25 Reden Akademie der Künste

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25 Reden Akademie der Künste

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Reden zur Eröffnung von Ausstellungen der Akademie der Künste von 1920–1922

Herbst 1920

Die Akademie ist bei der diesjährigen Ausstellung von ihrem bisherigen Programm abgewichen, oder richtiger, sie ist zu dem Programm zurückgekehrt, nach dem bis 1895 die Berliner Akademischen Kunstausstellungen geleitet worden sind: außer Werken ihrer Mitglieder hat sie versucht, alle in Berlin tätigen Kräfte – der Transportschwierigkeiten wegen mußte sie sich auf Berliner Kunst beschränken – in der Ausstellung zu vereinigen, indem sie alle hier schaffenden Künstler zur Beschickung aufforderte. Leider entsprach die Qualität der ungemein zahlreichen Einsendungen nicht dem Niveau, das wir anzustreben uns verpflichtet fühlten, und wir sahen uns daher genötigt, zu dem Mittel der persönlichen Einladungen unsere Zuflucht zu nehmen. Unter den Gästen befinden sich einige Maler und Bildhauer, deren Werke den Streit der Generationen in den umfriedeten Bezirk der Akademie tragen werden, ohne deren Mitwirkung aber kein repräsentatives Bild vom heutigen Standpunkt unserer Kunst gegeben werden kann.

Der Literat vermag hemmungslos jede neue Erscheinung freudig zu begrüßen, der Kunstfreund aber, und gar der schaffende Künstler, ist nicht in so bequemer Lage, da er mit dem Maßstab der eigenen Sehweise an die neuen Dinge tritt. Ihm fehlt das Verständnis für das Neue, weil ihm das Organ, die Liebe, fehlt.

Denn der Künstler versteht nur das Kunstwerk, das er liebt, und er liebt nur das, das er versteht. Dieser Konflikt wird besonders schwer Werken gegenüber, deren Technik, – wenn Technik die Kunst in der Kunst bedeutet – der seinigen nicht nur diametral entgegengesetzt erscheint, sondern die seinige zu vernichten gewillt ist, in deren Wesen sich aber trotzdem ernstes, künstlerisches Streben dokumentiert.

Wer selbst in seiner Jugend die Ablehnung des Impressionismus erlebt hat, wird sich ängstlich hüten, gegen eine Bewegung, die er nicht, oder noch nicht versteht, das Verdammungsurteil zu sprechen, besonders als Leiter der Akademie, die, wiewohl ihrem Wesen nach konservativ, erstarren würde, wenn sie sich der Jugend gegenüber rein negativ verhalten wollte.

Nicht nur Pflicht, sondern Selbsterhaltungstrieb zwingt die Akademie, eine Bewegung, der sich die Jugend rückhaltlos angeschlossen, mit der größten Sorgfalt und ohne Voreingenommenheit zu prüfen, statt sie mit überlegenem Lächeln von sich abzuweisen.

Jede neue Kunstströmung schafft eine neue Form. Aber die neue Form muß auch die Kraft in sich haben, eine neue Kunst zu erzeugen, denn, wie Kant sagt, es kann auch originalen Unsinn geben. Ob nun die neue Form vorbildlich werden wird, – das einzige Kriterium für das wahrhaft Künstlerische in jeder neuen Form – darüber entscheidet endgültig nur die Zeit, denn nur sie kann ein abgeklärtes Urteil, das über dem Streit der Parteien steht, geben. Die Zeitgenossen werden nie mit vollkommener Gewißheit unterscheiden zwischen Willkür und Notwendigkeit. Aber diese Unsicherheit entbindet uns keineswegs der Verpflichtung, jede Gelegenheit zur Prüfung unserer Eindrücke und Aufnahme neuer Werke wahrzunehmen. Eine solche Gelegenheit möchte diese Ausstellung bieten, indem sie Schöpfungen von verschiedener Art – da sie Werke verschiedener Generationen sind – in dichtem Nebeneinander vorführt und dadurch Vergleichung und Klärung ermöglicht. Denn der Wert einer Kunstschau, besonders einer staatlichen Veranstaltung, besteht nicht nur im Kunstgenuß, sondern auch in der Kunstbildung.

Je mehr die Akademie in der Kunstbildung die Kunstförderung erblickt, desto eifriger muß sie bestrebt sein, nicht nur feststehender, überlieferter Gesetzeskanon zu sein, sondern das lebendige Gesetz, das sich ewig entwickelt und erneut nach den Vorschriften, die, aus den Meisterwerken der Vergangenheit geschöpft, sich ergänzen aus den Werken der zeitgenössischen Kunst. Die Akademie soll der Regulator an der Kunst sein: die Tradition in der Kunst erhaltend, aber nicht in der Tradition erstarrend, sie darf keine Festung werden, in der die Angekommenen und die Anerkannten sich gegen die Jungen verschanzen, deren Äußerungen, jenseits von schön und häßlich, etwas bieten, was keine andere Kunst zu geben vermag, nämlich etwas von dem Wesen der Tage, die wir durchleben und die uns deshalb mehr angehen als alle andern Tage.

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Sommer 1921

Zum ersten Male hat die Akademie in ihren Räumen eine Ausstellung veranstaltet, die ausschließlich den zeichnenden Künsten gewidmet ist; sie glaubte sich dazu nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet. Denn die Zeichnung ist die Grundlage aller bildenden Kunst. Materiell weisen ja die Zeitverhältnisse auf die Graphik hin, wie künstlerisch von alters her, besonders seit Albrecht Dürer, der deutsche Geist das Höchste in ihr geleistet hat.

Man hat oft gesagt, daß die Zeichnung uns in die Werkstatt des Künstlers führe, aber sie führt uns weiter bis ins Innerste seiner Persönlichkeit. In der Zeichnung können wir die Phantasie des Künstlers vom ersten Augenblick, da sie Gestalt wird, verfolgen, und sie zeigt sich deutlicher als im vollendeten Bilde, dessen schwerer zu bewältigendes Material und die lange Arbeit sie ach! so oft bis zur Unkenntlichkeit verdecken.

Nur der Ursprung der Kunst ist göttlicher Natur, während dem vollendeten Werke, als einem Menschenwerke, peinlicher Erdenrest anhaftet. Die Zeichnung ist die erste Niederschrift der künstlerischen Intuition; frei und unbehindert folgt der Stift der Phantasie des Künstlers, unter Weglassung jeden Details nur das Wesentliche andeutend. Daher verlangt sie auch von dem Beschauer eine tätigere Mitarbeit, um zu ergänzen, was die Zeichnung wegließ und weglassen mußte. Wie das lyrische Gedicht die Phantasie des Lesers stärker in Anspruch nimmt als der dickbändige und weitschweifige Roman.

Aber der Beschauer wird für seine Mitarbeit reichlich entschädigt durch den Genuß, den allein das Verständnis zu geben imstande ist, jenes wahre Verständnis, dem die Liebe zur Kunst den Weg gebahnt hat.

Die Zeichnung ist Hieroglyphenschrift, die nur aus dem Verhältnis des Künstlers zur Natur zu deuten ist, womit nicht etwa die mehr oder weniger getreue Wiedergabe der Wirklichkeit gemeint ist. Sondern unter dem Verhältnis des Künstlers zur Natur verstehe ich seine Weltanschauung. Ob Raffael die Welt mehr von der monumentalen, Rembrandt mehr von der mitempfindenden menschlichen Seite auffaßt, – beide kommen zum selben Resultat, eines jeden Gedanke ist in ihrem Werke Gestalt geworden.

Denn der Gedanke in der Kunst ist die Ausführung. Plötzlich und unbewußt dem Hirn des Künstlers entspringend, geht er bis in die Fingerspitze und in den Stift, der, als williger Handlanger, den feinsten Regungen seines Herrn gehorcht. Daher die Wirkung der Zeichnung oft mächtiger als die des vollendeten Werkes, weil sie uns die Persönlichkeit des Künstlers unmittelbarer und ungeschminkter zeigt, weil wir dem Werdeprozeß des Werkes gleichsam beiwohnen.

Ohne die Vorteile zu verkennen, welche die seit Erfindung der Photographie fast bis ins Unglaubliche vervollkommneten technischen Reproduktionsverfahren genommen haben, dürfen wir uns nicht die Gefahren verhehlen, die sie für die Kunst im Gefolge haben. Sie verallgemeinern das Interesse für die Kunst, aber vertiefen sie es? Auch die vollendetste mechanische Wiedergabe, die jedes Tüpfelchen, jeden Fleck des Papiers, jeden Strich und Punkt des Originals kopiert, eines bleibt sie ewig schuldig: den Geist, die Inspiration, das, was die Zeichnung zum Kunstwerk erst macht. Die Schönheiten einer Zeichnung an seiner mechanischen Reproduktion nachweisen zu wollen, hieße die Schönheiten der Venus von Milo an einer Kopie in Bronze demonstrieren. Nur der Geist vermag Geist zu erzeugen. Mark Anton konnte Raffael in den Kupferstich übersetzen, wie Waltner oder Köpping Rembrandts Bilder in die Radierung. Aber wenn auch aus der leblosen Kopie eine lebendigere Übersetzung geworden ist: »Über allen Wipfeln ist Ruh« oder »Wenn ich, liebe Lili, dich nicht liebte«, muß man im Original lesen, um ihre Schönheiten ganz auszukosten.

Ebenso wie im vorigen Herbst hat die Akademie auch zu der diesjährigen Ausstellung außer an ihre Mitglieder an zahlreiche Künstler, die ihr nicht angehören, Einladungen ergehen lassen, denen leider nicht alle folgen zu können glaubten, was erwähnt werden muß, damit dadurch entstandene Lücken nicht etwa einer Engherzigkeit der Akademie zur Last gelegt werden.

Zum Andenken an unsere verstorbenen Mitglieder Max Klinger und Adolf von Hildebrand zeigen wir deren Werke in einer zu Berlin wohl noch nie vorgeführten Reichhaltigkeit. Den staatlichen Sammlungen in Dresden und Leipzig, den Privatsammlern, die uns die in ihrem Besitz befindlichen Werke anvertraut haben, statten wir unseren tiefgefühlten Dank ab. Zum Preise Hildebrands oder Klingers ein Wort zu sagen, hielte die Akademie für überflüssig: beiden hat schon die Mitwelt den Lorbeer gereicht, und ihre Werke verbürgen ihnen Unsterblichkeit. Das Genie haben die Götter ihnen als Geschenk in die Wiege gelegt. Was aber ihr Fleiß aus diesem Geschenke gemacht hat, diene uns zu leuchtendem Vorbilde gerade in jetziger Zeit, wo Können in der Kunst verachtet wird und die primitiven Äußerungen der Südsee-Insulaner und der Papua-Neger der Jugend als Vorbild empfohlen werden. Nein! Kunst kommt immer noch von Können, das darin besteht, seinen Empfindungen die adäquate Form zu verleihen, und es ist vielleicht nicht unzeitgemäß, daran zu erinnern, was Schiller kurz vor seinem Tode, im Zenith seines Ruhmes stehend, an Körner schrieb: »Ich wäre unphilosophisch genug, alles, was ich selbst und andere von der Elementar-Ästhetik wissen, für einen einzigen empirischen Vorteil, für einen Kunstgriff des Handwerks hinzugeben. Ich möchte behaupten, daß es kein Gefäß gibt, die Werke der Einbildungskraft zu fassen, als eben diese Einbildungskraft selbst'«.

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Frühling 1922

Nach demselben Pogramm, das uns vor anderthalb Jahren bei der ersten Ausstellung geleitet hat, ist diese, die zweite Ausstellung, eingerichtet und zustande gekommen. Programm heißt Vorschrift: nichts aber weisen die schaffenden Künstler heftiger zurück als Vorschriften. Und mit Recht. Das Programm kann nichts anderes als ein Ideal aus Erlebnissen aufstellen. Das echte Kunstwerk aber tritt auf als neuartig und einmalig, jeder Voraussicht widersprechend und jeder Vorschrift spottend. Unser Programm dürfte also nur darin bestehen, keins zu haben. Ohne jede vorgefaßte Meinung sollte die Leitung einfach das Beste auswählen, wobei sie freilich auf ihren subjektiven Geschmack angewiesen ist. Allein wir vermögen doch bei ernstem Willen durch Erwägungen die Willkür und Einseitigkeit des subjektiven Urteils einzuschränken und uns zur Gerechtigkeit und weitherzigen Empfänglichkeit zu erziehen. Im besonderen sollen wir stets an den Gegensatz der Generationen denken.

Ranke sagt bei der Darstellung der Jugend Friedrichs des Großen: »Es ist nicht die Absicht der Natur und der Vorsehung bei der Aufeinanderfolge der Generationen, daß die aufwachsenden Geschlechter den vorangehenden gleich seien und die Kinder die Lebensgedanken der Eltern noch einmal zur Erscheinung bringen.« Und nun gar in der Kunst, in der sich die Absichten der Natur am feinsten widerspiegeln, ist es da nicht eine naturgemäße Notwendigkeit, daß die gegenwärtige Generation ihren Kunstsinn in neuen Formen, ja sogar in Formen dokumentiert, die denen der früheren Generationen diametral entgegengesetzt zu sein scheinen? Und so schwer es ihr auch wird, nicht nur Klugheit, sondern auch Pflichtgefühl befiehlt der älteren Generation, die jüngere verstehen zu lernen.

Kindisch, der Kunst zuzurufen: bis hierher und nicht weiter, denn die Kunst hat ihre Grenzen nur in der Ausdrucksfähigkeit ihrer Mittel. Wie anders aber kann sich die Erweiterung der künstlerischen Ausdrucksmittel zeigen als in der Objektivierung der künstlerischen Individualitäten? Jedes Werk, in dem wir eine neue Individualität zu erkennen glauben, muß ausgestellt werden, denn nur die Ausstellung ermöglicht durch Vergleichung ein einigermaßen richtiges Urteil für die Gegenwart da, wo definitiv allein die Zeit entscheiden kann, ob das auch neue Kunst ist, oder nicht. Der Beweis wird erst dadurch erbracht, daß das Neue vorbildlich wird oder, wie Kant sagt, daß die Kunst der Natur die Regel gibt.

Nur die Jury, die die Kunst nicht sowohl als Gewordenes, sondern vielmehr als ein Werdendes auffaßt, darf hoffen, gerecht zu urteilen. Aber selbst wenn sie sich geirrt haben sollte, ist es besser, der Jugend zu viel Spielraum zu gewähren, als sie einzuengen. Denn die ältere Generation muß vor allen Dingen ein Verhältnis gegenseitigen Vertrauens mit der jüngeren Generation erstreben, indem sie, nach Goethes Wort, die Talente nicht leugnet, wenn sie ihr auch mißfallen, sonst ist eine gedeihliche Zusammenarbeit und ohne sie eine gedeihliche Entwicklung unserer Kunst undenkbar und unmöglich.

Zum Gedächtnis unseres leider zu früh verstorbenen Mitgliedes Reinhold Lepsius haben wir eine Anzahl seiner Werke vereinigt: Wir, seine Kollegen, betrauern in dem Dahingeschiedenen den wertvollen Menschen wie den bedeutenden Künstler, dem es gegönnt war, die Berliner Gesellschaft am Ende des vorigen, wie am Anfang dieses Jahrhunderts mit geschmackvollen und interessanten Bildnissen festzuhalten.

Mit Genugtuung darf ich konstatieren, daß mit einer einzigen Ausnahme alle die Künstler der jüngeren Generation, die wir eingeladen haben, unserem Rufe gefolgt sind, was hoffentlich für beide Teile gleich vorteilhaft sein wird, denn die Nebeneinanderstellung von Werken der älteren und der neueren Richtung wird den Beweis ad oculos erbringen, daß es nicht auf die Richtung, sondern auf die Persönlichkeit ankommt, daß das Werk das Entscheidende ist, nicht der Zeitstil, seine modische Umkleidung. Ein Werk ist gut, nicht weil, sondern obgleich es einer bestimmten Richtung zugehört.

Weit davon entfernt, mein eigenes Kind verleugnen zu wollen, bin ich vielmehr stolz darauf, einer der Begründer der Berliner Sezession gewesen zu sein. Sie war notwendig geworden, weil die Akademie sich verständnislos gezeigt hatte gegenüber den Sehnsüchten und Aspirationen einer aufstrebenden Künstlergeneration. Eine derartige Kurzsichtigkeit darf sich die Akademie nicht wieder zuschulden kommen lassen: denn mehr als je bedürfen wir in der augenblicklichen schwierigen Lage der Einigkeit. Nur wenn die Akademie die Repräsentantin der gesamten Künstlerschaft ist, wird sie den ihr gebührenden Platz im Kunstleben Berlins einnehmen. Die Akademie soll Ratgeberin und Vermittlerin sein zwischen der Künstlerschaft und der Regierung, und zwar von solch entscheidendem Einfluß, daß weder die eine noch die andere an ihr vorbeigehen kann. Sonst wird die Akademie überhaupt nicht sein. Viel zu alt um selbst das Ziel noch zu erreichen, sehe ich nur von ferne das gelobte Land: das »voluisse« muß mir genügen.