19 Bildschmuck für Schulen

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19 Bildschmuck für Schulen

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Künstlerischer Bilderschmuck für Schulen. Zwei Briefe.

»Hamburgischer Correspondent«, 1897 und 1898

Sehr geehrter Herr!

Selbst die eingefleischtesten Pedanten und ärgsten Philister werden Ihre Idee, die Schulräume so angenehm als möglich zu gestalten, freudig begrüßen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der ästhetische Sinn des Volkes mächtig gehoben würde, wenn schon im Schüler der Sinn für Kunst geweckt würde.

Wie das zu machen, ist allerdings eine schwierige Aufgabe.

Direkt, das heißt durch Aufhängen von Reproduktionen nach Kunstwerken, scheint sie mir nicht gelöst werden zu können, weil erstens der Mensch, der ein Jahr oder wenigstens ein halbes Jahr hindurch dieselbe Reproduktion an derselben Stelle sieht, sie überhaupt nicht mehr sieht, zweitens aber eine oder selbst mehrere Reproduktionen kaum einen wohltuenden farbigen Eindruck hervorbringen. Und gerade der wohltuende Eindruck soll dem Schulzimmer gegeben werden, damit der Schüler unbewußt sich so daran gewöhnt, daß er später im Leben dessen benötigt. Die Kunst oder der durch die Kunst hervorgerufene Eindruck soll Notwendigkeit werden, statt, wie bisher, Luxus zu sein.

Ich glaube auch, daß man einfacher als durch, wenn auch noch so vortreffliche Nachbildungen selbst der besten Vorbilder einen Raum wohnlicher und anmutiger gestalten könnte – was freilich unendlich viel schwerer –, wenn man ihm vor allem gutes, helles Licht (durch Verteilung der Fenster, durch angemessene Proportionen der Länge, Breite und Höhe), besonders aber durch einen intensiv farbigen Anstrich ein freundliches Ansehen gäbe. Ein einfacher Strich in der richtigen Höhe belebt die ganze Wand, unterhalb desselben ein satterer Ton (der Reinlichkeit wegen in Ölfarbe); oberhalb eine luftigere, aber immer noch farbige Tönung kann dem gehörig und reichlich erhellten Raum ein freundliches Aussehen geben.

Vor allem wird dadurch dem Schulzimmer das Gefängnisartige genommen. Ohne daß der Schüler es merkt (und das Unbewußte wirkt am meisten), fühlt er sich in einem solchen Räume wohler. Und auf das Sichwohlfühlen kommt es an; die Kunst soll den Menschen vor allem befreien von dem Rohen.

Blumen vor den Fenstern, freie Plätze vor dem Schulhause, grüne Bäume, die lustige Reflexe in die Räume werfen, würden natürlich den Eindruck des Behaglichen unendlich unterstützen.

Ich glaube, daß der ästhetische Sinn des Schülers, der in solchen Räumen seine Schulzeit absolviert hat, derartig geweckt würde, daß er die Öde und Leere nicht mehr ertragen würde. Und das wäre vor allem zu erstreben.

Er würde dann versuchen, sich in seinen vier Wänden alles nett herzurichten; somit ist der Trieb zum Kunstgenuß in ihm erweckt.

Dann würde die Betrachtung der Kunstwerke in den Museen, in den öffentlichen Gebäuden auf den empfänglichen Boden fallen, daß heißt es würde die Lust und Freude an der Kunst im Beschauer erwachen.

*

Sehr geehrter Herr!

Vor allem möchte ich ein Mißverständnis aufklären; ich bin durchaus kein Gegner Ihrer Idee, im Schulzimmer farbige Bilder respektive Reproduktionen aufzuhängen.

Ich meine aber, daß ein paar Bilder ein Zimmer nicht wohnlicher machen, zumal ein großes Schulzimmer. Das muß vor allem Licht, Licht und nochmals Licht haben. Dann einen Anstrich mit einem freundlichen, lebhaften Ton. Wenn Sie darauf ein paar Bilder, um die Wände zu beleben, hängen – tout mieux, aber letztere allein genügen nicht. Besonders werden Reproduktionen nicht genügen, da die doch stets in starker Verkleinerung das Original wiedergeben und dadurch allein schon das Original kaum wiedergeben können. Die Venus von Milo in ein Viertel oder in ein Achtel der Originalgröße wiedergegeben und noch dazu in einem anderen Material als das Original, in Bronzeguß etwa, macht gar keinen Eindruck, hat auch gar keine Ähnlichkeit (trotz der größten Genauigkeit in der Wiedergabe) mit dem Original.

Und was noch schlimmer: an der Reproduktion (vielleicht gar an der Photographie) wird dem Schüler die Schönheit des Kunstwerks gezeigt, die eben nur das Original besitzt. Der Schüler wird also gezwungen, mit den Ohren ein Kunstwerk zu genießen, was ja allerdings viel bequemer ist, aber auch zugleich der Sitz des ganzen Übels. Wir müssen wieder mit den Augen sehen lernen. Die Lübkes haben viel Schuld daran, daß in Deutschland der Sinn für bildende Kunst weniger ausgebildet ist als in anderen Ländern.

Nun kann man freilich Reproduktionen in der Größe des Originals nach Holzschnitten – mechanische Reproduktionen nach bunten Vorbildern, der sogenannte Öldruck und dergleichen scheint mir ein Greuel – Kupferstichen und so weiter machen, die bei der jetzigen Vollkommenheit der Vervielfältigung das Original wohl wiedergeben. Aber denen fehlt eben das Dekorative, was doch für Ihre Zwecke das erste Erfordernis ist.

Ich meine also: erstens ist ein Zimmer durch ein paar Bilder an der Wand allein nicht freundlicher zu gestalten, zweitens werden Reproduktionen nach Holzschnitten, Kupferstichen (alle andern töten den ästhetischen Sinn, mehr als sie ihn beleben) nicht genügen, in den Kindern die Freude an der Kunst zu wecken.

Ich bin durchaus der Meinung, daß für die Kinder das Beste gerade gut genug ist, besonders in der Kunst, und ich wäre glücklich, wenn ich etwas für den Wandschmuck der Schulzimmer geeignetes machen könnte.

Vielleicht gelingt mir mal etwas, was einfach und gut genug dazu wäre.