08 Prinzip der Klarheit

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VIII. Prinzip der Klarheit. Zusammenfassung der drei obersten Formalprinzipe.

Werfen wir einen Blick zurück auf die beiden vorigen Prinzipe, das der einheitlichen Verknüpfung der Mannigfaltigkeit und das der Einstimmigkeit oder Wahrheit, so ruhte jenes darin, daß Vorstellungen, die von gewisser Seite (zeitlich, räumlich, begrifflich) verschieden sind, von anderer Seite in etwas Gemeinsamen zusammentreffen müssen, um im Sinne der Lust zu sein; dieses darin, daß von verschiedenen Seiten her erweckte Vorstellungen von etwas voraussetzlich Identischem auch wirklich identisch zusammentreffen müssen, um im Sinne der Lust zu sein. Beide Prinzipe fasse ich mit dem, hier vielmehr nur kurz zu erwähnenden, als eingehend zu besprechenden Prinzipe, dem der Klarheit, unter der Bezeichnung der drei obersten Formalprinzipe zusammen.

Dieses dritte Prinzip kreuzt sich mit den zwei andern, indem das Gefallen aus dem Gesichtspunkte desselben daran hängt, daß das Gleiche und Ungleiche, Einstimmige und Widersprechende in einem Vorstellungskomplex als solches so weit besonders über die Schwelle ins Bewußtsein treten, um eine ästhetische Wirkung jener Prinzipe nach der einen oder anderen Seite möglich zu machen; wobei es aber vorkommen kann, daß wir Freude an der Klarheit einer Betrachtung finden, wodurch uns die Mißfälligkeit derselben aus den beiden anderen Prinzipien spürbar wird. Denn diese Formalprinzipe können eben so gut unter einander wie mit den sachlichen auf die Beschaffenheit des Inhaltes bezüglichen Prinzipien in Konflikt treten.

Indem sich die Philosophie die höchsten wissenschaftlichen Aufgaben stellt, sucht sie auch den Forderungen der drei obersten Formalprinzipe in Eins zu genügen, und das philosophische Streben findet hiernach nicht eher Genüge, als bis nicht nur das gesamte Erkenntnisgebiet widerspruchslos in sich besteht, sondern auch durch allgemeinere Gesichtspunkte, wo möglich einen allgemeinsten Gesichtspunkt einheitlich verknüpft und seine Auseinandersetzung nach beiden Seiten zu voller Klarheit gediehen ist. Auch würde die formale Freude am Betreiben der Philosophie nicht nur die höchste — sofern wir die Höhe der Freude nach der Höhe des Gebietes ihrer Äußerung beurteilen, — sondern zugleich die größte sein, wenn nicht nach Maßgabe, als die Gesichtspunkte höher aufsteigen oder die höheren Gesichtspunkte ins Einzelne durchgeführt werden, teils die Sicherheit, teils Faßlichkeit, teils Klarheit zu leiden pflegte.

Die Kunst stellt sich keine gleich allgemeinen Aufgaben als die Philosophie, sofern die Betrachtung ihrer Prinzipe ja selbst zu den Aufgaben der Philosophie gehört; hat aber im Bereiche der Vorstellungen, welche sie durch ihre Mittel erweckt, den drei Formalprinzipen nicht minder gerecht zu werden, als die Philosophie und jede Wissenschaft überhaupt.