glücklicher Operation das erste Mal ins Freie sieht, erscheint die ganze Natur nur erst als ein marmoriertes Blatt, denn er vermag noch nicht, in dem Gesehenen dessen Bedeutung mit zu sehen. Er sieht hinein in’s Weite: da sind Wiesen, Felder, Wälder, Berge, Seen; er sieht nichts von Wiesen, Feldern, Wäldern, Bergen, Seen; er sieht nur grüne, gelbe, helle, dunkle Flecke. Nur das Gefühl des weittragenden Blickes, der sinnliche oder wenig über den sinnlichen hinaufsteigende Reiz des Hellen und Dunklen, des Farbenkontrastes, der Mannigfaltigkeit, des Wechsels bestimmen den Eindruck, den er von der Landschaft hat. Aber ist das auch Alles, was wir von der Landschaft haben? Wir haben das Alles auch, es trägt bei zu dem Eindrucke, den die Landschaft auf uns macht, der Stimmung, die sie uns erweckt, sogar nicht wenig dazu bei; aber wir sehen zugleich im fernen Walde, der für das unerfahrene Auge nur ein grüner Fleck ist, etwas, was lebendig in sich treibt und wächst, was Schatten, Kühlung gibt, worin der Hase, das Reh laufen, der Jäger geht, die Vögel singen, manch’ Märchen spukt; auch wenn wir nichts wirklich davon sehen und hören. Im See, worin Jener nur einen blanken oder blauen Fleck erkennt, wissen wir, gehen die Wellen, spiegelt sich der Himmel, spielen die Fische, fahren die Schiffe u. s. w. Vorstellungen von Allem, was sonst treibt und wächst und wogt, klingen mit dabei an. Im Grunde sehen auch wir mit leiblichem Auge von Wald und See nicht mehr als der frisch operierte Blinde und das neugeborene Kind, das ist grüne und blanke oder blaue Flecke; Alles aber, was wir je von Wald und See gesehen, gehört, gelesen, erfahren, gedacht haben, wie Alles, womit sie einen Vergleichspunkt bieten, trägt zu dem Eindrucke bei, den diese Gegenstände auf uns machen, und macht ihren Anblick dadurch zu etwas unsäglich Bedeutenderem, Reicherem, Lebendigerem, für das Gefühl Vertiefterem, für die Phantasie Produktiverem, als für den, der nichts davon gesehen, gehört, gedacht hat. Und wie es mit Wald und See ist, ist es mit allen Elementen der Landschaft, Wiese, Feld, Berg, Haus. An Alles knüpfen sich Erinnerungen, Vergleichs-Vorstellungen, wodurch diese Gegenstände eine gewisse Bedeutung für uns erlangen, und auch ihre Zusammenstellung gewinnt für uns eine solche auf demselben Wege. Die Gesamtheit dieser Erinnerungen und Vorstellungen nun macht sich in Verschmelzung mit der sinnlichen Unterlage und den ihr immanenten Verhältnissen als Gesamteindruck der Landschaft geltend; jede Einzelnheit der Landschaft spielt von einer anderen Seite mit einem anderen Kreise von Erinnerungen und Vorstellungen hinein, und was so hineinspielt, kann auch wieder herausspielen.

Hiernach versteht sich leicht, worin das Unsagbare, Unerschöpfliche, Unklärbare liegt, was dem landschaftlichen Eindrucke zukommt. Wer will alte Vorstellungen verfolgen, erschöpfen, klären, die dazu beigetragen haben? Schon dem einzelnen Gegenstande kommt eine gewisse Unerschöpflichkeit in dieser Hinsicht zu; die Landschaft bietet uns so zu sagen eine Unerschöpflichkeit solcher unerschöpflichen Gegenstände dar, die mit ihren Assoziationskreisen sich ineinander unbestimmt verzweigen. Doch können wir auch hier Hauptelemente in Betracht ziehen und den Eindruck dadurch wenigstens bis zu gewissen Grenzen charakterisieren, klären und erklären, wovon unten ein Beispiel.

Nun wendet man vielleicht gegen die vorige Betrachtung ein, daß danach die, welche zwischen Berg und See gelebt, also Erfahrungen daran gemacht haben, ein reicheres Gefühl beim Anblick einer Berg- und Seelandschaft davon tragen müßten, als die, welche das erstemal dazu treten, wovon doch das Gegenteil der Fall ist. Gerade der, wer noch nie einen See, einen Berg gesehen, wird beim ersten Anblick am meisten davon ergriffen. Aber das hängt so zusammen. Jeder weiß doch schon nach früheren Erfahrungen, was ein Teich und was ein Hügel ist. Tritt er nun mit der Assoziation davon das erstemal zum unabsehbar gewordenen Teiche, zum unübersteiglich gewordenen Hügel, so ist in der Veranlassung, seinen früheren beschränkteren Assoziationskreis quantitativ auszudehnen, selbst eins der wirksamsten Anregungs- und Belebungsmittel seines Gefühles gegeben , wogegen bei dem, der immer zwischen See und Bergen lebt, dies Ferment fehlt, welches den Klumpen anknüpfbarer Vorstellungen zum mächtigen und lebendigen Gefühle aufgehen läßt. Sein Gefühl ist, kurz gesagt, abgestumpft, wie es sich auch bei Jedem nach langen Reisen durch schöne Gegenden abgestumpft findet. Dies hindert nicht, daß der, der gewohnt ist in einer schönen Gegend zu leben, um so weniger mit einer schlechten vorlieb nehmen mag. Was hier das neu hinzutretende Element der Vergrößerung über das gewohnte Maß tut, kann in andern Fällen ein andres neues Element oder eine andere Kombinationsweise derselben Elemente tun. Hätte aber der Mensch noch nichts in sich von seinem früheren Leben her, was er beim Anblick einer neuen Landschaft dehnen oder in anderer Kombination verwerten könnte, so würde jede Landschaft ihm nicht mehr gewähren können, als ein großer, mit Farben unregelmäßig gemalter Teppich, den man vor ihm ausbreitet.

Zwar etwas kann der Teppich nicht gewähren, was aber auch keine gemalte, sondern eben nur eine wirkliche Landschaft gewähren kann. Vielleicht fiel es auf, wenn ich unter den Umständen, welche beim direkten Eindruck der Landschaft in Rücksicht kommen, das Gefühl des ins Weite gerichteten Blickes erwähnenswert hielt. In der Tat aber liegt, gegenüber der Anstrengung des Auges beim Nahesehen, in der Weite des Blickes eine Art sinnlicher Erholung oder Erquickung des Auges, die sich, unterstützt durch den sanften Eindruck der Farbe, am stärksten beim Blick in einen klaren Himmel hinein geltend macht, doch auch bei irdischer Fernsicht nicht fehlt, übrigens für schwache, leicht angestrengte, Augen wie das meinige erheblicher sein mag, als für kräftige. So wenig sie nun für sich in ästhetischer Hinsicht bedeuten mag, kommt sie doch nach dem ästhetischen Hilfsprinzipe der Totalwirkung der wirklichen Landschaft gegenüber dem Teppich, wie der gemalten Landschaft, die so zu sagen ein Brett vor unserem Kopfe ist, gewiß mehr zu Statten, als man nach der Wirkung für sich schließen möchte. Wollen wir doch überhaupt nicht Alles auf Assoziation schreiben. Es schlägt aber auch die direkte Wirkung hierbei ganz unmittelbar in eine assoziative aus, indem sich mit der Weite des Blickes in die Landschaft die Vorstellung der Größe der darin enthaltenen fernen Gegenstände assoziiert, woran viel hängt. Nur auf einem großen See kann man wirklich schiffen; nur ein großer Berg erforderte viel tellurische Kraft gehoben zu werden, und erfordert viel menschliche Kraft bestiegen zu werden. Bei der kleinen gemalten Landschaft können sich solche Assoziationen nur abgeschwächt geltend machen; sie schrumpfen so zu sagen mit der Verkleinerung des Bildes ein; denn obwohl der kleine gemalte See und Berg an den großen erinnert und ohne diese Erinnerung seinen Eindruck ganz einbüßen würde, so widerspricht doch das direkte Anschauungsgefühl der Voraussetzung der Größe. Denn das Bild des fernen Sees und Berges im Auge mag zwar nicht größer sein, als das der gemalten Landschaft in unmittelbarer Nähe vor uns , aber wir müssen das Auge dort auf das Weitsehen, hier auf das Nahesehen einrichten; und damit assoziiert sich der Eindruck, daß jene größer als diese; daher das treueste Landschaftsgemälde die Begierde, die wirkliche Landschaft zu sehen, in gewisser Hinsicht fast mehr steigert, als durch künstlichen Ersatz befriedigt, wie das Entsprechende bei kleinen Modellen großer Bauwerke der Fall ist. Was nicht ausschließt, daß eine gemalte Landschaft es einer wirklichen nach anderen Beziehungen zuvor tue. Der Künstler kann nämlich die Assoziationen günstiger komponieren, als es die Natur selbst zu tun pflegt, indem er die Anknüpfungspunkte der Assoziationen demgemäß komponiert; doch das verfolgen wir hier nicht weiter.

Da wir nicht auf alle Elemente der Landschaft im Besondern eingehen können, suchen wir uns einmal Rechenschaft von dem Eindrucke eines Hauptelements zu geben, das man ohne Rücksicht auf das Assoziationsprinzip gar nicht für ein landschaftliches Element halten sollte, indes sich nach demselben seine wichtige landschaftliche Bedeutung leicht erklärt.

Es wird wohl jedem schon aufgefallen sein welchen Reiz eine sonst unbedeutend scheinende Landschaft durch menschliche Bauwerke gewinnen kann. Viele Aussichten von kleinen Bergen verdanken ihren Reiz wesentlich nur dem Hinblicke über eine Ortschaft im Vorgrunde einer sonst ziemlich leeren Gegend; anderen Aussichten gibt ein Schloss oder eine Ruine auf einer Höhe die reizvolle Pointe; andere werden durch hier und da zerstreute Landhäuser oder Bauernhäuser anmutig; mancher grüne Talgrund schuldet sein landschaftliches Interesse bloß der darin nistenden Mühle mit dem morschen Stege, der dazu über das Wasser führt. Das Menschenwerk aus solchen Örtlichkeiten wegdenken, heißt oft, von der reizenden Landschaft nur gleichgültiges Land übrig lassen.

Nun erscheinen die Bauwerke an sich der Natur so fremd nach Ursprung, Farbe, Form und Fügung, daß man eher glauben könnte, sie müßten störend in dem Eindrucke der Landschaft wirken. Von Menschenhänden gemacht, zu äußeren Zwecken bestimmt, treten sie mit geradliniger, scharf rechtwinkliger Begrenzung aus dem freien Formenspiel der schaffenden Naturkraft heraus, und setzen ihre weißen Wände, roten Dächer dem Grün und den fahlen Erd- und Felsfarben gegenüber. Nun kann zwar durch Mannigfaltigkeit, der Reiz einer Sache erhöht werden; aber doch nicht durch prinziplos zusammengewürfelte Mannigfaltigkeit, die vielmehr sonst nur den Eindruck mißfälliger Unordnung, Zersplitterung, Zerstreuung gibt; warum nicht auch hier? Ein der anschaulichen Mannigfaltigkeit immanentes Prinzip, wie solches rücksichtslos auf Bedeutung die Symmetrie wohlgefälliger als die Asymmetrie macht, ist jedenfalls in der Zusammenstellung der menschlichen Bauwerke mit der Natur nicht zu finden. Und wenn Manche viel auf einen Rhythmus als Hauptbedingung der Schönheit geben, so unterbricht ein Bauwerk vielmehr den Rhythmus, welcher der sich frei gestaltenden Natur eigen ist, als daß es sich darein fügte. Was also bleibt endlich zur Erklärung des Reizes, den Bauwerke der Landschaft zufügen, noch übrig?

Nur die Bedeutung bleibt übrig, welche wir an die menschlichen Bauwerke knüpfen. Die menschlichen Bauwerke sind Erzeugnisse, Mittelpunkte, Ansatzpunkte menschlicher Tätigkeit, Wohnplätze menschlicher Leiden und Freuden. Die Erinnerung daran webt sich in die Assoziationen, welche die Naturumgebung ihrerseits hervorruft, ein und steigert mächtig die Bedeutung ihres Gehaltes. Ständen nun freilich Natur und menschliches Leben und Treiben einander unvermittelt gegenüber, so könnte auch der Eindruck von beiden nur zusammenhangslos bleiben oder sich wechselseitig stören. Hiergegen finden wir das menschliche Leben und Treiben durch die Bauwerke selbst eingewachsen in die Natur, und von da aus wieder in die Natur ausstrahlend, hierdurch aber die einheitliche Verknüpfung, deren der Eindruck der Formen an sich selbst entbehrt, vielseitigst vermittelt. Jede andere Art von Bauwerken, jede andere Weise, wie sie sich gesellig verbinden oder in Freiheit zerstreuen, spielt mit andersartigen Vorstellungen vom Leben und Treiben der Bewohner in den Eindruck der Landschaft hinein, und eine Kleinigkeit am Hause kann der Träger einer, mit ihrem anschaulichen Effekte in keinem Verhältnisse stehenden, Wirkung sein. So kann der Rauch, der über das Dach eines Häuschens aufsteigt, ein Lichtchen, das aus einem Fenster blinkt, der Landschaft einen nicht unerheblichen Reiz zufügen, nicht als graue Säule, nicht als roter Punkt, sondern als Angriffspunkt für die Erinnerung an den wärmenden Ofen, an das Küchenfeuer mit seinen Folgen, an die abendliche Eingezogenheit im Hause; und das Alles schwebt nicht lose in der Luft, sondern ist mit dem ganzen Hause eingewebt in die Landschaft, trägt zu dem geistigen Colorit, was über ihrem sinnlichen lagert, bei.

Nun darf man nicht sagen, obwohl man es zu mir gesagt hat: alles das, was die Assoziation hier der Anschauung des Bauwerkes in der Natur zufügt, ließe sich auch ohne diese Anschauung durch bloße Vorführung in der Vorstellung haben; doch würde man damit den landschaftlichen Eindruck des Bauwerkes in der Natur nicht haben; also kann er nicht auf solchen Assoziationen ruhen. — Aber was man sich einzeln, nach einander, unvollständig, mit der Mühe der Überlegung, ohne wesentlich verknüpfendes Band vorführen möchte, wird uns mit einem Schlage in einem Gesamteindrucke durch die Anschauung des Bauwerkes in der Natur, als wie ein Bestandteil dieser Anschauung selbst, geschenkt. Das ist doch etwas sehr Anderes, als jene Vorführung, und daran kann auch ein sehr anderer Eindruck hängen.

Ich will hierzu eines kleinen Beispiels eigener Erfahrung gedenken, wo mir das Alles recht lebhaft entgegentrat.

In der Ferienzeit 1865 brachte ich mit meiner Frau einige Wochen in einem Försterhause, eine Viertelstunde von Lauterberg im Harze, zu. Unserer Wohnung gegenüber war ein grüner Abhang, den wir oft erstiegen, und von wo wir die Aussicht über eine weite waldige Berglandschaft von wenig entwickelten Formen hatten. Außer dem Försterhause und einem Nachbarhause im Vordergrunde waren nirgends menschliche Wohnungen zu sehen; nur in der Ferne ragte aus der Monotonie des an den Bergen lehnansteigenden grünen Waldes ein einziges rotes Dach hervor. Dieses aber brachte einen ganz eigenen Reiz in die sonst einfachen Stimmungsverhältnisse der Aussicht. Es war eben die Pointe der ganzen Landschaft. Und ich sagte mir: wie, wenn man ein ganz eben solches rotes Fleckchen auf eine grüne Wand machte, würde es auch eben so idyllisch, sentimental, romantisch, märchenhaft aussehen, wie das rote Dach in der Wald-Landschaft? Gewiß nicht. Aber könnte mir das rote Fleckchen auf der grünen Wand auch wohl ebenso das Leben und Weben des Menschen mit seinen Leiden und Freuden in einer einsamen Waldnatur auf einmal vergegenwärtigen, wie das rote Dach im Walde?

Als ich freilich dieses Beispieles gegen jemand gedachte, der, in der Schule der neueren Ästhetik erzogen, die Einführung der neuen Gottheit in sie, wofür er das Assoziationsprinzip hielt, nicht dulden wollte, mußte ich folgenden Einwurf ganz in Kants Sinne hören:

All’ das, sagte er, was die Erinnerung zum Eindrucke des roten Daches und grünen Waldes hinzubrachte, was sich von Nebenvorstellungen anknüpfte, gehört gar nicht zum Wesen des ästhetischen, des wahrhaft landschaftlichen Eindruckes, und wäre erst abzusondern, um ihn rein zu haben. Denn der reine landschaftliche Eindruck, um dessen Hervorrufung es insbesondere dem Künstler zu tun ist, ruht doch nur in den eigenen so zu sagen musikalischen Verhältnissen der Form und Farbe, die durch das Auge direkt in uns eingehen, und womit wir das wirklich Sichtbare, wie das Dach zum Hause, die grüne Waldfläche zum Walde in der Vorstellung ergänzen. Nur was Haus und Wald nach ihrem eigenen sichtbaren Wesen sind und wie sie damit in die übrigen Verhältnisse der Sichtbarkeit eingreifen, kommt für ihren landschaftlichen Eindruck in Betracht.

Aber diesem Einwürfe liegt die Täuschung zu Grunde, daß Haus und Wald ihrem ganzen eigenen sichtbaren Wesen nach erheblich mehr als bedeutungslose und bedeutungslos in die Verhältnisse der Sichtbarkeit eingreifende, mit Farben ausgefüllte Lineamente sind. Erst die Brauchbarkeit des Hauses zum Wohnen, erst das Vermögen des Baumes zum Wachsen, und was an Beidem hängt, bringt Inhalt, Leben, Tiefe in den Eindruck dessen, was wir davon sehen. Ja wie kann von einem romantischen, idyllischen, historischen Charakter der Landschaft überhaupt noch die Rede sein, wenn nicht das, was die Verhältnisse der Sichtbarkeit für das ganze Leben des Menschen bedeuten, ihnen erst die höhere malerische Bedeutung über den immerhin anzuerkennenden gegensätzlichen, harmonischen und rhythmischen Verhältnissen der Farben und Formen verliehe. So weit diese in Betracht kommen, gewinnen sie selbst erst durch Aufnahme in jene höheren Beziehungen höhere landschaftliche Bedeutung, und sind dann freilich nach dem Hilfsprinzipe als Träger des Höheren auch mit höherem Werte als für sich zu veranschlagen. Doch halten wir den Streit mit diesem Einwurf jetzt abgetan, da es gegen den Eigensinn, mit dem er hier und da festgehalten wird, keine Gründe gibt; um unsere Betrachtung noch etwas weiter fortzuführen.

Es kann vorkommen, obwohl der Fall nicht häufig ist, daß ein Bauwerk, statt den Reiz einer Landschaft zu erhöhen, mißfällig in den Eindruck derselben hineintritt; sei es, daß die assoziativen Forderungen des Bauwerkes denen seiner Umgebung widersprechen, beider Charakter hiermit nicht zu einander stimmt, oder daß das Gebäude selbst durch seine Bestimmung unlustvolle Assoziationen erweckt. Den ersten Fall würden wir haben, wenn wir einen griechischen Tempel in einer nordischen Eislandschaft oder eine schwäbische Bauernhütte unter Palmen erblicken sollten. Inzwischen entstehen solche Baulichkeilen eben nicht oder nur ganz ausnahmsweise an solchen Orten; vielmehr erscheinen die Bauwerke fast immer nicht bloß am Boden angewachsen, sondern daraus hervorgewachsen. Jede Wohnung sucht sich so zu sagen die passende Umgebung und jede Umgebung die passende Wohnung, was nicht hindert, daß dieselbe Hütte eine eben so passende Stelle am Fuße als auf dem Gipfel des Berges finde, und zu demselben Platze im Walde ein Jagdhaus und eine Waldschenke passen kann; es gibt, in dieser Hinsicht eine gewisse Breite, die nur nicht überschritten werden darf, um nicht nach dem (Abschn. IX) angegebenen Prinzipe den mißfälligen Eindruck des Nichtzusammenpassens zu begründen. Doch gibt es wirklich Fälle, wo das Gebäude uns so zu sagen losgelöst aus der Umgebung und nur wie hineingesetzt in dieselbe erscheint; das spüren wir aber auch gleich am ästhetischen Eindrucke. So namentlich, wo das Gebäude kunstmäßig in architektonischer Vollendung ohne Rücksicht auf Anschluß an die Umgehung oder mit der Bestimmung zu Zwecken, die mit der Umgebung nichts zu schaffen haben, hineingesetzt ist. Wie denn nicht leicht ein schmuckvoller Palast oder ein Fabrikgebäude mit Vorteil in eine Landschaft eintritt. Der Palast will über eine Umgebung von Gärten oder Häusern, aber nicht über eine ungebundene Naturumgebung herrschen, und das Fabrikgebäude vereinigt Arbeiter und Arbeiten, die wir uns durch keine Faden des Interesses oder Wirkens mit der umgebenden Natur verknüpft denken. Hingegen nichts landschaftlicher, als das Schloss auf einem Felsen, was ohne Rücksicht auf Symmetrie und goldnen Schnitt allen Vorsprüngen des Felsens nachläuft, als die Mühle, deren Getriebe unmittelbar in das lebendig rauschende Wasser eingreift, als das Dorf, dessen Häuser straßenlos an einem Bergabhange heraufklettern oder sich zwischen Obstgärten zerstreuen, u. s. w.

Das Fabrikgebäude verwirklicht in gewissem Grade zugleich den zweiten Fall, daß das Gebäude durch eigene unlustvolle Assoziationen den landschaftlichen Eindruck stört, indem wir dabei unwillkürlich an alle Plage der Arbeit und alles Elend des Proletariats denken. Am schlimmsten aber steht es in dieser Hinsicht mit Irrenhäusern und Zuchthäusern. Viele alte Schlösser und Klöster auf Hügeln und Bergen sind jetzt dazu eingerichtet; so wie wir es von einem solchen Bauwerk erfahren, ist es, als ob der Reiz, den es der Landschaft verlieh, mit kaltem Wasser ausgelöscht würde. Leidet doch auch der Eindruck der Eisenbahngebäude außerhalb der Landschaft einigermaßen von da her. Man darf wohl sagen, daß solche jetzt zu den bedeutendsten Leistungen in der Baukunst gehören. Welch’ großartige, charakteristische, in den reinsten Formen architektonischen Ebenmaßes gehaltene Werke dieser Art sieht man nicht nur an einem, sondern an vielen Orten. Dazu können sie die vollendetste Zweckmäßigkeit zeigen, und wer kennt nicht die große Rolle, welche die Zweckmäßigkeit, im Grunde auch nur durch Assoziation, in der Ästhetik der Baukunst spielt. Doch mangelt dem Eindrucke dieser Gebäude immer etwas an der vollen Befriedigung und letzten Höhe; doch gewähren sie nie den erfreuenden Eindruck eines Palastes oder erhebenden eines Tempels. Warum? Weil wir in ihnen den Schauplatz eines Trubels und geschäftsmäßigen Treibens sehen, das uns mißfällt.

Was aber, kann man fragen, bedingt nach alle dem den großen Reiz, den die Ruine eines alten Schlosses, einer alten Burg, einer alten Kirche — denn die Ruine einer Hütte oder der Ruin eines neugebauten Hauses tut’s nicht. — einer Landschaftzu erteilen vermag? Erinnert sie nicht an Zerstörung, Verfall von etwas Reichen, Kühnen, Grossen, Heiligen? und sind das nicht mißfällige Erinnerungen? Doch können es nur Erinnerungen, mithin Assoziationen, sein, die diesen Reiz zuwege bringen; denn jeder wird zugeben, daß er nicht am direkten Eindrucke der Form, und Farbe der Ruine hängen kann. Ja, nichts ist geeigneter, die Macht des assoziativen Faktors im landschaftlichen Eindrucke zu beweisen, als die Kraft, mit der eine graue formlose Ruine wirkt, die sich kaum vom zerklüfteten Felsen darunter abhebt.

Sicher nun, wenn die Ruine unseren eigenen Ruin bedeutete, so würde uns ihr Anblick nicht behagen, und selbst der Gedanke an einen Ruin, der uns selbst nichts angeht, könnte an sich durch seinen Unlustgehalt nur mißbehagen; aber es gibt unzählige Eindrücke, worin Unlustmomente durch Lustmomente, mit denen sie zusammenhängen, überwogen werden, also werden wir auch beim Eindrucke der Ruine nur zu suchen haben, wodurch, und wenn uns ähnliche Fälle begegnen, desgleichen zu tun haben.

Die Ruine einer allen Burg führt uns von der Vorstellung ihres Verfalles leicht in die romantisch reizenden Vorstellungen des alten Rittertums zurück, und nicht nur, daß wir an sich lieber bei solchen Vorstellungen als denen des Verfalles verweilen, weil sie eben reizender sind, so sagt uns eine lebhafte rezeptive Erregung und Beschäftigung, die uns aus dem Kreise dessen, wogegen wir durch Gewohnheit abgestumpft sind, herausführt, überhaupt zu, wonach wir sogar nicht ungern von Schrecknissen hören, wenn sie uns nur selbst nicht betreffen. Laufen doch die Leute selbst nach der Brandstätte eines gewöhnlichen Hauses gern, um die Lust dieser Erregung zu genießen; ist sie aber mit dem Reize der Neuheit vorüber, so gewinnt das Unlustmoment des Gedankens an Zerstörung das Übergewicht, und wir möchten die Brandstätte durch ein neues Haus ersetzt sehen, um das wir uns dann aber auch nicht kümmern. Denn die Geschichte des verbrannten gemeinen Hauses hat keinen Anreiz uns hinein zu versenken, und das neue Haus hat überhaupt noch keine Geschichte, in die wir uns versenken könnten. Anders die Ruine von etwas Großen, Reichen Kühnen, Starken. Auch wenn wir von ihrer wirklichen Geschichte nichts wissen, knüpft sich doch eine solche durch Assoziation nach dem was wir im Allgemeinen von der Vergangenheit solcher Ruinen wissen an und kann durch die Phantasie endlos ausgebeutet werden. So führt die Ruine der alten Burg als Brennpunkt von Erinnerungen fremdartigen, mächtigen, wechselvollen Charakters ein starkes Moment des Interesse’s in eine sonst schläfrige Landschaft ein und ruft einen elegischen Wechsel lustvoller und unlustvoller Assoziationen mit Lustübergewicht im Ganzen hervor, wie eine Feder nach jedem momentanen Druck um so höher wieder aufschnellt.

Vollends einleuchtend wird das erscheinen, wenn wir jetzt das Zuchthaus an der Stelle der Ruine uns vergegenwärtigen. Das Zuchthaus führt nur einen sehr beschränkten Assoziationskreis und diesen aus lauter rein und intensiv unlustvollen Vorstellungen mit. Da sehen wir statt der langen wechselvollen Geschichte eines stolzen Lebens reicher und kühner Geschlechter, die sich von der Ruine eines Schlosses, einer Burg rückwärts ausspinnt, die zusammengepferchten Zuchthäusler mit dem lasterhaften Leben im Hintergrunde und der jetzigen traurigen Existenz, kurz das Schlimmste von dem, was uns im Leben peinlich berührt, hier konzentriert. Mag nun das Zuchthaus noch so schön und neu gebaut sein; der schlimme assoziative Eindruck wird den wohlgefälligen direkten überwiegen, mindestens erschrecklich stören, wogegen der direkt mißfällige Eindruck der Ruine gegen die assoziative Wohlgefälligkeit derselben nicht aufkommen kann.

Ruinen auf Bergen wirken kräftiger als in der Ebene, teils weil die Aufmerksamkeit sich für die Höhen in der Landschaft von selbst zuspitzt, teils weil der Eindruck einstiger Beherrschung der Umgebung durch das Gebäude sich damit verstärkt.

Zum Teil unter denselben Gesichtspunkt als menschliche Bauwerke fällt die Staffage der Landschaft durch menschliche Figuren. Nur ist der Mensch nicht eben so festgewachsen in der Landschaft und erscheint insofern als ein mehr zufälliger, den Eindruck derselben nicht eben so wesentlich mitbestimmender, Bestandteil derselben, es sei denn, daß er durch sein Geschäft selbst mit der Natur verwachsen wäre; wie der Hirt auf der Alp, der Fischer am Meere. Dies sind wirklich landschaftliche Elemente; nicht alle Figuren aber, die man in gemalten Landschaften sieht, sind es.

Wohl gibt es auch Landschaften, die ohne alle Baulichkeiten, ja ohne die Spur menschlichen Daseins und Wirkens überhaupt, doch einen starken Eindruck auf das Gemüt machen, als z. B. eine großartige einsame Gebirgsgegend, oder eine Walddurchsicht im Sonnenschein, oder Felsen am Meer, woran die Wogen branden. Der Anblick des Menschen und seiner Werke ist doch nicht das Einzige, was menschliche Gefühle assoziationsweise anregen kann, und tragisch kann der Mensch sogar durch das Vermissen des Menschlichen, was doch auch wieder eine assoziative Erinnerung daran voraussetzt, angeregt werden. Aber der Anblick des Menschen, seiner Werke, seiner Spuren ist jedenfalls das ausgiebigste und wirksamste Mittel, im Gebiete der Sichtbarkeit ästhetisch bedeutsame Gefühlezu wecken, und der Landschaftsmaler wird selten ganz ohne Zuziehung desselben auszukommen wissen; wo es aber der Fall ist, fast immer ein Surrogat des Menschlichen im Tierleben, was die nächste Assoziationsbrücke dazu schlägt, suchen.

So fehlt der einsamen Walddurchsicht doch nicht leicht das Wild, der Klippe mit der Brandung nicht leicht die flatternde Möwe, oder der daran ruhende Seehund. Man nehme aus einer der schönsten Landschaften von Lessing, einem See an einer Felsenwand, die Kraniche oder Reiher, die daran stehen, und hat ein Hauptmoment derselben gestrichen.

Hierbei mag eines, wenn ich mich recht erinnere, von A. v. Humboldt getanen Ausspruches gedacht werden: daß sich für den Landschaftsmaler brauchbare Motive eigentlich nur in kultivierten Ländern finden; was auffallen kann, wenn man an die Üppigkeit der Natur in so vielen Gegenden denkt, wo der Fuß des Menschen noch keine Stätte gefunden, die Kultur des Bodens noch nicht Platz gegriffen hat. In der Tat aber ordnen sich unter dem Kultureinflusse des Menschen die Elemente der Natur in einer neuen Weise; und wo nichts an diesen ordnenden Einfluß erinnert, bleibt der Eindruck der Landschaft leicht ein roher, künstlerisch nicht verwertbarer.