16 Karl Blechen

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16 Karl Blechen

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Karl Blechen

Programm zur Ausstellung der Akademie der Künste, 1921

»Was in der Zeiten Bildersaal

Jemals ist trefflich gewesen,

Das wird immer einer einmal

Wieder auffrischen und lesen.«

Die Akademie hält es für ihre Pflicht, die reichen Schätze der Vergangenheit, die in den Sammlungen versteckt ruhen und nur von wenigen gekannt, noch weniger genutzt werden, wieder der Öffentlichkeit vorzuführen. Zumal in jetziger Zeit, wo wir auf uns angewiesen sind, wo wir uns auf uns besinnen müssen. Und vielleicht liegt in dieser Beschränkung eine Hoffnung auf zukünftige Besserung.

Daß die Akademie als ersten, den sie zeigt, gerade Blechen gewählt hat, ist kein Zufall, denn er war ein Maler von Gottes Gnaden. Einer der wenigen Auserwählten, der nicht nur zu den Besten seiner Zeit gehörte – und als solcher übrigens von seinen Zeitgenossen eingeschätzt wurde –, sondern der auch auf die Besten seiner Zeit, wie auf Menzel, einen entschiedenen Einfluß ausgeübt hatte.

In Kottbus geboren, kommt er als junger Mensch nach Berlin, von seinen Eltern für den Kaufmannsberuf bestimmt. Aber sein ihm innewohnender künstlerischer Drang trieb ihn zum Zeichnen und Malen nach der Natur. Er kommt auf die Berliner Akademie, ist acht Jahre als Dekorationsmaler tätig, lernt in Dresden Dahl kennen und malt unter dessen Einfluß Landschaften mit romantischem Einschlag, die auf den Ausstellungen den Beifall der Kenner finden. Aber erst eine italienische Reise läßt ihn zum Meister werden. Erst in Italien ringt er sich zur Freiheit durch. Die Studien, die er von dort mitbringt (oft im kleinsten Format), geben das Höchste, was ein Maler zu geben hat, sie geben das wieder, was Blechen gesehen hat: das Einfachste und daher Schwerste.

Je naturalistischer ein Künstler ist, je mehr er also die Natur abzuschreiben scheint, desto weniger tut er es. Der geborene Maler will nicht nur, sondern er muß malen, was er sieht, denn er malt ja nicht die Wirklichkeit, sondern die Vorstellung von der Wirklichkeit: er malt die subjektive Natur, indem er die objektive zu malen glaubt, und zwar je größer und stärker die ihm eingeborene Kraft, das heißt sein Genie, ist, um so subjektiver, um so mehr wird er seine Natur, das heißt sich ins Bild hineinmalen. Ihm selbst unbewußt, denn das Genie ist vor allem naiv: es sucht nicht, sondern es findet oft erst auf weiten Umwegen. Natürlich ahmt der Jüngling – auch wenn er ein Raffael oder Rembrandt ist – zuerst einen Meister nach, aber in dem, was er seinem Meister entlehnt, kündigt sich der spätere Raffael oder Rembrandt an. Schon in seinen frühesten Bildern, die sehr der Art von Dahl oder Caspar David Friedrich ähnlich sind, zeigt sich der Blechen der italienischen Studien, die abgeschrieben von der Natur zu sein scheinen, doch der vollendetste Ausdruck seiner Persönlichkeit sind. Mit anderen Worten: vollendete Kunstwerke, und zu vergleichen mit den köstlichen römischen Bildern Corots in der Sammlung Moreau-Nelaton, die jetzt das Louvre aufbewahrt. Corots Lyrismus, dabei treffendste Sicherheit im Aufbau: sie geben – um mich Kants Wort zu bedienen – der Kunst die Regel: sie sind mustergültig, denn in ihnen ist es Blechen gelungen, seine Phantasie zu realisieren.

Ebenso charakteristisch für Blechen, wie auch für sich selbst, nannte Schadow den Künstler einen unvergleichlichen Skizzierer: die Zeit verstand unter einem fertigen Bilde das nach überkommenen Regeln komponierte und »ausgemalte« Werk. Erst der folgenden Generation des Impressionismus war es vorbehalten, das Rembrandtsche Wort wieder zur Geltung zu bringen: daß ein Bild vollendet ist, wenn der Künstler in ihm ausgedrückt hat, was er hat ausdrücken wollen.