04 Die Gemälde

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Walther war eben vom Tisch aufgestanden, als Erich eilig zu ihm in den Gemäldesaal trat. »Was ist dir, mein Freund?« rief der Rat aus; »hast du Geister gesehn?«   »Wie du es nimmst«, erwiderte Erich; »mache dich auf eine außerordentliche Nachricht gefaßt.«   »Nun?«   »Was gäbest du wohl, was thätest du wohl dafür, wenn alle die verlorenen Malereien deines seligen Freundes, jene unschätzbaren Kostbarkeiten wieder da wären und dein werden könnten?«

»Himmel!« rief der Rat aus und verfärbte sich, »ich habe keinen Atem. Was sagst du?«   »Sie sind da«, rief jener, »und können dein Eigentum werden.«   »Ich habe kein Vermögen, sie zu kaufen«, sagte der Rat; »aber alles, alles würde ich geben, sie zu erhalten, meine Galerie und Vermögen, aber ich bin zu arm dazu.«   »Wenn man sie dir nun überlassen wollte«, sagte Erich, »und der Eigentümer forderte bloß die Gunst dafür, dein Schwiegersohn zu werden?«

Ohne Antwort rannte der Alte hinaus und zur Tochter hinüber. Im Streit mit dieser kam er zurück. »Du mußt mein Glück machen, geliebtes Kind«, rief er aus, indem er mit ihr hereintrat; »von dir hängt nun die Seligkeit meines Lebens ab.« Die erschrockene Tochter wollte immer noch widersprechen, aber auf einen heimlichen Wink Erichs, den sie zu verstehen glaubte, schien sie endlich nachzugeben. Sie ging fort, sich umzukleiden; denn bei Erich warteten, wie dieser erklärte, die Bilder und der Freiwerber auf sie. Unter welchen sonderbaren Gedanken und Erwartungen suchte sie ihren besten Schmuck hervor; konnte sie sich in Erich nicht irren? Hatte er denn auch sie verstanden? Hatte sie ihn richtig gedeutet? Walther war ungeduldig und zählte die Augenblicke; endlich kam Sophie zurück.

In Erichs Hause waren alle jene Gemälde im besten Lichte aufgehangen, und es wäre vergeblich, des Vaters Erstaunen, Freude und Entzücken beschreiben zu wollen. Die Bilder waren, so behauptete er, bei weitem schöner, als er sie in seiner Erinnerung gesehen hatte. »Du sagst, der Liebhaber meiner Tochter sei jung, wohlerzogen, von gutem Stande, du gibst mir dein Wort darauf, daß er ein ordentlicher Mann sein wird und niemals nach meinem Tode diese Bilder wieder veräußern? Wenn dies alles so ist, so braucht er kein anderes Vermögen zu besitzen als diese Bilder, denn er ist überreich. Aber wo ist er?«

Eine Seitenthüre öffnete sich, und Eduard trat ungefähr so gekleidet herein, wie der ihm ähnliche Schäfer auf dem alten Gemälde von Quintin Messys stand.   »Dieser?« schrie Walther; »woher haben Sie die Gemälde?« Als ihm Eduard den sonderbaren Vorfall erzählt hatte, nahm der Alte die Hand der Tochter und legte sie in die des Jünglings, indem er sagte: »Sophie wagt viel, aber sie thut es aus Liebe zu ihrem Vater; ich denke, mein Sohn, du wirst nun klug und gut geworden sein. Doch, eine Bedingung: Ihr wohnt bei mir, und Eulenböck kommt nie über meine Schwelle, auch siehst du ihn mit keinem Auge wieder.«   »Gewiß nicht«, antwortete Eduard; »überdies reiset er mit dem fremden Prinzen von hier fort.«

Man ging nach dem Hause des Vaters. Dieser führte den Jüngling in seine Bibliothek. »Hier, junger Mensch«, sagte er, »findest du auch deine Seltenheiten wieder, die dein lustiger Bibliothekar mir für ein Spottgeld verkauft hat. Du wirst diese Schätze deines Vaters künftig heiliger halten.«

Die Liebenden waren glücklich. Als sie allein waren, schloß Sophie den Jüngling herzlich in die Arme. »Ich liebe dich innigst, mein Freund«, flüsterte sie ihm zu, »aber ich mußte neulich dem Eigensinne meines Vaters nachgeben und mich damals und heute stellen, als gehorchte ich ihm unbedingt, um erst nicht alle Hoffnung aufzugeben und heute ohne Widerspruch dein zu sein; denn hätte er meine Liebe gemerkt, so hätte er nimmermehr so schnell eingewilligt.«

Nach wenigen Wochen waren sie vermählt. Es ward dem Jüngling nun nicht schwer, ein ordentlicher und glücklicher Mann zu werden; an seine wilde Jugend dachte er im Arme seiner Frau und im Kreise seiner Kinder nur wie an einen schweren Traum zurück. Eulenböck hatte mit dem Prinzen die Stadt verlassen und mit ihm zugleich der sogenannte Bibliothekar, der jene Stelle als Sekretär beim Prinzen erhielt, um welche Eduard sich bemüht hatte, und nach einigen Jahren die lockre Schöne heiratete, die unserm jungen Freunde einen so übeln Ruf in seiner Vaterstadt verursachte und fast die Veranlassung seines Unglücks geworden war.