13 H. Grisebach

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13 H. Grisebach

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Hans Grisebach

»Kunst und Künstler«, 1916

Unsrer Welt Paläste baust du.

Baust zugleich die Welt auch selber.

Heiter aus des Lebens Gleichung

Rechnend das berühmte X.

Doch wir fürchten: deine Zirkel,

Keuscheste Gedankenkreise,

Stört mit übermüt'gem Tritte

Einst ein allerliebstes Füßchen.

So hatte kurz vor Ausbruch des siebziger Krieges in dem eben erschienenen neuen »Tanhäuser« Eduard Grisebach seinem um ein oder zwei Jahre jüngeren Bruder Hans zugerufen, ohne wohl selbst zu ahnen, wie bald seine dichterische Prophezeiung in Erfüllung gehen würde. Denn aus dem angehenden Architekten war in wenigen Jahren ein berühmter Baumeister geworden. Und auch, was ihm in der zweiten Strophe geweissagt war, hatte sich durch seine Verheiratung bewahrheitet.

Hans Grisebach stand im Zenith seines Ruhmes, als ich ihn Mitte der achtziger Jahre kennen lernte. Er war ein schlanker, hochgewachsener Mann, dessen korrekte Haltung schwer den Künstler erraten ließ. Eher hätte man ihn für einen Beamten halten können oder einen Offizier, als der er den Krieg gegen Frankreich bei den Gardefüsilieren, den sogenannten Maikäfern, mitgemacht hatte. Was aber am meisten an ihm auffiel: der große, runde Kopf, der um so größer wirkte, als seine untere Partie besonders klein war, gab seinem Gesicht ein fast kindliches Aussehn, das noch durch blaue, träumerische Augen und das Rosige seines Teints verstärkt wurde. Während sein Bruder Eduard auffallend brünett war, war er äußerst blond.

Er war sehr zurückhaltend, aber nicht aus Stolz, sondern aus Selbstachtung: er haßte das Gewöhnliche. Doch im intimen Kreise taute er auf und er konnte von bezaubernder Liebenswürdigkeit sein, und sein ausgesprochen hannoverscher Dialekt – in Hannover soll bekanntlich das reinste Deutsch gesprochen werden – unterstützte noch die Kultur, die seine Worte atmeten.

Geboren als Sohn des Botanikers Grisebach, der die Universität und die Stadt Göttingen ein Menschenalter hindurch beherrschte, hatte er die beste Kinderstube gehabt. In dem Hause des Vaters, der ein Korpsbruder und Duzfreund Bismarcks und ein Schwager des großen Chirurgen Langenbeck war, sah er von Jugend an die geistige Elite Deutschlands. Das gab seinem Auftreten die ruhige Sicherheit, das stolze Selbstbewußtsein, das ihn die Eitelkeiten der Welt, Titel und Orden verachten ließ. Frühzeitig hatte ihm seine eminente Begabung den ihm gebührenden Platz unter den besten seiner Kollegen eingeräumt, ohne den schweren Kampf, der oft auch den Begabtesten nicht erspart blieb. Die Grazie und Anmut seines Talentes liessen ihm die reifen Früchte in den Schoß fallen; unbestritten war er einer der berühmtesten und gesuchtesten Baumeister Berlins geworden und er wäre der berühmteste geworden, wenn er nicht alles getan hätte, um – es nicht zu werden.

Nicht etwa, daß er nicht mit Leib und Seele bei seiner Kunst gewesen wäre, aber sobald er die künstlerische Lösung seiner Aufgabe gefunden zu haben glaubte, war sein Interesse geschwunden. Das Geschäftliche, das mit jedem Bau und vor allem mit jedem Bauherrn verbunden ist, war ihm zuwider. Er liebte seine Kunst wie je ein Künstler, aber statt die Verdrießlichkeiten, die die Ausführung eines jeden Baues nun einmal mit sich bringt, zu überwinden, suchte er sich ihnen durch die Flucht zu entziehen.

Daher der Zwiespalt in seinem Leben, der ihn auch vorzeitig seiner Kunst entzog. Statt seinen Neigungen zu widerstehen, erlag er ihnen, und die letzten zehn Jahre seines kurzen Lebens war er nur noch Bibliophile, auch darin seinem Bruder Eduard ähnlich, der nach dem phänomenalen Jugenderfolg mit seinem »Neuen Tanhäuser« die letzten dreißig Jahre seines Lebens kaum noch einen Vers geschrieben hatte und mit aufopferndem Fleiße machte, was ein jeder Bibliothekar hätte machen können. Beide Brüder waren Genußmenschen: sie lebten ihren Neigungen. Sie taten, was ihnen ihr Talent zu tun vorschrieb, ohne von ihm mehr zu fordern; daher in beider Leistungen das Vollendete der Form, das Graziöse, aber auch ein gewisses Weibliches, das Fehlen des Äußersten, das nur dem Künstler beschieden ist, der den Kampf mit dem Engel durchgefochten hat; ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Beider Brüder Talent war lyrischer, fast romantischer Natur, das nicht ganz in das realistische Zeitalter Bismarcks paßte; der um ein oder zwei Jahre Ältere, nachdem er seine Jugendsensationen in die unvergänglichen Verse des »Neuen Tanhäuser« gegossen hatte, fand im Studium Schopenhauers Befriedigung. Hans Grisebachs Talent entfaltete sich während der Umwandlung Berlins aus einer mittleren Residenz zur Reichshauptstadt und er machte sie nicht nur mit, sondern er bestimmte ihren architektonischen Charakter mit durch sein Faberhaus, dessen letzte Konsequenzen erst Messel ziehen sollte. Das Landhaus in der Lichtensteinallee mit der reizenden Loggia war seine Lieblingsschöpfung und ich glaube, daß sich in diesem Bau die ganze Fülle seines Talentes und seiner Kultur dokumentierte.

In der so seltenen Vereinigung von ursprünglichem Talent und höchster Kultur liegt das Charakteristische von Grisebachs künstlerischer Persönlichkeit. Er fußte in und auf der Tradition, aber bedeutet das etwa einen Mangel an Originalität? Nur die »Narren auf eigene Hand« wollen eine neue Form erfinden: der Künstler will ausdrücken, was er empfindet, seine Vision. Selbstverständlich bedient er sich dazu der vorhandenen Formen, die zu neuen Formen, ??? werden, indem er seine Empfindungen auszudrücken versucht. Mag einer in griechischen oder römischen, in byzantinischen, gotischen oder Renaissanceformen bauen, das ist ganz gleichgültig: nur die Kraft der Persönlichkeit, die sich in den verschiedenen Formen ausdrückt, macht die Größe des Künstlers.

Grisebach hat jeder seiner Schöpfungen den Stempel seiner Persönlichkeit aufzudrücken vermocht. Würde sonst in unserer schnell lebenden und noch schneller vergessenden Zeit noch von ihm die Rede sein!