08 Bildende Künste

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08 Bildende Künste

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5. Zu den bildenden Künsten

(1820.)

Wie es mit physiognomischen Urteilen beschaffen sei, zeigt unter andern auch der kolossale Kopf eines Imperators in den Studj zu Neapel, den man gegenwärtig für einen Titus hält, und in dessen Zügen der Galeriekatalog alle Güte und Leutseligkeit sieht, die jenen Kaiser auszeichneten, indes ihn noch Stolberg im dritten Teil seiner Reise als einen Vitellius ausschilt und das Kainszeichen auf seiner Stirne unverkennbar eingebrannt findet.

(1821.)

Sollte das sogenannte griechische Profil (mit gleichlaufender Stirne und Nasenwurzel) nicht in der Plastik dadurch entstanden sein, daß, weil Statuen meistens von untenauf angesehen werden, jeder Einbug der Nasenwurzel in dieser Ansicht teils an dem Orte des Bugs einen widerlichen Schatten gegeben, teils die gebogene Nase selbst sich unangenehm verkürzt (skorziert) hätte.

(1859.)

Ein Beweis dafür, daß der besten Zeit der griechischen Plastik alles Malerische fremd war, ist wohl, daß bei allen Statuen dieser Periode der Augapfel nirgends angedeutet ist, zum Zeugnis, daß ihre Kunst nur die reine Oberfläche mit ihren Erhöhungen und Vertiefungen sich zur Aufgabe macht. Wenn dabei die nachweisbaren Statuen aus Gold und Elfenbein eine Ausnahme machten, so kommen ebenso nachweisbar diese Gebilde in der Zeit des Uebermuts der athenischen Republik vor, wo es Zweck des Staates war, der aus allen Teilen Griechenlands zusammenströmenden Menge eine hohe Idee von der Macht und dem Reichtum der Republik zu geben. Daß aber, wie man sagt, auch Marmor- und Erzbilder der besten Zeit Spuren von Bemalung zeigen, erklärt sich vielleicht so, daß sie erst in den Zeiten der verfallenden Kunst, also später, bemalt worden sind.

(1838.)

Die Maler kann man en gros in zwei Hauptrubriken teilen. Die einen betrachten die Darstellung der Natur als Hauptaufgabe, die andern jene des Gedankens. So sehr nun der eigentliche Maler beides vereinigen müßte, so ist doch nicht zu leugnen, daß, die Spaltung einmal als vorhanden zugegeben, die erstere Klasse im Vorteil ist. Denn wer die Natur nachahmt, bekommt jene Gedanken, die in der Natur selbst liegen, gratis in den Kauf mit, indes in dem Gedanken keineswegs noch die äußere Naturwahrheit mit eingeschlossen ist.

(1835.)

Die Deutschen sind in der neuesten Zeit sehr geneigt, die sogenannte erste (jugendliche) Manier großer Künstler den Werken ihrer Reife vorzuziehen. Ob ihnen dabei nicht der Verdacht kommt, daß sie vielleicht im allgemeinen knabenhafte Forderungen an die Kunst machen!

(1855.)

Eigentliche Ideenmaler sind die Kinder. Bei diesen ist ein vierbeiniger Schrägen und darauf ein paar senkrechte Striche mit einem Säbel und Federbusch ein Husar. Das drückt die Idee vollkommen aus.

(1836.)

Dieser neuern deutschen Malerschule fehlt, bei manchen Vorzügen, doch die starke Empfindung der Natur. Ueberall bloß Gedanken- und Gefühlszwecke.

(1821.)

Speth [Fußnote] bemerkt bei der Madonna della sedia von Raphael: »Das Kind verstecke die eine Hand zu tief in den Busen der Mutter, was dem lüsternen Geist Ursache gebe, in Gedanken sich zu belustigen, welche der Seele beim Anblick eines Bildes, das das Heiligste in irdischen Gestalten zeigt, durchaus fremd sein müssen,« Elender! für Leute deinesgleichen hat Raphael nicht gemalt. Ja freilich, wer bei dem Anblick dieser Madonna an so etwas nur denken kann, hat wohl nötig, religiöse Gesinnungen auch in der Kunst zu suchen, denn Schufte brauchen Religion, damit sie im Zaume gehalten werden.

(1821.)

Ein großer Teil von dem angenehmen Eindruck, den die Gemälde der altern Meister auf uns machen, mag wohl auch in dem Rührenden liegen, das jedes redliche Streben hat, dem der Erfolg aus Mangel der Mittel entgeht. So zieht auch das Steife in alten Gedichten und Chroniken an. Die Unbeholfenheit scheint Unschuld, und die Manier einer verflossenen Zeit wird, wenn man sie, statt mit ihrer, mit unserer Zeit vergleicht, zum Charakter, wohl gar zum Stil. Ein Chinese ist in Europa eine Sonderbarkeit, in China eine Gemeinheit.

(1836)

Wie leer ist, was Gaudy (Römerfahrt [Fußnote]) über Michel Angelos letztes Gericht sagt. Es soll nicht in Einheit zusammengehen, zu ausgedehnt kolossal sein. Wer hieß ihn die Seitengruppen als Hauptsache betrachten? Der Welterlöser als Richter mit der entsetzlichen Gebärde der Verwerfung ist nicht nur der Mittelpunkt, er ist die Essenz des Gemäldes, das andere ist nur Staffage,

Sprachliche Studien

(1822)

Die Beweise einer Verwandtschaft von Völkern aus der Verwandtschaft ihrer Sprachen sind um so trüglicher, da die historisch am wenigsten verwandten Völker es doch eigentlich genetisch gar sehr sind, als Menschen beiderseits nämlich: als Menschen, die mit denselben Organen, durch dasselbe Bedürfnis, aus denselben Anlässen zum Sprechen gebracht werden: wozu noch kommt, daß daher auch die ersten Worte aller Völker wahrscheinlich Onomatopöen sind. Sollen sie sich da nicht ähnlich sein?

(1857?)

Die Sprachgelehrten setzt mitunter der Zirkel in Verlegenheit, der darin liegt, daß die Sprache zum Behufe des Denkens erfunden oder gefunden werde, indes man doch ohne vorläufige Sprache nicht denken könne: welch letzteres auch ungezweifelt wahr ist. Aber es hat der Mensch, außer den Gedanken, und zwar noch früher, auch Empfindungen, Bedürfnisse, Triebe, Wünsche, Befürchtungen, die gleichfalls einen Ausdruck suchen und brauchen, wenn erst ein Zusammensein, ob auch nur von zweien, vorausgesetzt wird. Der Mensch allein würde lautlos sein wie das Tier und die Sprache ist weder ein Erzeugnis des Denkens, noch auch der Empfindung, sondern des Dranges und der Notwendigkeit der Mitteilung, wo denn freilich die Empfindungen das erste Mitzuteilende sind. Die Schwierigkeit bei der Mitteilung aber besteht nicht darin, ein Zeichen für das, was man meint, zu finden, sondern daß die andern mit dem Zeichen denselben Sinn verbinden, den ich hineinlegen will. Vor aller Uebereinkunft verständliche Zeichen nun sind nur die Gebärden. Die erste Sprache wird daher eine Gebärdensprache gewesen sein. Diese ist dem Menschen so natürlich, daß wir noch jetzt unsere Wortsprache mit Gebärden begleiten. Ebenso wird man aber auch nicht unterlassen haben – da die unartikulierte Stimme eben auch nichts als eine Gebärde für das Ohr ist – solche sichtbare Andeutungen durch Tone, Lautnachahmungen und Stimmaccente zu erläutern und zu ergänzen. Daß aus der Gewohnheit, die nämlichen Gebärden mit den nämlichen Stimm- und Lautfällen zu begleiten und aus der Ueberzeugung, daß in der Nacht, im Dickicht des Waldes das Stimmzeichen brauchbarer sei als die Gebärde, endlich das Uebergewicht auf die Seite der Mündlichkeit fallen mußte, ist ebenso einleuchtend. Wie aus diesem Gestammel des Bedürfnisses und des Sinneneindrucks unsere abstrakte Wortsprache entstehen konnte, erklärt eine Kategorie, welche in der Logik und Metaphysik keinen Platz hat, in der Wirklichkeit aber mächtiger als jede Macht ist: die Allmählichkeit. Ohnehin ist jedes, selbst das roheste Zeichen bis zu einem gewissen Grade abstrakt, da es nicht den einzelnen Gegenstand, sondern den Gegenstand im allgemeinen bezeichnet.

Hiermit geschieht nicht der Würde des Menschen ein Eintrag, da nur unter Voraussetzung seiner naturbestimmenden Eigenschaften eine solche Entwicklung möglich war und nicht der Punkt, von dem man anfängt, den Wert bestimmt, sondern der, auf dem man ankömmt.

(1860.)

Die Mitteilungsfähigkeit ist das Palladium der Menschheit. Die Tiere würden vielleicht von uns nicht so ungeheuer weit abstehen, wenn der Alte das Erlebte und Erfahrene seinen Jungen als Vermächtnis hinterlassen könnte. Aber in diesem Vorzuge liegt auch eine Gefahr des Verfalls. Die Frühergewesenen haben sich ihre geringen Kenntnisse mit vieler Mühe, durch Erfahrung und oft getäuschtes Nachdenken erworben. Sie sind dadurch in Fleisch und Blut übergegangen und zu Ueberzeugungen geworden. Die Spätern bauen auf dem Ueberlieferten fort und je höher sie bauen, um so schwächer werden ihnen die gar zu leicht, fast nur mit dem Gedächtnis erworbenen Grundlagen. Ist es endlich so weit gekommen, daß die Empfindungen zu Worten, die Ueberzeugungen zu Notizen geworden sind, so verliert die Generation ebensoviel an Charakter, als sie an Kenntnis gewinnt; und dann tritt jener Umsturz ein, der die alten Bildungsepochen zerstört hat und die unsere nicht verschonen wird.

(1819)

Die deutsche Sprache hat ihre Unbeholfenheit in der Poesie schon größtenteils abgelegt. In der Prosa wird sie dahin erst dann gelangen, wenn sie das Periodenmäßige aufgibt, das teils angeborne Gravität, teils Nachahmung des Lateinischen dem Deutschen aufgeredet haben. Der Mangel bestimmter, regelmäßig sich wiederholender Endsilben bei Nenn- und Zeitwörtern, die in den artikellosen Sprachen die entferntesten Glieder einer Rede so leicht und natürlich verbinden, der beschränkte Gebrauch der Mittelwörter, ja ihr Abgang in der leidenden Bedeutung-, die häufigen sich selbst verwirrenden Hilfszeitwörter machen jede verschlungene Redestellung unzweckmäßig und man muß sie um so sorgfältiger fliehen, je mehr die verführerische, Kürze-lügende Möglichkeit, mehrere Sätze ineinander einzuschachteln, durch die abtrennbare Natur unserer Fürwörter begünstigt wird. Soeben bemerke ich, daß die vorstehende Warnung gegen die Verwickeltheit der Redestellung, durch ihre eigene Verwicklung sehr gut das Objekt darstellt, vor dem gewarnt wird und daher als Regel und Beispiel zugleich dienen kann.